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Vom Umgang mit Sternenkindern

„Entscheidend ist, sein Kind kennenzulernen – mit allen Facetten“

Fotos von und mit ihrem verstorbenen Baby zu machen kann Eltern helfen, den Verlust zu verarbeiten.

Jacqueline Pieper hat vier Kinder – zwei an der Hand und zwei im Herzen, wie sie selbst sagt. Die 36-Jährige ist einen Sternenkindermama. Ihr erster Sohn starb in der 23. Schwangerschaftswoche nach einem vorzeitigen Blasensprung, ihr drittes Kind, eine Tochter, in der 18. Woche durch einen medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruch aufgrund der Diagnose Anenzephalie. Ihr fehlten das Großhirn sowie die Schädelplatte.

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Gemeinsam mit anderen Sternenkindereltern gründete Jacqueline Pieper nach dem Tod ihres zweiten Kindes 2015 eine Gesprächsgruppe in Worms, absolvierte später eine Fortbildung zur Begleiterin für Eltern bei Fehlgeburt, stiller Geburt, medizinisch und sozial indiziertem Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod. 2018 folgte die Gründung des Vereins Sternengeflüster, der seitdem Sternenkindereltern begleitet und berät.

Frau Pieper, es ist eine Situation, die sich niemand vorstellen mag: Man bekommt die Nachricht, dass sein Baby verstorben ist – im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Was ist in diesem Moment das Wichtigste für die Eltern?

Dass sie eine gute und vor allem einfühlsame Begleitung vor Ort bekommen. In diesem Moment ist man als Mutter, und natürlich auch als Vater, vollkommen überfordert. Es bleibt zugleich aber nicht viel Zeit, sich zu informieren, geschweige denn etwas zu organisieren. Oftmals fehlt den betroffenen Eltern in dieser Situation auch schlichtweg der Kopf, um sich eventuell vorhandene Infobroschüren durchzulesen.

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Raten Sie dazu, sich gleich professionelle Hilfe zu holen?

Es kommt hauptsächlich darauf an, dass jemand da ist, der die Situation begleitet. Ob das eine Hebamme ist, die besonders einfühlsam ist, jemand von einem Verein wie Sternengeflüster oder auch nur eine Mama oder gute Freundin, die sagen kann, pass auf, dies und jenes solltet ihr jetzt machen, ist egal.

Was sollten betroffene Eltern tun?

Entscheidend ist, sich die Zeit zu nehmen, die man für sich selbst benötigt, um sein Kind kennenzulernen. Nicht nur Abschied nehmen, sondern tatsächlich kennenlernen – mit allen Facetten. Ich merke immer wieder, wenn ich zum Einsatz ins Krankenhaus fahre, um gemeinsam mit den Eltern Fotos zu machen, Hand- und Fußabdrücke zu nehmen, dass sie sich viel intensiver Zeit nehmen, ihr Baby anzuschauen. Wie sehen die Ohren aus, die Nase, Finger und Zehen? Vielleicht kann man das Baby auch noch mal gemeinsam mit den Eltern baden, es hübsch anziehen.

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Verstirbt das Baby bereits im Mutterleib, stellt sich zunächst die Frage, wie es zur Welt kommt. Kaiserschnitt oder Spontangeburt? Was raten Sie?

Wir als Verein geben die Empfehlung zur Spontangeburt. Das ruft meist Entsetzen hervor, aber es gibt mehrere gute Gründe dafür. Zum einen bleibt nach dem Kaiserschnitt eine Wunde, die erst verheilen muss. Somit ist eine erneute Schwangerschaft für einen längeren Zeitraum zunächst nicht möglich. Auch wenn es für viele in dem Moment des Verlustes noch unvorstellbar ist, zeigt die Erfahrung, dass der Wunsch nach einer erneuten Schwangerschaft in der Regel doch schnell kommt. Außerdem bleibt eine Narbe, die immer an diesen Schicksalsschlag erinnert.

Außerdem gehört dieser natürliche Prozess der Geburt bereits zum Abschiednehmen dazu. Und auch für den Körper ist es wichtig, denn er reagiert wie bei einer normalen Geburt. Das heißt, die Hormone, die ganzen wichtigen Prozesse werden in Gang gesetzt.

Jacqueline Pieper ist Gründerin des Vereins Sternengeflüster und Begleiterin für Eltern bei Fehlgeburt, stiller Geburt, medizinisch und sozial indiziertem Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod. Die 36-Jährige ist selbst Mutter zweier Sternenkinder und begleitet und berät nun Eltern in derselben Situation.

Jacqueline Pieper ist Gründerin des Vereins Sternengeflüster und Begleiterin für Eltern bei Fehlgeburt, stiller Geburt, medizinisch und sozial indiziertem Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod. Die 36-Jährige ist selbst Mutter zweier Sternenkinder und begleitet und berät nun Eltern in derselben Situation.

Ist es wichtig, dass das Kind einen Namen bekommt?

