Dieksanderkoog

Neulandhalle: Problemfall hinterm Deich

Auf dem Franzosensand, einer kleinen Erhebung im heutigen Dieksanderkoog, steht die Neulandhalle, die 1939 eingeweiht wurde.

Auf dem Franzosensand, einer kleinen Erhebung im heutigen Dieksanderkoog, steht die Neulandhalle, die 1939 eingeweiht wurde.

Dieksanderkoog. Zunächst sieht man nur Bäume — sie haben die Neulandhalle im Dieksanderkoog (Kreis Dithmarschen) über die Jahrzehnte fast verschwinden lassen.

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Unscheinbar, abgelegen und fast vergessen ist der Bau der Nationalsozialisten, für den einst Adolf Hitler den Grundstein legte. Was tun mit diesem Stückchen Geschichte zwischen Deichen und Kohlfeldern? Das Land überlegt, einen sogenannten Lernort daraus zu machen, um die Verführung durch die Nazis begreifbar zu machen. Doch nicht alle sind davon begeistert.

Seit drei Jahren steht die Neulandhalle, einst als Gemeinschaftshaus für angesiedelte Landwirte gebaut, bereits leer. „Das rechnete sich einfach nicht mehr“, erklärt Propst Andreas Crystall, der die Tür zu dem trutzigen Rotstein-Gebäude aufschließt. Anfang der 70er Jahre hatte die Kirche das Haus vom Kreis übernommen. Seitdem nutzten Konfirmanden und Jugendliche die Neulandhalle für Freizeiten.

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Zuletzt kamen aber nur noch 6000 Gäste pro Jahr. Da kam die Frage auf: Was tun mit so einem Gebäude — Abriss oder Erhalt? „Wir sehen unsere Verantwortung darin, das Bauwerk nicht in falsche Hände zu geben“, sagt der Propst als Eigentümer des Hauses. Anfragen habe es genug gegeben. Doch aus Sorge, dass es eine Pilgerstätte für Rechtsradikale werden könnte, hält die Kirche ihre Hand darauf.

Und so entstand die Idee, die Neulandhalle als Lernort für die Geschichte des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein zu erhalten. Ein Konzept gibt es bereits, erarbeitet von Professor Uwe Danker vom Institut für Zeit- und Regionalgeschichte der Uni Flensburg. „Man kann die damalige Zeit nur verstehen, wenn man auch die Verheißungen der NS-Zeit wahrnimmt“, sagt Danker. Die grenzenlose Inhumanität der deutschen Geschichte sei bekannt. Über Erklärungsmuster, denkbare Bedingungsgeflechte, Übertragbarkeiten auf andere Gesellschaften aber gebe es weniger Informationen, schreibt Danker in einem Buch über die Halle. Er sieht den Wunsch nach einem Wandel unserer Erinnerungskultur — vom emotionsgeladenen Gedenken zum sachlicheren historischen Lernen.

Viel ist bereits zurückgebaut worden. Die großen Wächterfiguren am Eingang wurden im Zuge der Entnazifizierung entfernt. Der hölzerne Glockenturm ist längst abgebaut, verschwunden ist auch die Glocke, die einst an NS-Feiertagen, bei Tod, Geburt und im Katastrophenfall geläutet wurde. Sie soll sich aber noch im Koog befinden. Die Halle im Inneren mit dem „Flammen-Altar“ und einer Wandmalerei zum Thema Deichbau existiert noch. Im Obergeschoss herrscht Jugendherbergscharakter mit hellgelb gestrichenen Wänden.

4,2 Millionen Euro soll die Umsetzung des Projektes kosten. Dabei müssen alte Nutzungsschichten sichtbar gemacht werden, Bausubstanz muss gesichert, eine Ausstellung eingerichtet werden. Das ist viel Geld für das klamme Schleswig-Holstein. Ein Versuch, Bundesgelder zu bekommen, scheiterte. Zu groß war offenbar die Sorge, die Aura des früheren Nazi-Ortes könne wiederbelebt werden.

„Das ist ein schmaler Grat“, weiß auch der Propst. Dennoch sieht er die Kirche in der Mitverantwortung, den eigenen Kindern die Verführungsmechanismen der NS-Zeit darzustellen. Für ihn ist die Neulandhalle ein „Verführungsort besonderer Güte“ und „ein authentischer Ort“. Einer der wenigen, die bis heute erhalten sind.

Widerstand gab es zunächst auch im Dieksanderkoog. Die 93 Höfe, die damals ausgewählten NSDAP-Mitgliedern gegeben wurden, sind nach wie vor in Besitz der Familien. Vielleicht wollen sie die alte Geschichte nicht aufwühlen. Die Neulandhalle als Lernort, das bedeutet auch für sie Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Doch inzwischen gibt es Zustimmung. „Wir wollen, dass uns die Neulandhalle erhalten bleibt. Wir sind damit groß geworden“, sagt Werner Eggers, Sprecher der Koog-Bewohner.

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Doch das Land tut sich schwer mit der Entscheidung. Es würden verschiedene Modelle geprüft, heißt es aus dem zuständigen Ministerium. Das Konzept soll finanziell abgespeckt und inhaltlich weiterentwickelt werden. So soll deutlicher auf den heutigen Rechtsextremismus eingegangen werden. Vorgesehen ist, dass angehende Geschichtslehrer ihre Praxisausbildung auch dort absolvieren — und später mit ihren Schülern wiederkehren. Im Winter soll der Landtag darüber entscheiden.

Julia Paulat

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