Wann wird aus der Pandemie eine Endemie?

Drosten rechnet mit mehr Corona-Toten in den nächsten Wochen

Letzte Folge des „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten.

Letzte Folge des „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten.

Bis Ostern werden die Infektionszahlen hoch bleiben, die Intensivstationen werden wieder voller und es wird auch wieder mehr Todesfälle geben – so lautet die Pandemieprognose von Christian Drosten für die nächsten Wochen. Man sehe im Moment einen linearen Anstieg der Krankenhausaufnahmen, sagte Drosten am Dienstag in der vorerst letzten regulären Folge des „Coronavirus-Update“ von NDR Info. „Und wir sehen gleichzeitig eine Umverteilung in die älteren Altersgruppen, das heißt, wir werden auch wieder mehr Intensivstationsbetten voll haben und werden auch mehr Todesfälle wieder sehen in der nächsten Zeit.“

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Ciesek: Zweistellige Millionenzahl in letzter Zeit infiziert

Im Moment sei ein neuer Höchststand im Infektionsgeschehen zu beobachten, betont Sandra Ciesek. „Ich habe gestern mal versucht, zu überschlagen, wie viele Menschen sich in den letzten sechs Wochen wohl hier in Deutschland infiziert haben, und bin auf eine erschreckend hohe Zahl gekommen: Wenn man die Dunkelziffer einrechnet, ist es wahrscheinlich ein zweistelliger Millionenanteil“, sagt die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Vor diesem Hintergrund sei es „natürlich schlecht, wenn man dann noch zusätzlich Maßnahmen aufhebt und damit das noch ankurbelt“.

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Gleichzeitig müsse man sich auch vergegenwärtigen, dass die Krankheitsschwere sich durch die Impfungen und die Omikron-Variante auf weniger als ein Zehntel reduziert habe. „Ich glaube, wir können jetzt schon sagen, die Situation ist dadurch deutlich besser geworden, sie ist aber nicht komplett aufgelöst“, so Drosten. Die aktuelle Entwicklung werde wahrscheinlich bis Mitte Mai weitergehen. Durch die Osterferien und das dann wärmer werdende Wetter sei danach ein Rückgang der Infektionszahlen zu erwarten.

Drosten: Künftig Maske tragen aus Höflichkeit

Im Sommer werde eine Zeit kommen, in der es keine Corona-Auflagen – auch keine Maskenpflicht – mehr geben werde, prognostiziert Drosten. Dann müsse jede und jeder selbst entscheiden, welche Vorsichtsmaßnahmen er oder sie treffe. „Dann kommen wir tatsächlich in diese asiatische Höflichkeit vor der Pandemie rein mit dem Masketragen: dass ich dann – wenn ich Symptome habe, sowieso, aber auch sonst in allen möglichen sozialen Situationen – aus Höflichkeit die Maske trage“, sagt Drosten. Ciesek rät weiterhin zum Tragen der Maske überall da, wo es erforderlich ist: „Das ist in Innenräumen, wenn es eng wird, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr.“

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Trotz einer Entspannung im Sommer rechnet Christian Drosten damit, dass im Herbst wieder neue Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus nötig werden. Einerseits werde das Virus wahrscheinlich weiter mutieren. Es breite sich derzeit in China aus. „Und ich gehe nicht davon aus, dass es dort gelingen wird, das zu kontrollieren“, so Drosten. Die große Bevölkerungszahl Chinas biete für das Virus „enorme Evolutionsmöglichkeiten“.

Kein ausreichender Schutz vor Übertragung durch Impfung

Zum anderen werde aber voraussichtlich in der deutschen Bevölkerung die Immunität bis zum Herbst nicht hoch genug sein, um eine erneute Winterwelle zu verhindern, so Drosten. Eine Schlüsselrolle spiele dabei die Rachenschleimhaut. „Unsere Schleimhäute haben ein lokales, ortsständiges, eigenes Immunsystem“, sagt Drosten. Durch eine Infektion entstehe in den Schleimhäuten eine Immunität. „Wir haben immer noch eine Minderheit in der Bevölkerung, die überhaupt keinen Schleimhautkontakt hinter sich hat.“

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Die Impfung wirke für eine kurze Zeit von etwa zwei Monaten auch an den Schleimhäuten immunisierend, danach nehme dieser Effekt aber wieder ab. „Und deswegen sind eben fast alle in der Bevölkerung nicht mit diesem Übertragungsschutz versehen“, sagt Drosten. Deshalb werde es, wenn die Temperaturen sinken, wieder zu mehr Ansteckungen mit dem Coronavirus kommen.

Um die Übertragungsimmunität aufzubauen, brauche es wahrscheinlich mehrere Infektionen hintereinander oder den Schutz durch einen Lebend-Impfstoff, der aber noch nicht verfügbar ist. „Die Infektionen, die jetzt über den Sommer stattfinden, die werden wahrscheinlich nicht ausreichen“, sagt Drosten.

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Vielleicht letzter Herbst mit Einschränkungen

Der Weg von der Pandemie in die Endemie sei ein Prozess, „und wir sind schon ein ganzes Stück da drin“, sagt der Virologe von der Charité Berlin. Ein relevanter Schritt sei es, dass die Infektionssterblichkeit sich von etwa 1,5 Prozent auf etwa 0,1 Prozent abgesenkt habe. „Wir kommen da jetzt schon, was die Sterblichkeit angeht, in Bereiche einer schweren Grippesaison“, so Drosten.

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Allerdings sei durch den fehlenden Übertragungsschutz im Herbst mit deutlich mehr Infizierten zu rechnen als bei einer Grippewelle. Deshalb sei die ohne erneute Einschränkungen zu erwartende Anzahl der Todesfälle nicht tolerabel, so Drosten. Dazu kämen die vielen Personalausfälle durch erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Das heißt, man wird das nicht laufen lassen können, das würde mich echt wundern, wenn das im Herbst so wäre.“ Etwas Hoffnung kann Drosten in der vorerst letzten Podcast-Folge dann aber doch noch machen: „Vielleicht ist es aber der letzte Herbst, wo man noch mal so gegenbremsen muss.“

RND/kau

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