Marketingtools, Crowdfunding und Fanartikel

Spenden in Millionenhöhe: Warum die Ukraine weiter auf Crowdfunding setzt

Ein Spirituosenhändler betrachtet die Schäden an seinem Geschäft nach einer Explosion im Stadtzentrum Kiews. Die Ukraine sammelt Millionenspenden durch Crowdfunding im Internet - etwa für den Wiederaufbau.

Ein Spirituosenhändler betrachtet die Schäden an seinem Geschäft nach einer Explosion im Stadtzentrum Kiews. Die Ukraine sammelt Millionenspenden durch Crowdfunding im Internet - etwa für den Wiederaufbau.

New York. Mit digitalen Marketingtools, Crowdfunding und Fanartikeln wie T-Shirts will die ukrainische Regierung die weltweite Spendenbereitschaft auch im dritten Monat nach der russischen Invasion hoch halten. „Es gibt eine Welle und eine Art von Euphorie, aber dann ebbt das wieder ab“, sagt Mychajlo Fedorow, Vizepremier der Ukraine und Minister für digitale Transformation. „Wir wollen diese positive Energie, die positiven Schwingungen aufrecht erhalten.“

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Präsident Wolodymyr Selenskyj beauftragte den 31-jährigen Fedorow, das jüngste Kabinettsmitglied, mit der Organisation einer neuen Spendenkampagne und Website, um Finanzmittel für die Verteidigung des Landes, für die Versorgung der Bevölkerung und den Wiederaufbau zu sammeln. Das Ergebnis ist die United24-Website, über die Spenderinnen und Spender Geld via PayPal, Kryptowährungen, Kreditkarte oder direkter Banküberweisung auf die Konten des ukrainischen Staates überweisen können.

Spaß durchs Spenden?

Jaroslawa Gres ist eine der Koordinatoren des Projekts und betont: „Es ist sehr wichtig, dass die Menschen, die der Ukraine helfen, nicht immer nur direkt Geld zahlen, sondern dass sie etwas Spaß haben.“ In Zukunft könnten potenzielle Unterstützende daher ein T-Shirt mit dem Bild Selenskyjs kaufen oder ein Fußballspiel der Nationalmannschaft besuchen, bei dem der Verkauf der Tickets oder der Fanartikel dem Land zugute kämen.

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Gres bat internationale Firmen und Banken, in den Wiederaufbau der beschädigten Infrastruktur der Ukraine zu investieren. Dabei stellt sie sich eine Liste mit Projekten vor, aus denen ein Geber oder eine Geberin auswählen kann. Sie wollen „diese beiden Bilder sehen: wie es war, wie es ist“, sagt sie. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeige genau, wo die Mittel ausgegeben würden.

Tropfen auf dem heißen Stein

Vor kurzem gingen in einem Zeitraum von sieben Tagen Spendengelder von Einzelpersonen von rund 27 Millionen Dollar (25,6 Millionen Euro) ein. Verglichen mit der Unterstützung durch andere Staaten ist dies freilich ein Tropfen auf den heißen Stein: Allein die USA wollen mehr als 50 Milliarden Dollar schicken, wenn der Senat wie vorgesehen ein neues Hilfspaket verabschiedet.

Am 10. Mai spendete ein einziges Unternehmen über die United24-Website fast 22 Millionen Dollar direkt an das Verteidigungsministerium der Ukraine – ein Großteil der eingegangenen Spenden zwischen dem 5. und dem 11. Mai. Die Namen der Spendenden werden von der Nationalbank nicht veröffentlicht.

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Die Ukraine verspricht, wöchentliche Berichte über die gesammelten Spenden und ihre Verteilung zu veröffentlichen. Die internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte teilte mit, sie werde das Projekt kostenfrei begleiten. Die meisten Einzelspenden kommen von den politischen Verbündeten der Ukraine wie Deutschland, den USA, Großbritannien, Frankreich und Kanada, obwohl auch Ukrainerinnen und Urkainer spenden, sagt Gres. Die Spenden betrachtet sie als Zeichen des Vertrauens.

