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Ahrensbök

Acht Monate DDR-Gefängnis für Segelflug in die verbotene Zone

Gerhard Littmann war ein leidenschaftlicher Flieger. Inzwischen hat er dieses Hobby aufgegeben, seit 15 Jahren schon. Foto/Repro: Lutz Roeßler

Gerhard Littmann war ein leidenschaftlicher Flieger. Inzwischen hat er dieses Hobby aufgegeben, seit 15 Jahren schon. Foto/Repro: Lutz Roeßler

Ahrensbök. Das Wetter war gut an jenem 13. August 1970. So gut, dass Gerhard Littmann, Inhaber eines Textilgeschäfts in Bad Schwartau, sich spontan zu einem Segelflug entschloss.

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„Für mein Segelflug-Leistungsabzeichen in Silber brauchte ich noch den Überlandflug“, erinnert sich der 88-Jährige, der heute in Ahrensbök lebt. Ein Vereinskollege vom Lübecker Aero-Club habe ihn angerufen: „Das ist heute die Gelegenheit!“ Es ist auch der Jahrestag des Mauerbaus. Daran aber denkt der Hobbyflieger nicht.

Alles musste ganz schnell gehen. „Mach die Garagentür zu“, ruft er seiner Frau noch zu, als er sich auf den Weg zum Flugplatz Lübeck-Blankensee macht. Der Pilot des Motorfliegers, der ihn hochzieht, ist auch in Eile. „Ein Lufthansa-Kapitän, der am selben Tag nach New York starten sollte.“

In der Luft versucht Littmann, sich am Grenzverlauf zu orientieren. Die Grenze zur DDR war damals aus der Luft gut zu erkennen. Unter ihm aber war Wasser. „Ich dachte, ich wäre über dem Ratzeburger See.“ In Wirklichkeit ist es der Schaalsee. Das aber fällt dem Hobbysegelflieger erst auf, als ein Antonov-Doppeldecker auf ihn zufliegt. „Eine Maschine der DDR-Luftstreitkräfte.“ Gerhard Littmann, der im Krieg selbst bei der Luftwaffe diente, ahnt, dass er dem Flieger besser folgt. „Sonst hätte der mich am Ende abgeschossen.“ Es geht zu einem Flugplatz bei Schwerin, er selbst landet auf einer Wiese. „Es dauerte nicht lange, da war ich von Polizei und Militär umringt.“

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Man bringt ihn zur Polizeistation. „Da dachte ich noch: Na, morgen bist du wieder zu Hause“, so Littmann. Ihm sei klar gewesen, dass er einen Fehler gemacht habe. „Ich hab‘ auch vor dem Abflug den Kompass nicht überprüft. Später erfuhr ich, dass das Segelflugzeug, eine Vereinsmaschine, vorher eine Bauchlandung hatte. Möglicherweise war der Kompass nicht in Ordnung.“ Das schließt er auch aus der Frage eines NVA-Piloten, ob er den Kompass manipuliert habe. „Natürlich nicht“, habe er entrüstet geantwortet.

Am nächsten Tag wird Littmann nach Berlin ins Stasi-Gefängnis verlegt. Während seine Familie nichts über sein Schicksal weiß, wird der Kaufmann wieder und wieder verhört. „Man warf mir Spionage vor.

Und dass ich den Dritten Weltkrieg auslösen wollte.“ Littmann schüttelt den Kopf. „Als ich das hörte, sagte ich: Ihr tickt doch nicht richtig.“ Nach acht Tagen in Isolierhaft jedoch sei er „weichgekocht“ gewesen. „Ich hätte alles zugegeben.“ „Nennen Sie ihre Hintermänner, dann können Sie heim“, heißt es. „Aber ich kannte ja keine Hintermänner. Es gab doch keine.“

Eines Tages schwenkt der Ermittler Gerhard Littmanns Reisepass. Seine Frau, die inzwischen über die Polizei von seiner Verhaftung weiß, hat ihn in die DDR geschickt. „Wer sagt Ihnen denn, dass wir nicht Ihre ganze Familie haben?“, fragt der Beamte. Die Familie in Bad Schwartau wurde damals von der Stasi beschattet. Das weiß Littmann aus seiner Stasi-Akte, die er nach der Wende anforderte — 4000 Seiten ist sie dick. „Die wussten alles über mich, kannten sogar die Einzelheiten meines Bankkredits.“

Kurz vor Weihnachten wird der Textilhändler zu einem Jahr und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. „Ein Schock für mich.“ Er sitzt acht Monate in Berlin-Rummelsburg ab. „In einer Zwei-Mann-Zelle, die mit sechs Mann belegt war.“ Für 60000 Mark wird der Bad Schwartauer schließlich freigekauft.

Heute sieht er das Ganze als Erfahrung. „Ich hatte Einblicke, die andere nicht hatten. Dass die Stasi auch bei uns im Westen so aktiv war, hätte ich vorher nie geglaubt.“ Das Segelflugzeug erhält der Verein nie zurück. Littmann: „Es wurde als Tatwerkzeug vernichtet.“

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• Infos, Erinnerungen und Veranstaltungen zum Mauerfall sowie eine Galerie mit LN-Fotos von 1989 finden Sie auf www.LN-online.de/Mauerfall

Marcus Stöcklin

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