Infektiologe warnt: „Wenn das so bleibt, haben wir es bald mit einer schleichenden Triage zu tun“

Eine Mitarbeiterin der Pflege steht in einem Zimmer auf der Corona-Intensivstation.

Eine Mitarbeiterin der Pflege steht in einem Zimmer auf der Corona-Intensivstation.

Clemens Wendtner hat im Januar 2020 die ersten Covid-19-Patienten in Deutschland behandelt. Er ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie an der München-Klinik Schwabing. Im RND-Gespräch berichtet der Infektiologe von seiner Sorge, immer mehr neue Intensivpatientinnen und ‑patienten mit Covid-19 pro Tag zu versorgen, und spricht von „schleichender Triage“.

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Herr Prof. Wendtner, wie würden Sie die Lage der Kliniken in München aktuell beschreiben?

Die Lage ist angespannt. Es gibt in München 400 Intensiv­betten. Davon waren vergangene Woche bereits 380 belegt. 21 Prozent davon machen die Corona-Patientinnen und ‑Patienten aus. Das ist also ein großer Anteil. An Covid-19 Erkrankte belegen im Schnitt 20 Tage lang ein Bett, also rund viermal länger als ein durchschnittlicher Intensivpatient. In der Notfallversorgung werden in den kommenden Tagen und Wochen also mit Sicherheit weitere Limitationen zutage treten. Dabei mahnen die Kliniken bei der Politik seit Sommer gebetsmühlenartig an, dass die Intensivkapazitäten sich verknappen werden.

Clemens Wendtner ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München-Klinik Schwabing.

Clemens Wendtner ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München-Klinik Schwabing.

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Welche Auswirkungen hat das?

Die schlechte Versorgungslage trifft in diesem Corona-Winter alle – auch diejenigen, die wegen Herzinfarkt oder nach einem schweren Verkehrsunfall eigentlich wie ein akuter Notfall behandelt werden müssen. Es gibt schon jetzt Rettungsflüge von Oberbayern nach Unterfranken oder in einzelnen Fällen sogar nach Südtirol, weil Kliniken in einzelnen Regionen überfüllt sind und dem nicht mehr gerecht werden. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das, dass sie nicht mehr innerhalb weniger Minuten vor Ort behandelt werden können. Sie werden natürlich stabilisiert – kommen dann aber in den Rettungsflieger und werden mit Zeitverzug an einem anderen Standort behandelt.

Wie oft kommt das vor?

Bisher sind das glücklicherweise noch Einzelfälle. Aber wenn das Infektionsgeschehen so bleibt wie jetzt, haben wir es bald mit einer Priorisierung von Notfallpatienten oder in anderen Worten einer schleichenden Triage zu tun. Deutschlandweit gewöhnen wir uns gerade an rund 50.000 Neuinfektionen pro Tag, Tendenz steigend. Und wir wissen, dass circa 0,8 Prozent aller Sars-CoV-2 infizierten Menschen in der Regel erst mit mehrwöchiger Verzögerung auf den Intensivstationen zu sehen sind. Dies bedeutet konkret 300 bis 400 neue Intensivpatienten mit Covid-19 pro Tag bei anhaltend hohen Neuinfektionen.

Geimpfte und Ungeimpfte auf Intensivstation

Für die Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte ist das wirklich frustrierend. Die Ungeimpften auf Intensivstation sind quasi „vermeidbares Leid“ für alle Beteiligten.

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Wer wird im Moment bei Ihnen Covid-19-bedingt auf Normalstation behandelt?

Auf Normalstation sind aktuell rund die Hälfte der Erkrankten im Zusammenhang mit Covid-19 ungeimpft. Da ist das Bild gemischt: Es gibt junge Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen, aber auch Ältere mit Risikofaktoren. Unter den Geimpften, die trotzdem schwer erkranken, sind insbesondere ältere Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren wie Krebs, Diabetes oder einer Immunschwäche zu nennen.

Und auf Intensivstation?

Auf Intensivstation hatten wir Zeiten, in denen fast nur Ungeimpfte bei uns waren. Inzwischen sehen wir aber auch dort rund 10 bis 15 Prozent Geimpfte auf Intensivstation, die meisten älter als 60 Jahre. Da zeigt sich, dass der Immunschutz mit der Zeit abnimmt oder sich keine ausreichende Immunantwort gebildet hat. Es gibt leider auch erste Berichte über Covid-19-Patienten mit gefälschten Impfpässen auf Intensivstationen in Deutschland.

Wie gehen die Pflegenden und die Ärzteschaft an Ihrem Standort damit um, dass nun Menschen behandelt werden, die sich bewusst gegen eine Impfung entschieden haben?

