Tödliche Messerattacke in Regionalzug

17-Jährige und 19-Jähriger getötet: Was wir über die Tat, den Täter und das Motiv wissen

Einwohner der Kleinstadt Brokstedt gedenken am Abend der Opfer der Messerattacke auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Brokstedt. Bei der Messerattacke in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg sind am 25.01.2023 zwei Menschen getötet und sieben verletzt worden.

Einwohner der Kleinstadt Brokstedt gedenken am Abend der Opfer der Messerattacke auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Brokstedt. Bei der Messerattacke in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg sind am 25.01.2023 zwei Menschen getötet und sieben verletzt worden.

Bei einer Messerattacke in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg sind zwei Menschen getötet und sieben weitere verletzt worden, drei davon schwer. Ein Verdächtiger wurde festgenommen. Ein Überblick darüber, was bislang bekannt ist.

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Messerattacke in Regionalzug: Was ist passiert?

Das Verbrechen ereignete sich nach Angaben der Bundespolizei am Mittwoch kurz vor 15 Uhr unmittelbar vor der Ankunft des Regionalzuges im Bahnhof Brokstedt im Kreis Steinburg. Zeugen berichteten später, dass ein Mann offenbar wahllos auf Passagiere eingestochen habe. Zwei Menschen wurden getötet, sieben weitere verletzt – drei davon schwer und vier leicht.

Einsatzkräfte vom Rettungsdienst sind am Bahnhof Brokstedt im Einsatz.

Einsatzkräfte vom Rettungsdienst kümmern sich um eines der Opfer.

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Gegen 15 Uhr erhielt die Polizei mehrere Anrufe von Fahrgästen aus dem Zug. Auf Benachrichtigung wurde der Zug gestoppt, worauf sich das Geschehen laut Polizei auf den Bahnsteig verlagerte. Nach Angaben der Polizei Itzehoe gelang es Zeugen unmittelbar nach der Tat, den Verdächtigen zu stoppen, bis die Einsatzkräfte am Bahnhof in Brokstedt eintrafen. Der Angreifer selbst wurde mittelschwer verletzt und in ein Krankenhaus gebracht.

In dem Zug befanden sich laut Polizei rund 120 Fahrgäste. Ein Augenzeuge sagte den „Kieler Nachrichten“, Reisende hätten den Zug nach dem Stopp in Brokstedt fluchtartig verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Als sich der mutmaßliche Täter auch auf dem Bahnsteig zeigte, seien „alle Richtung Gleise gestürmt“.

Nach Polizeiangaben gab es keine Videoüberwachung im Zug. Die Polizei hat daher eine Telefonnummer für Zeugen eingerichtet und bittet Mitfahrer des Zuges, die noch nicht mit der Polizei gesprochen haben, sich unter +49 4821 602 2002 zu melden. Unter der Nummer sei zudem ab sofort das Bürgertelefon erreichbar, teilte die Polizei am Donnerstag mit.

Messerattacke bei Brokstedt: Was ist über die Opfer bekannt?

Bei den Todesopfern handelt es sich um eine 17 Jahre alte Jugendliche und einen 19 Jahre alten Mann, die sich kannten. Das sagte Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) am Donnerstag. Zuerst war die Rede davon, dass das Mädchen 16 Jahre alt war, das wurde korrigiert. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) teilte am Donnerstag mit, dass die beiden Todesopfer eine Schule in Neumünster besuchten. Der Zustand und die Schwere der Verletzungen der übrigen Opfer war am Morgen zunächst unklar.

Ob es bereits eine Obduktion der beiden Todesopfer gegeben hat, konnte eine Polizeisprecherin zunächst nicht sagen. Beide hätten schwerste Stichverletzungen gehabt, die zum Tod geführt haben.

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Einsatzkräfte der Bundespolizei stehen vor dem Regionalzug, der auf ein Abstellgleis in Neumünster gefahren wurde.

Einsatzkräfte der Bundespolizei stehen vor dem Regionalzug, der auf ein Abstellgleis in Neumünster gefahren wurde.

Was ist über den Täter bekannt?

