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Travemünder Woche Eine Segelwoche schreibt Geschichte
Thema T Travemünder Woche Eine Segelwoche schreibt Geschichte
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16:58 18.07.2014
„Die TW ist für uns Familie.“ Udo und Barbara Ott

Es ist kalt, oft sogar saukalt, wenn Birgit Stamp-Oehme in ihrem Container am Strand sitzt. Die Kälte kriecht den Rücken hoch, greift nach den klammen Fingern. Und dann sind da noch die vielen Jugendlichen, fragen nach Ergebnislisten, suchen weinend ihre Eltern oder brauchen einfach nur irgendetwas. Sie alle haben eine Anlaufstelle: Birgits Büro-Container. Das ist seit Jahren so, bei allen Jugend-Großevents der Travemünder Woche. Dänen, Holländer, Aussies — alle wollen zu Mum Birgit. „Ich mach das gern, bin mit Herzblut dabei“, sagt die 59-Jährige, „und klar, ich bin stolz, dass die ganze Welt zu uns ins kleine Travemünde kommt.“ Auch in diesem Jahr — mehr als 2300 Segler aus 38 Nationen.

125 Jahre Travemünder Woche, das ist mehr als nur eine Segelwoche. Die Regatta, die alle nur TW oder TraWo nennen, hat die Weltwirtschaftskrise, zwei Kriege und 13 Ausfälle überlebt. Sie hat nach der Wettfahrt der Hamburger Hermann Wentzel und Hermann Droege anno 1889, der Geburtsstunde auf zwei „Segelböten“, durch Kaiser Wilhelm II. frühen Glanz erhalten. „So wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das liebliche Seebad am Ausfluß der Trave gelenkt“, wie es Chronist Paul W. Adolf Rep. beschrieb. 1954 ob bescheidener Meldezahlen totgesagt, hat sie sich zu einer der weltgrößten Segelwochen etabliert, wird gern und oft als „schönste Segelwoche der Welt“ beschrieben. Um aber die Faszination dieser Woche zu spüren, zu begreifen, muss man Menschen wie Birgit Stamp-Oehme erleben. Sie ist eine der Ehrenamtler, die mit ihren 600 helfenden Händen der Motor dieser Woche sind.

Allein zehn Hände gehören Menschen mit dem Familiennamen Ott. „Praxisurlaub“ heißt es bei Zahnarzt Udo Ott (68) schon seit 20 Jahren Ende Juli, auch jetzt in Gemeinschaft mit seiner Tochter Mareike.

„Die Travemünder Woche ist für uns wie ein Kind, sie ist Familie“, sagt Senior Ott. Ins Bild passt, dass er mit seiner Frau Barbara 1999 zur TW Silberhochzeit feierte. Sie stand hinterm Tresen des Regattabüros, er war auf dem Wasser. Eine Liebeserklärung der ganz besonderen Art.

Da ist Helga Klitsch. Seit 1990 wacht die Einzelhandelskauffrau über „Thors Helm“, „Odins Horn“, die mehr als 1300 Pokale — auf winzigen sechs Quadratmetern in meist unerträglicher Hitze unterm Dach des Regattabüros.

Da ist Frauke Klatt, die Travemünder Künstlerin. Seit 1977 ist sie das Gesicht der Travemünder Woche, entwirft das Plakatmotiv. Unentgeltlich.

Da ist Gerd Gurgel, der 54-jährige Curauer, der dienstälteste Helfer. Seit 1968 an Bord, hat er schon bei sechs Windstärken auf dem Dach des Maritim-Hotels gestanden und Ergebnisse aufgeschrieben.

Kein Vergnügen. Das Familiäre, dass „sich keiner für einen Job zu schade war“, hat er stets geschätzt.

Da ist die Familie des ehemaligen Sportamtsleiters Wolfgang Ahlfs, der bis 1989 fast drei Jahrzehnte allen TW-Chefs zur Hand ging. „Urlaub im Sommer, das war immer TW. Da fand nichts anderes statt“, erinnert sich Schwiegertochter Sabine Manteuffel.

Und da sind die Segler selbst, die es Jahr für Jahr nach Travemünde zieht. So wie Helge (57) und Christian Sach (55) aus Zarnekau, für die die frühen Travemünder Wochen vor allem wehmütig waren. Denn Ende Juli saßen die Landwirte auf dem Mähdrescher. „Wenn wir mit dem Anhänger voll Korn auf dem Weg nach Neustadt bei Roge über den Berg gefahren sind, die Lübecker Bucht gesehen haben, hat uns jedes Mal das Herz geblutet“, denkt Helge zurück. „Morgens haben wir dann immer die LN verschlungen, um zu wissen, wer führt.“ Erst Anfang der 90er, als die Sachs der Landwirtschaft den Rücken kehrten, ließen sie keine TW mehr aus. Auch nicht am 21. Juli 1996, als Helges Sohn Lasse um 4.17 Uhr zur Welt kam. Direkt vom Kreißsaal „segelte“ Papa Helge auf die Regattabahn.

Birgit Stamp-Oehmes Familie ist in diesen Tagen riesengroß. Fast 400, meist jugendliche 420er-Segler hat sie auf dem Priwall adoptiert. Und Mum Birgit weiß schon jetzt: Wenn sie fahren, werden ihre Augen feucht sein. Das ist immer so.

Jens Kürbis