Ja. So können die Eltern ihr Baby einfacher betrauern. Auch für die Zeit danach und für das Umfeld ist es leichter, wenn man das Ganze konkret benennen kann. Es ist nicht bloß ein Sternenkind oder das verstorbene Kind, sondern trägt einen Namen. In diesem Moment weist man ihm ja auch einen Platz in der Familie zu.

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Nicht nur für die Eltern ist das Erlebte ein Schock, sicher fühlen sich auch Freundinnen und Freunde sowie die Familie hilflos, wissen nicht, wie sie helfen können. Haben Sie Tipps für Mitbetroffene?

Das A und O ist es, dass jemand da ist, bei dem man seine Gefühle nicht verstecken muss, wo man einfach trauern darf. Hilfreich ist es auch, die Eltern nicht zu bedrängen, aber dennoch Angebote zu machen. Zum Beispiel zu sagen, heute um 12 Uhr steh ich vor deiner Tür und gehe gerne mit dir spazieren. Ich klingele, und wenn du nicht möchtest, machst du nicht auf. Oder man bietet an, Geschwisterkinder eine Zeit lang abzunehmen. Auch einfach mal Essen vorbeizubringen kann helfen, damit sich die Eltern um Alltagsdinge erst mal keinen Kopf machen müssen.

Kann man auch was falsch machen?

Definitiv. Typische Floskeln, wie „du bist ja noch jung“ oder „wer weiß, wofür es gut war“ sollte man unterlassen. Das sind wirklich üble Sprüche. Wenn einem die Worte fehlen, sollte man das offen zugeben und lieber einfach nur da sein und die Trauer gemeinsam aushalten.

Sie haben bereits Geschwisterkinder erwähnt. Wie geht man mit ihnen in dieser Situation um?

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Das Wichtigste ist, die Kinder mit einzubeziehen. Das wird häufig vergessen, weil man sie schützen will. Doch Kinder haben feine Sensoren, sie merken, dass etwas nicht stimmt und denken vielleicht am Ende, dass sie daran schuld sind, dass Mama und Papa gerade traurig sind. Man sollte auch ihnen je nach Alter einen kindgerechten Abschied ermöglichen.

Im aktuellen Fall von Fußballstar Cristiano Ronaldo sind nicht nur ältere Geschwisterkinder da, sondern auch ein Neugeborenes, das Zwillingsgeschwisterchen. Da ist also einerseits die Trauer um das verstorbene Baby, aber es gibt ja noch das zweite Kind. Wie geht das zusammen?

Ich glaube, es ich wichtig, auf jeden Fall beide Gefühle zuzulassen. Man darf sich natürlich freuen, aber man darf genauso traurig sein. Gerade in dieser Situation ist es besonders wichtig, dass eine Begleitung da ist – egal, ob professionell oder familiär –, die der Mama im Haushalt hilft, ihr das Baby mal abnimmt, dass sie Zeit zum Trauern hat. Versucht man sie zu unterdrücken, schlägt sie irgendwann mit voller Wucht zu. Zusätzlich besteht die Gefahr einer postnatalen Depression.

Nun haben wir von der Mama gesprochen, aber was ist mit dem Papa?

Er darf natürlich nicht vergessen werden. Auch wenn die Mutter das Kind ausgetragen und gespürt hat, war es doch auch sein Kind und auch er leidet. Jeder trauert auf seine Weise und oft ist es so, dass Männer es eher mit sich selbst ausmachen, die still Trauernden sind. Das kann innerhalb der Partnerschaft schnell zu Missverständnissen führen. Nicht selten kommt es vor, dass die Frau das Gefühl bekommt, ihrem Mann wäre der Verlust des Kindes egal. Dann hilft es, sich bewusst gemeinsam Zeit zum Trauern zu nehmen, das geht auch ohne viele Worte, etwa durch gemeinsames Weinen.

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Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man mit der Trauer abschließen sollte?

Nein. Im Endeffekt bleibt sie. Bei mir ist es nun elf Jahre her, es wird leichter, aber dennoch fehlt mir mein Kind. Am schwersten ist meines Erachtens aber das erste Jahr: Das erste Weihnachten ohne das Baby, das erste Osterfest, der errechnete Geburtstermin, der erste Geburtstag. Wichtig ist, dass das Umfeld Geduld hat und den Eltern die Zeit gibt, die sie brauchen, ohne Druck zu machen. Es gibt so einen schönen Satz: Wo man trauert, da ist auch Liebe.

Ab wann raten Sie zu professioneller Unterstützung?

Wenn man selbst dauerhaft keine Freude im Alltag mehr empfindet und Depressionen oder Angststörungen ins Spiel kommen, dann ist es sicherlich auch ratsam, beispielsweise einen Psychologen mit ins Boot zu holen. Manchen hilft allerdings bereits eine Selbsthilfegruppe oder eine Begleitung durch Sternenkindervereine oder einen guten Trauerbegleiter. Grundsätzlich sehe ich selbst aber die Trauer nicht als „Krankheit“. Jeder Verlust ist schmerzhaft und hinterlässt seine Wunden. Diese brauchen vor allem Zeit sowie Verständnis, um zu heilen.

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