Ukraine sammelt online bereits seit Jahren Geld

Ende Februar begann die Ukraine mit einem Spendenaufruf für Kryptowährungen, der rund 67 Millionen Dollar in einem Monat einbrachte. Mindestens seit 2014 sammeln die Ukrainerinnen und Ukrainer Geld für die nationale Verteidigung durch Crowdfunding. Damals ging es um Geld für die Freiwilligen, die im Osten des Landes gegen mit Russland verbündete Truppen kämpften. Die Regierung richtete auch eine Funktion ein, mit der per SMS für die Armee gespendet werden konnte, was aber weniger populär war.

Garrett Wood, Wirtschaftsprofessor an der Virginia Wesleyan University, untersuchte damals die Motive von ukrainischen Geberinnen und Gebern und fand heraus, dass sie sehr detailliert wählen konnten, ob sie für Winterkleidung, Schutzausrüstung oder Drohnen bezahlen wollten. Eine Gruppe, das People’s Project, ließ ihre Finanzen von den Wirtschaftsprüfern EY prüfen, was ihre Glaubwürdigkeit weiter stärkte. Im Vergleich dazu galten damals das ukrainische Verteidigungsministerium und sein größter Auftragnehmer als korrupt und ineffizient.

„Man hatte es mit einer Armee zu tun, die schlecht ausgerüstet war“, sagt Wood. „Von innen heraus verrottet von der Korruption, und mit niedriger Moral.“ In den vergangenen Jahren verbesserten Reformen dann die Situation: Andrii Borowyk, Direktor von Transparency International Ukraine, verweist auf Online-Gerichtsakten und Beschaffungssysteme als Beispiele für größere Transparenz. „Die Ukraine bewegt sich in die richtige Richtung, wenn es um die Bekämpfung von Korruption geht“, sagt er telefonisch aus Kiew. „Aber ist es schnell genug? Nein.“

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Wirken sich Spenden in Konflikten überhaupt positiv aus?

Das aktuelle Crowdfunding unterscheidet sich von früheren Beispielen, weil nun auch Zivilistinnen und Zivilisten aus anderen Ländern für die Verteidigung der Ukraine spenden, und nicht mehr nur Ukrainerinnen und Ukrainer für ihre freiwilligen Kämpfenden. Doch Wood stellt die Frage, ob Spenden in einem militärischen Konflikt zu wünschenswerten Ergebnissen führen: „Eine offensichtliche Antwort ist, dass alles, was eine stärkere Finanzierung von Konflikten ermöglicht, zu mehr Konflikten führt“, lautet seine Antwort.

Natürlich bleibe es allein den großen und kleinen Spenderinnen und Spendern überlassen, zu entscheiden, wofür sie spenden wollten. Derek Ray-Hill von der Charities Aid Foundation betont, erfahrene Hilfsorganisationen würden trotz des offensichtlichen Chaos der aktuellen Kämpfe weiterarbeiten: „Ich würde immer raten, sich entweder an internationale NGOs zu wenden, die vor Ort arbeiten und sehr erfahren sind mit dieser Art von Situation, oder örtliche Organisationen zu finden, die wirklich wohltätige Zwecke verfolgen.“

Spenden ohne fachkundige Beratung berge auch das Risiko, gegen Gesetze oder Vorschriften zu verstoßen: „Eine wohltätige Spende von hier oder irgendwoher zu erhalten für die vom Krieg in der Ukraine betroffenen Menschen ist eine äußerst komplexe Aufgabe“, sagt er.

„Flink und wendig“ zum Sieg

Fedorow zufolge zielt das Projekt darauf ab, Reibungsverluste für die Spendenden zu minimieren. Gleichzeitig habe es hohe Ansprüche an Transparenz, während es der Ukraine maximale Flexibilität biete: „Wir haben alle gesehen, dass wir in diesem ungleichen Kampf, in dem die Ukraine kleiner ist als unser Gegner, nur gewinnen können, wenn wir flink und wendig sind, und das bietet United24, weil es die ganzen bürokratischen Hürden abbaut.“

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RND/AP

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