Bei dem mutmaßlichen Angreifer Ibrahim A. handelt es sich um einen staatenlosen Palästinenser. Das sagte Innen­ministerin Sütterlin-Waack. Nach Angaben der Polizeidirektion Itzehoe ist der Tatverdächtige 33 Jahre alt. Die Deutsche Presse-Agentur berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass der mutmaßliche Täter geistig verwirrt sein könnte. Nach vorläufigen Erkenntnissen sei er bislang nicht als Extremist aufgefallen.

Der mutmaßliche Täter soll dem Bericht zufolge mehrfach wegen Sexual- und Gewaltdelikten polizeilich in Erscheinung getreten sein. Wegen einer anderen Messertat saß der Mann in Hamburg ein Jahr in Untersuchungshaft, teilte ein Sprecher des Amtsgerichts Hamburg-St. Georg mit. Dem nicht rechtskräftigen Urteil zufolge - der 33-Jährige legte gegen das Urteil Berufung ein - hatte er am 18. Januar 2022 einen Mann vor einer Hamburger Obdachlosenunterkunft mit einem Messer angegriffen und verletzt. Weil die Dauer der Untersuchungshaft die Strafe des Amtsgerichts zu überschreiten drohte, habe das Landgericht den Haftbefehl am 19. Januar aufgehoben.

Nach dpa-Informationen wurde A. schon zuvor mehrfach wegen verschiedener Straftaten auffällig. Laut Sicherheitskreisen ging es unter anderem um Verfahren wegen Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Ladendiebstahls und sexueller Belästigung. Mehrere Medien hatten zuvor berichtet. Laut „Bild“ spielten sich die Taten zwischen 2015 und 2020 in Euskirchen, Bonn, Bad Münstereifel und Köln ab.

Augenzeuge schildert Messerangriff im Regionalzug

Ein Angreifer in einem Regionalzug zwischen Kiel und Hamburg tötete am Mittwoch zwei Menschen.

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Wenige Tage vor der tödlichen Messerattacke wurde Ibrahim A. psychiatrisch beurteilt - ohne dass dabei besondere Auffälligkeiten festgestellt wurden. Schon im Rahmen seiner knapp einjährigen Untersuchungshaft wegen eines Gewaltdelikts sei er in der Hamburger Justizvollzugsanstalt Billwerder psychiatrisch betreut worden, teilte die Hamburger Justizbehörde mit. „Ein Psychiater hat kurz vor der Entlassung keine Fremd- und Selbstgefährdung festgestellt“, sagte eine Behördensprecherin. Deshalb habe es auch keine belastbaren Anhaltspunkte dafür gegeben, eine rechtliche Betreuung zu beantragen oder den Sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. „Anders als bei der Außervollzugsetzung eines Haftbefehls bestehen bei der Aufhebung eines solchen keine Möglichkeiten, Auflagen oder Weisungen zu erteilen.“

Am Donnerstagnachmittag wurde gegen den Verdächtigen im Haftbefehl erlassen. Ihm werde zweifacher heimtückischer Mord und viermal versuchter Totschlag vorgeworfen, sagte Oberstaatsanwalt Peter Müller-Rakow. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sitzt der Beschuldigte in Itzehoe in Untersuchungshaft.

Tatverdächtiger soll 2014 nach Deutschland gekommen sein

Nach Angaben des NRW-Flüchtlingsministeriums war der Mann am 24. Dezember 2014 in die Bundesrepublik eingereist. Am 29. Januar 2015 wurde er laut Ministerium in Bad Münstereifel gemeldet. Im Mai 2017 zog er demnach nach Euskirchen um. „Am 1.12.2020 erfolgte die Abmeldung nach unbekannt“, so das Ministerium. Mitte August 2021 sei die Zuständigkeit dann offiziell auf die Ausländerbehörde in Kiel übergegangen.

Als staatenloser Palästinenser wurde ihm der sogenannte subsidiäre Schutzstatus zuerkannt. Das heißt, der Mann konnte Gründe vorbringen, warum man ihn nicht abschieben sollte. Das kann zum Beispiel drohende Folter im Herkunftsland sein.