Für die Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte ist das wirklich frustrierend. Die Ungeimpften auf Intensivstation sind quasi „vermeidbares Leid“ für alle Beteiligten. Das hätte durch die Impfung verhindert werden können. Psychologisch dreht sich da deshalb im Moment schon die Stimmung. Gerade in der Pflege gibt es nur wenig Personal. Diejenigen, die geblieben sind, haben jetzt noch mehr zu tun. Dann engagieren sie sich für Patienten, die nicht schicksalhaft einer Erkrankung erlegen, sondern sehenden Auges ins Unglück gerannt sind. Es gab Fälle, bei denen Erkrankte selbst nach dieser schlimmen Erfahrung auf Intensivstation das Virus weiterhin nicht ernst genommen haben.

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Corona-Infektion versus Impfung: Das Risiko ist vielfach höher

Die Impfung schützt vor Erkrankung und Tod. Zuletzt gab es Verunsicherung, ob das noch stimmt, wenn auch Geimpfte auf der Intensivstation landen.

Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken und zu versterben, ist ohne Impfung und bei einer Infektionslage wie im Moment um ein Vielfaches höher. Ein Großteil der Geimpften infiziert sich erst gar nicht. Kommt es im Einzelfall doch zur Infektion, verläuft diese in der Regel viel milder, als wenn man nicht geimpft ist. Man steckt auch andere weniger wahrscheinlich an. In den Kliniken sehen wir ja nur einen Bruchteil der Impfdurchbrüche, gewissermaßen die wirklich schweren Fälle.

Können Sie die Überlegung nachvollziehen, auf die Impfung zu verzichten und die Infektion in Kauf zu nehmen, um potenzielle Nebenwirkungen zu umgehen?

Es ist bei der derzeitigen Infektionslage sehr wahrscheinlich, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Der Nutzen der Impfung überwiegt die Risiken bei Weitem. Nach der Impfung gibt es in der Regel lokale und kurzweilige Nebenwirkungen: den Impfarm, Müdigkeit, Schüttelfrost. Ganz selten gibt es allergische Reaktionen. Da kommen einige wenige Fälle auf 100.000 Geimpfte. Eine schwere Covid-19-Erkrankung ist das weit größere Risiko für die Gesundheit. In der jetzigen Pandemielage in Deutschland mit circa fünf Millionen Infizierten und 100.000 covidbedingten Todesfällen liegt das tödliche Risiko einer Infektion rechnerisch bei circa 2 Prozent. Das heißt, jeder 50. Patient überlebt Covid-19 nicht.

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Covid-19 ist auch eine unberechenbare Krankheit.

Genau. Man kann zum Beispiel nie genau sagen, wer schwer erkrankt und wer einen milderen Verlauf hat. Und es ist nicht nur die akute Erkrankung, die unsere Patientinnen und Patienten begleitet. Es können schwerwiegende Nebenwirkungen wie Organschäden entstehen, die lange anhalten können. Das Risiko für Thrombosen und Herzmuskel­entzündungen ist bei der Erkrankung um ein Vielfaches höher als infolge der Impfung. Man darf auch nicht vergessen: Rund ein Drittel derjenigen, die coronabedingt auf Intensivstation behandelt werden, verstirbt.

Der Corona-Winter und die Maßnahmen

Wenn wir morgen eine Impfpflicht hätten, würden wir erste Effekte nach zwei Impfungen frühestens nach sechs Wochen, das heißt zu Weihnachten, spüren.

Würde eine Impfpflicht dabei helfen, die Lage auf den Intensivstationen im Winter zu entspannen?

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Wenn wir morgen eine Impfpflicht hätten, würden wir erste Effekte nach zwei Impfungen frühestens nach sechs Wochen, das heißt zu Weihnachten, spüren. Trotzdem ist dies wichtig, um die jetzige Infektionswelle und gegebenenfalls weitere Wellen im Frühjahr abzufedern. Eine weitere wichtige Komponente ist die Auffrischimpfung. Lässt sich ein Großteil der Bevölkerung boostern, werden wir ebenfalls in einigen Wochen einen Effekt spüren. Studien aus Israel haben gezeigt, dass eine Auffrischung schon eine Woche später eine Effektivität von 93 Prozent hat. Damit erhöht sich der Schutz vor Erkrankung. Auch die Verbreitung des Virus wird bei den bereits zweifach Geimpften erneut unterbunden.

Mehr Impfungen helfen also aus der vierten Welle hinaus. Was braucht es aus infektiologischer Sicht noch?

Eine Impfpflicht und einen Lockdown hat die Politik bereits sehr früh ausgeschlossen. Dennoch glaube ich, dass wir angesichts der aktuellen Lage zumindest eine einrichtungsspezifische Impfpflicht über verschiedene Berufsgruppen hinweg in Alten- und Pflegeheimen, in Kliniken, aber eventuell auch in Bildungseinrichtungen brauchen. Des Weiteren empfehlen namhafte Epidemiologen, dass wir auch das schnellere Instrument der Kontaktbeschränkungen zumindest für Ungeimpfte – ähnlich wie in Österreich bereits praktiziert – benötigen, um die vierte Welle zu brechen. Da muss sich auch die Politik ein Stück weit ehrlicher machen.

