Hamburg

Schule ohne Noten: Jeder, wie er kann

Moritz und Tomke (beide 11) arbeiten selbstständig an ihren Aufgaben. Der Lehrer Thomas Pahl (55) hilft, wenn er gebraucht wird. Helga Kipry (56) ist Schulbegleiterin für ein Kind mit besonderem Förderbedarf.

Moritz und Tomke (beide 11) arbeiten selbstständig an ihren Aufgaben. Der Lehrer Thomas Pahl (55) hilft, wenn er gebraucht wird. Helga Kipry (56) ist Schulbegleiterin für ein Kind mit besonderem Förderbedarf.

Hamburg. Das Bildungsministerium in Kiel stellt es Grundschulen frei, ob sie in Klasse 3 und 4 Noten-Zeugnisse vergeben. Die meisten Schulen haben sich dafür entschieden. Der Landeselternbeirat der Grundschulen kritisiert vor allem das Verfahren. "Schulnoten sind eine Rückmeldung, die man einsortieren kann, weil sie gesellschaftlich verankert ist", sagt die Vorsitzende Katrin Engeln. Es sei zwar sinnvoll, bei der Bewertung stärker zu differenzieren. "Man muss aber die Leute mitnehmen." Die FDP will einen Volksentscheid für Noten ab Klasse 2 herbeiführen.

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In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Landesregierung beabsichtige, Noten in Grundschulen ganz abzuschaffen. Richtig ist: Sie hat nicht vor, die aktuelle Regelung zu ändern. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Einmal in der Woche ist Besuchertag an der Winterhuder Reformschule in Hamburg. Diesmal übernehmen Femke und Luzie (beide 12) die Führung. „Deutsch platzt heute wirklich aus allen Nähten“, sagt eine Lehrerin im Vorbeigehen. Femke öffnet eine Klassenzimmertür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Gesellschaft“ hängt. Ungefähr 20 Kinder sitzen an drei Tischgruppen, jedes hat ein Heft, eine Mappe oder ein Buch vor sich.

Thorben (12) versucht, europäische Länder an ihren Umrissen zu erkennen. Tomke (11) befasst sich mit dem Zunftwesen der mittelalterlichen Städte. Moritz (11) lernt, wie Bauern in Palästina zur Zeit Jesu gelebt haben. Kimi (13) schreibt einen Test über deutsche Geografie. Finjo (10) schreibt an der Lebensgeschichte seiner eigenen Großeltern.

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Der Lehrer bewegt sich zwischen den Tischgruppen, erklärt und hilft. So sieht es aus, wenn auf dem Stundenplan des grünen Teams (Klassen 5-7J, K, L und M) für die Zeit von 10.30 Uhr bis 11.50 Uhr „KuBa und Sport“ auf dem Stundenplan steht. Thorben, Tomke und die anderen hätten sich in dieser Zeit auch Deutsch, Mathematik oder Englisch aussuchen können.

„KuBa“? „Klasse 5-7J“? „Grünes Team“? Fächer aussuchen? In der Reformschule Winterhude in Hamburg ist fast alles anders als an normalen Schulen: Eine Schulstunde dauert 80 Minuten. Der Lehrer steht nicht am Pult. Die Schüler einer Klasse kommen aus drei verschiedenen Jahrgängen. Vier Klassen bilden ein Team. Jedes Kind macht seine eigenen Aufgaben. Statt eines Klassenbuchs gibt es für jeden Schüler ein eigenes Logbuch. Und im Zeugnis stehen keine Schulnoten. Nicht bloß in der Grundschule, sondern bis zur achten Klasse.

„Für die Schüler, die damit arbeiten können, sind Noten eine Motivation von außen“, sagt Martin Grundmann, Lehrer für Projektlehre, Sport und Gesellschaft. „Aber für die anderen bedeuten sie Frust. Wir setzten auf Motivation von innen. Wir knüpfen an die Talente und Fähigkeiten der Schüler an. Ich sehe mich als Coach.“

Alle zwei Wochen führt jeder Schüler ein Planungsgespräch mit seinem Lehrer und trägt das, was er sich vornimmt, in sein Logbuch ein. Nach jeder Stunde schätzt er selbst ein, wie konzentriert er gearbeitet hat. Femke erklärt einen „Bilanzbogen“, ein Formular, das Schüler und Lehrer zweimal im Jahr gemeinsam ausfüllen. Darauf schätzt der Schüler sich selber ein — sein Sozialverhalten, seine Arbeitsweise, seine Lernfortschritte. Dazu setzt der Lehrer seine eigenen Einschätzungen. „Das ist fast immer genau gleich“, sagt Femke. „Manchmal kreuze ich ein bisschen schlechter an.“

Dieser Bogen dient als Grundlage für ein Bilanz- und Zielgespräch, in dem das Kind, seine Eltern und sein Lehrer zusammen einschätzen, wie gut das Kind seine Ziele erreicht hat, und die Ziele für die nächsten Monate festlegen. Femke hatte sich beim letzten Mal vorgenommen, ein Buch zu schreiben. „In Deutsch bin ich relativ weit“, sagt sie, „deshalb sollte ich das in Deutsch machen.“ Sie hat ihr Buch nicht ganz geschafft — und das musste sie in ihrem Bilanzbogen begründen. „Ich hatte nicht genug Zeit dafür“, sagt sie.

Ein Zeugnis gibt es am Ende des Schuljahrs auch. Es bildet in einem differenzierten Raster die Kompetenzen des Schülers in den einzelnen Bereichen ab. Für „KuBa Gesellschaft“ zum Beispiel werden die Anforderungen „geographische Fähigkeiten“, „chronologische Kenntnisse“, „vertieftes geschichtliches Verständnis“ und „eigenständiges Forschen“ bewertet — als übertroffen, erfüllt, überwiegend erfüllt oder zum geringen Teil erfüllt. Femke und Luzie sind zufrieden mit dem Bewertungssystem — und trotzdem wünschen sie sich manchmal herkömmliche Schulnoten. „Man muss es anderen immer erklären“, sagt Luzie. „Ich fände es gut, wenn wir beides hätten — wenn einem von den anderen Schulen welche erzählen, welche Noten sie haben.“

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Für Birgit Xylander, die Schulleiterin, sind Noten ein notwendiges Übel. In der neunten und zehnten Klasse müssen sich die Reformschüler daran gewöhnen. Der Übergang verlaufe „ziemlich reibungslos“, sagt sie. „Allerdings fängt es mit Eintreten der Noten an, dass die Schüler in Tests schummeln.“

Hanno Kabel

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