Der mutmaßliche Täter war noch kurz vor der Tat am Mittwoch in der Kieler Ausländerbehörde. Der 33-Jährige habe eine Aufenthaltskarte beantragt, sagte Innenministerin Sütterlin-Waack am Donnerstag in einer Sondersitzung des Landtags. Von dort sei er zum Einwohnermeldeamt geschickt worden.

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Gericht schätzte Straftatenrisiko des Tatverdächtigen auf 50 Prozent

Sein Anwalt Björn Seelbach sagte gegenüber dem „Spiegel“, dass man seinen Mandanten auf seine Entlassung hätte vorbereiten können. Bevor er in Haft kam, war er obdachlos. Familienangehörige habe er in Deutschland keine. Die Familie des Tatverdächtigen lebte dem Anwalt zufolge im Gazastreifen und sei von der Terrororganisation Hamas drangsaliert worden. „Das war der Grund für seine Flucht“, erklärte der Jurist gegenüber dem Magazin.

Im Gazastreifen habe er schwere Misshandlung erlebt, hieß es in dem Urteil vom August 2022 wegen eines ähnlichen Messerangriffs. Einen Onkel habe die Hamas getötet. Seine Eltern seien 2010 und 2012 gestorben. Sechs Geschwister lebten im Augst 2022 noch im Gazastreifen.

Nach seiner Einreise im Jahr 2014 habe der mutmaßliche Täter mehrere Jobs gehabt, unter anderem als Fahrer für Amazon und DHL. Einen Beruf habe er aber nicht erlernt. Das Gericht sah ein Risiko von 50 Prozent, dass er wieder Straftaten begehen werde. Es fehle an einer „günstigen Sozialprognose“.

Was könnte das Motiv der Tat sein?

Warum der Mann scheinbar wahllos auf Menschen in dem Regionalzug einstach, ist bislang nicht bekannt. Das Motiv der Tat sei aktuell noch unklar, teilte die Polizei Itzehoe am Mittwochabend mit, die Ermittlungen der Mordkommission in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Itzehoe liefen auf Hochtouren.

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Die Tat soll keinen terroristischen Hintergrund haben, berichtete der NDR mit Berufung auf die Staats­anwaltschaft Itzehoe.

Wie reagiert die Politik auf den Fall?

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) drückte nach der Messerattacke in dem Regionalzug ihr Mitgefühl aus. „All unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser furchtbaren Tat und ihren Familien“, schrieb die Politikerin am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter. Dies sei eine „erschütternde Nachricht“.

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Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther reagierte schockiert auf die tödliche Messer­attacke. Der CDU-Politiker sprach von einer schrecklichen und sinnlosen Tat, die zwei Menschen das Leben gekostet habe. „Schleswig-Holstein trauert – das ist ein furchtbarer Tag“, sagte Günther.

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Sabine Sütterlin-Waack (Mitte, CDU), Innenministerin von Schleswig-Holstein, äußert sich zu der Messerattacke in dem Regionalzug.

Sabine Sütterlin-Waack (Mitte, CDU), Innenministerin von Schleswig-Holstein, äußert sich zu der Messerattacke in dem Regionalzug.

Die Innenministerin von Schleswig-Holstein, Sabine Sütterlin-Waack, sagte, die Tat sei „ganz furchtbar“. Laut Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (parteilos) hat es ein vergleichbar schweres Gewaltverbrechen in einem Zug wie die tödliche Messerattacke in Schleswig-Holstein noch nicht gegeben. Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) sagte, er sei bestürzt über die entsetzliche Tat. „Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Opfer.“

Schleswig-Holsteins Innenministerium ordnete zum Gedenken an die Opfer Trauerbeflaggung an den Dienstgebäuden aller Behörden und Dienststellen des Landes an. Die Flaggen sollten am Donnerstag auf halbmast gesetzt werden, teilte das Ministerium mit. Unter anderem den Kreisen und Gemeinden empfiehlt das Ministerium, sich der Trauerbeflaggung anzuschließen.

RND/seb/nis/dpa

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