Kurzfristig braucht es weitere Einschränkungen. Man wird zum Beispiel dazu kommen müssen, Kontaktbeschränkungen durch das Unterbinden von Großveranstaltungen zu beschließen.

2G reicht nicht aus?

Flächendeckend 2G wird logischerweise zu einer Kontaktbeschränkung beitragen. Es kann aber auch sein, dass sich Ungeimpfte dadurch mehr in den privaten Bereich zurückziehen und größere Treffen veranstalten. Das wird sich erst noch zeigen. 2G ist also ein weiteres wichtiges Hilfsmittel. Ich gehe aber davon aus, dass das die Welle nicht allein brechen wird. Kurzfristig braucht es weitere Einschränkungen. Man wird zum Beispiel dazu kommen müssen, Kontaktbeschränkungen durch das Unterbinden von Großveranstaltungen zu beschließen. In München ist gerade der Christkindl-Markt abgesagt worden. Aber für besonders vulnerable Bereiche wie Altenheime wird man zusätzlich auch eine Testpflicht, auch für Geimpfte und Genesene, also 2G plus, benötigen, da nur so die Bewohner sicher geschützt sind.

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Auch, wenn nur Geimpfte und Genesene zusammenkommen?

Man kann bei so einer hohen Inzidenz nicht guten Gewissens 75.000 Menschen in ein Fußballstadion hineinlassen. Selbst mit 2G könnte man dann noch ein Problem haben. Bei einem Fußballspiel oder einem Großkonzert gibt es besonders viele Flächenkontakte. Auch Geimpfte und Genesene können sich mit Corona infizieren und andere anstecken. Man könnte zwar per Schnelltest vorab Sars-CoV-2-positive Personen ausfindig machen. Aber das ist bei so vielen Menschen in kurzer Zeit am Einlass kaum machbar.

Medikamente gegen Corona: erst langfristig eine Hilfe

Ein weiterer Baustein für den Weg aus der Pandemie sind Medikamente. Ergebnisse gab es zuletzt zur Pille Paxlovid von Pfizer. Kann das Arzneimittel in diesem Winter noch helfen?

Paxlovid scheint auf den ersten Blick wirklich sehr effektiv zu sein. Bestätigen sich die Angaben des Herstellers, können mit dem Medikament rund neun von zehn Einweisungen ins Krankenhaus infolge einer Corona-Infektion verhindert werden. Auch das Sterberisiko könnte deutlich gesenkt werden. Der große Vorteil ist, dass das Mittel als Tablette oral verabreicht wird. Wird Paxlovid zugelassen, könnte das auch die Kliniken entlasten. Wer sich infiziert, wird dann erst gar nicht schwer krank, sondern hat mit milderen Symptomen zu tun.

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Das klingt erst einmal sehr vielversprechend.

Es wird noch dauern, bis das Mittel wirklich zum Einsatz in den Kliniken kommt. Die Daten zu Paxlovid müssen erst noch veröffentlicht werden, die Europäische Arzneimittelbehörde die Rohdaten einsehen. Bislang gab es nur eine Pressemitteilung von Pfizer selbst, die Studie mit rund 1000 Teilnehmenden war auch relativ klein. Ich hoffe aber, dass Paxlovid verstärkt in den Fokus genommen wird. Deutschland und die EU sollten nicht versäumen, sich Zugriffsrechte zu sichern. Die beste Medizin bei Covid bleibt aber die Prophylaxe. Und das ist die Impfung.

In den kommenden Wochen hilft das also noch nicht. Es werden sich wahrscheinlich viele Menschen anstecken und auch erkranken. Was sollte jeder und jede im Fall der Fälle beachten?

Ein Selbsttest zu Hause kann erste Gewissheit schaffen. Wenn man Husten, Fieber oder klassische Atemwegssymptome einer Erkältung entwickelt, sollte man lieber früher als später einen PCR-Abstrich machen lassen. Vor allem auch, wenn man mit vielen Personen in Kontakt ist – ob nun privat oder beruflich.

Wo sollte ich mich dafür melden?

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Ich würde immer den Hausarzt oder die Hausärztin anrufen und um Rat bitten. In Absprache mit den Fachleuten fällt es auch einfacher abzuwägen, ob ein Gang in die Klinik ratsam ist. Da geht es oft um Zeit. Denn eine Therapie, zum Beispiel mit antiviralen Antikörpern, macht nur Sinn, wenn man innerhalb der ersten Woche nach Infektion beginnt.

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