Tod eines Sechsjährigen

Nach Tragödie in Bösdorf: Kriminalpsychologin erklärt, warum Eltern ihre Kinder töten

Lydia Benecke hat Psychologie, Psychopathologie und Forensik an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Die Diplompsychologin arbeitet in einer Ambulanz für Sexualstraftäter und einer sozialtherapeutischen Anstalt – einer besonderen Form von Gefängnissen. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Persönlichkeitsstrukturen von Tätern und hat mehrere populärwissenschaftliche Sachbücher über Mörder und Psychopaten geschrieben. Die Kriminalpsychologin tritt regelmäßig in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ auf.

Lydia Benecke hat Psychologie, Psychopathologie und Forensik an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Die Diplompsychologin arbeitet in einer Ambulanz für Sexualstraftäter und einer sozialtherapeutischen Anstalt – einer besonderen Form von Gefängnissen. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Persönlichkeitsstrukturen von Tätern und hat mehrere populärwissenschaftliche Sachbücher über Mörder und Psychopaten geschrieben. Die Kriminalpsychologin tritt regelmäßig in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ auf.

Kiel. Tragödien wie die eines sechsjährigen Jungen, der in Bösdorf auf einem Campingplatz mutmaßlich von seinem wohl psychisch kranken Vater getötet wurde, sorgen stets für große Betroffenheit. Der Mann soll unter Wahnvorstellungen gelitten haben. Bei der Tötung eines Kindes durch ein Elternteil liegen je nach Fall unterschiedliche Hintergründe vor, sagt Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Sie erklärt, welche Faktoren häufig eine Rolle spielen.

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Warum kommt es dazu, dass Eltern ihr Kind töten?

Lydia Benecke: In manchen Fällen liegt auf der Motivebene eine kontinuierliche Überforderung vor. Hierbei kann es sein, dass das Kind zunehmend ignoriert wird und an den Folgen der Vernachlässigung stirbt oder Wutanfälle des überforderten Elternteils dazu führen, dass das Kind an durch Gewalt verursachten Verletzungen stirbt.

In anderen Fällen ist ein Kind unerwünscht. Wird schon eine Schwangerschaft verdrängt oder verleugnet, wird die Geburt als extrem überfordernde Situation erlebt, was dazu führen kann, dass das Kind unversorgt zurückgelassen oder sogar aktiv getötet wird. Bei älteren Kindern steht deren Existenz häufig bestimmten Bedürfnissen oder Plänen des Elternteils im Weg – beispielsweise dem Wunsch, frei für eine neue Partnerschaft ohne Kinder zu sein.

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Ein weiterer Hintergrund können Gefühle von Wut und Rache im Rahmen einer Beziehungskrise, Trennungssituation oder eines Sorgerechtsstreites sein. Die Tötung des Kindes kann dann der Bestrafung des anderen Elternteils und einer subjektiven Wiedererlangung der Kontrolle dienen.

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Manchmal glaubt der die Tat begehende Elternteil auch, sein Kind oder seine Kinder durch die Tötung zu beschützen. Dieses Motiv erscheint besonders schwer nachvollziehbar.

Der Tod wird also als weniger schlimm erachtet als die Bedrohung?

In der subjektiven Wahrnehmung des Elternteils besteht eine große Gefahr, die vermeintlich durch den Tod des Kindes abgewendet werden soll. In einigen der Fälle hängt die Tat mit einer suizidalen Absicht des Elternteils zusammen. Sie kommen zu der Schlussfolgerung, das Kind nicht in einer als grausam und aussichtslos empfundenen Lebenssituation zurücklassen zu wollen.

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In anderen Fällen leidet der Elternteil an einer schweren psychischen Erkrankung, die von Wahnvorstellungen und zuweilen auch Halluzinationen geprägt ist. Ein sehr bekanntes Beispiel hierfür aus den USA ist der Fall von Andrea Yates, die 2001 ihre fünf Kinder in der Badewanne ertränkte. Sie war im Rahmen von Wahnvorstellungen, die über längere Zeit kombiniert mit schweren depressiven Symptomen und massiver Überforderung auftraten, davon überzeugt, der Teufel wolle die Seelen ihrer Kinder an sich reißen. Um dies zu verhindern, glaubte sie, ihre Kinder töten und so in den Himmel bringen zu müssen, damit sie dort vor dem Teufel sicher seien.

Aber nur, weil jemand Wahnvorstellungen hat, wird er wahrscheinlich nicht gleich zum Mörder?

Bezogen auf die Taten, in denen der Elternteil davon überzeugt ist, durch die Tötung Schaden vom Kind abzuwenden, werden häufig psychotische oder depressive Krankheitsbilder festgestellt. Hierbei ist aber sehr wichtig, dass die allermeisten Menschen, die von entsprechenden Krankheitsbildern betroffen sind, keine schweren Straftaten begehen. Das bedeutet, das ist keine hinreichende Erklärung für die Tötung eines Kindes.

Typischerweise stehen bestimmte Risikofaktoren in Wechselwirkung miteinander und dem Krankheitsbild. Hierzu können eine kontinuierliche Überforderung, Probleme in der Lebensführung oder der Partnerschaft, finanzielle Schwierigkeiten, zunehmende Einsamkeit und Isolation gehören. Während entsprechende Faktoren ungünstig ineinandergreifen und negative Gefühle zunehmend verstärken können, besteht dann gleichzeitig eine Unfähigkeit, vernünftige Lösungen zu finden.

Wie lassen sich solche Taten verhindern?

Hierauf gibt es allein schon deshalb keine einfache Antwort, weil die Hintergründe der Taten eben sehr unterschiedlich sind. Hilfreich ist grundsätzlich, belastete Eltern durch professionelle Hilfsangebote wie spezifische Beratungs- und Therapieangebote zu unterstützen.

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Äußern Eltern suizidale Gedanken, sollte das Helfersystem sowohl emphatisch auf diese eingehen als auch hinterfragen, wie dann die Zukunft des Kindes aussehen könnte. Manche Eltern sprechen deutlich von Überforderung und der Befürchtung, ihrem Kind etwas anzutun, oder berichten davon, das Kind bereits körperlich verletzt zu haben. Einige thematisieren sogar die Erwägung, ihr Kind zu töten. Solche Äußerungen sollten stets ernstgenommen werden. Hier können Fachstellen wie Kinderschutzambulanzen kontaktiert werden.

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