Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Travemünde „Für 760 000 Euro an den Herrn in der vierten Reihe“
Thema T Travemünde „Für 760 000 Euro an den Herrn in der vierten Reihe“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:55 10.10.2015
Flächendeckender Vogelkot auf den Fliesen sowie Schimmelbefall an den Wänden verunstalten seit vielen Monaten die Empfangshalle des Travemünder Strandbahnhofs. Zudem hat sich durch Untätigkeit des früheren Besitzers Deutsche Bahn ein hoher Sanierungsstau ergeben. Quelle: Malzahn
Berlin

Es war der Höhepunkt der gestrigen Immobilien- Versteigerung des renommierten Auktionshauses Karhausen AG. Um 17.05 Uhr rief Auktionator Matthias Knake das Objekt Nummer 21 auf. Die Spannung im Saal mit den weinrot gepolsterten Stühlen stieg sprunghaft.

Zuvor waren nur kleinere Grundstücke aus dem Besitz der Deutschen Bahn AG in Schleswig-Holstein und Niedersachsen an der Reihe gewesen. Mit dem Travemünder Strandbahnhof wurde nun aber sozusagen der dickste Fisch des Tages angeboten.

Zwei Gebote für die rund 6700 Quadratmeter große Immobilie lagen bereits vor. Bei 670 500 Euro begann Auktionator Knake mit der Versteigerung. Und die hatte es in sich. Rund eine Viertelstunde lang übertrumpfte ein Gebot das andere. Drei Bieter — einer davon hatte den Auftraggeber am Handy — lieferten sich ein heißes Gefecht, wie man es sonst vielleicht nur aus Filmen kennt. Zuerst wurde in Steigerungsstufen von 5000 Euro erhöht. Als die 700 000-Euro-Grenze übertroffen war, ging es nur noch in Tausender-Schritten weiter. Es wogte hin und her.

Um 17.19 Uhr erhielt schließlich ein Bieter von Mitte 50, mittelgroß, graues Haar, mit Brille, den Zuschlag. „Für 760 000 Euro an den Herrn in der vierten Reihe“, verkündete Auktionator Knake und ließ seinen hölzernen Hammer zum dritten Mal niedersausen. Der erfolgreiche Bieter allerdings gab sich danach recht wortkarg. Auf keinen Fall wollte er den LN seinen Namen sowie seinen Auftraggeber verraten. Erst wenn die notariellen Verträge unterzeichnet wären, „etwa in vier bis sechs Wochen“, wolle sich der Erwerber äußern.

Ob er etwa im Auftrag des städtischen Koordinierungsbüros Wirtschaft in Lübeck (KWL) das denkmalgeschützte Gebäude ersteigert habe, ließ der Mann ebenfalls offen. „Kein Kommentar.“ Nur eins sagte er: Der Strandbahnhof bleibe „ein öffentliches Gebäude“. Mit dem Ausgang konfrontiert, wies KWL-Chef Dirk Gerdes alle Mutmaßungen zurück: „Wir sind es definitiv nicht. Wir hätten allerdings sehr gerne mitgeboten“, führt er aus. Ziel war es, aus dem Strandbahnhof ein zentrales Touristikzentrum für das Ostseebad zu machen, mit den Mietern Lübeck und Travemünde Marketing GmbH (LTM) sowie dem Kurbetrieb. „Uns ist es allerdings nicht gelungen, eine Wirtschaftlichkeit für das Betreiben des Gebäudes nachzuweisen, was als Voraussetzung für unseren Einstieg in die Auktion definiert war“, bilanzierte Gerdes.

Laut eigener Kalkulation wäre man nach dem Erwerb auf eine Förderung angewiesen gewesen. „Warum sich nun aber der Käufer nicht outet, ist mir schleierhaft und lässt wieder viel Interpretationsspielraum zu“, kommentierte er. So fiel auch die Einschätzung von Kurdirektor Uwe Kirchhoff aus: „Es bleibt wirklich spannend. Wir hoffen natürlich auf eine sinnvolle öffentliche Nutzung, um Travemünde nach vorne zu bringen.“

Doris Schütz, Pressesprecherin der LTM, kommentierte: „Wir wünschen uns, dass der Investor den Strandbahnhof als Schmuckstück des Seebades einer wertigen Nutzung zuführt und das Umfeld positiv beeinflusst. Der Strandbahnhof ist insbesondere für mit der Bahn anreisende Gäste der erste Eindruck. Ein sympathisches ,Willkommen‘ trägt zum Gesamterlebnis Travemünde entscheidend bei, es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck!“

Reinhard Zweigler und Michael Hollinde