Polio-Viren im Londoner Abwasser entdeckt

Kehrt die Kinderlähmung nach Großbritannien zurück?

Die vom U.S. Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellte Illustration aus dem Jahr 2014 zeigt ein Poliovirus-Partikel.

Die vom U.S. Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellte Illustration aus dem Jahr 2014 zeigt ein Poliovirus-Partikel.

London. Jahrzehntelang war Großbritannien frei von Polio, nun scheint sich das Virus wieder zu verbreiten. Anfang des Jahres haben Forschende in einem Klärwerk in Beckton, einem Stadtteil im Osten von London, Polioviren des Typen 2 (PV2) nachweisen können. Weitere Untersuchungen in den Abwasserkanälen acht anderer Bezirke im Osten und Nordosten der britischen Hauptstadt folgten – mit ähnlichen Ergebnissen. Insgesamt gab es 116 Virenfunde in 19 Abwasserproben, die zwischen Februar und Juli gesammelt wurden, teilte das Gesundheitsministerium am Mittwoch mit.

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„Die Menge des gefundenen Poliovirus und die hohe genetische Vielfalt unter den PV2-Isolaten lassen darauf schließen, dass in diesen Bezirken eine gewisse Virusübertragung stattfindet, die sich möglicherweise auf die angrenzenden Gebiete erstreckt“, schlussfolgerte die Behörde. „Dies deutet darauf hin, dass die Übertragung über ein enges Netz von wenigen Personen hinausgeht.“ Kehrt damit die hochinfektiöse Viruskrankheit Poliomyelitis, auch bekannt als Kinderlähmung, nach Großbritannien zurück?

Polio-Impfquote liegt in London bei fast 90 Prozent

Bisher stuft das britische Gesundheitsministerium das Polio-Risiko in der Bevölkerung als „gering“ ein. Denn ein Großteil der Menschen ist in der Kindheit bereits gegen die Viruserkrankung geimpft worden. Die Impfungen bieten den Vorteil, dass sie Antikörper und Gedächtniszellen aufbauen, die bei erneutem Kontakt sofort gegen den Erreger vorgehen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Polioimpfrate in London bei knapp 87 Prozent.

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Das Problem ist aber: „Wir wissen, dass die Gebiete in London, in denen das Poliovirus übertragen wird, zu den Gebieten mit den niedrigsten Impfraten gehören“, sagte Vanessa Saliba, beratende Epidemiologin der UK Health Security Agency (UKHSA). „Deshalb breitet sich das Virus in diesen Gemeinden aus und setzt die nicht vollständig geimpften Einwohner einem größeren Risiko aus.“ Zu den betroffenen Bezirken zählen unter anderem Barnet, Hackney, Enfield und Camden.

Großbritannien will Abwasserüberwachung ausbauen

In den meisten Fällen verlaufen Infektionen mit dem Poliovirus ohne Symptome. Es kann jedoch auch zu schweren Krankheitsverläufen mit Fieber, Übelkeit, Halsschmerzen, Rückenschmerzen, bin hin zu Lähmungen der Arme, Beine und der Atmung kommen. Die gute Nachricht ist: Die Polioviren sind in Großbritannien bislang nur in Umweltproben entdeckt worden, Infektionen sind noch nicht bekannt.

Die UKHSA hat die Abwasserüberwachung bereits verstärkt, um das Ausmaß der Virusverbreitung zu ermitteln. An acht Orten in London entnehmen Forschende derzeit Proben. Weitere 15 Standorte sollen Mitte August hinzukommen, genauso wie 10 bis 15 landweite Standorte, um festzustellen, ob sich das Poliovirus außerhalb der britischen Hauptstadt ausbreitet.

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Polioviren stammen von der „Schluckimpfung“

Bislang haben Forschende größtenteils impfstoffähnliche Polioviren im Londoner Abwasser entdeckt. Diese stammen aus dem oral verabreichten Polio-Impfstoff („Schluckimpfung“), der noch heute in einigen Ländern zum Einsatz kommt. Bei dem Vakzin handelt es sich um einen Lebendimpfstoff. Er enthält geringe Mengen vermehrungsfähiger Polioviren, die so abgeschwächt sind, dass sie die Erkrankung selbst nicht auslösen können. Allerdings vermehren sich die Lebendviren für gewöhnlich sechs bis acht Wochen lang im Magen-Darm-Trakt von Geimpften, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) auf seiner Internetseite. Sie können somit über den Stuhl ausgeschieden werden und ins Abwasser gelangen.

Bei Kontakt mit den Impfviren entwickeln Infizierte jedoch keine Symptome, sondern bauen einen Schutz vor der Erkrankung auf. Zum Problem werden die Erreger erst bei einem zu geringen Immunschutz: „Wenn die Bevölkerung aufgrund zu niedriger Polio-Impfquoten nicht ausreichend geschützt ist, können Impfviren über einen längeren Zeitraum zirkulieren und sich dabei genetisch verändern“, teilt das RKI mit. „Je länger das Virus zirkuliert, umso größer ist die Gefahr, dass veränderte Viren auftreten, die nach Infektion eine symptomatische Erkrankung hervorrufen können.“ Expertinnen und Experten sprechen dann von „circulating vaccine-derived polioviruses“ (cVDPV), also impfstoffabgeleiteten Polioviren.

Gibt es einen Zusammenhang zu Polio-Fällen in den USA und Israel?

In London sind diese mutierten Viren (VDPV2) bereits im Abwasser gefunden worden. Genetische Analysen würden darauf hindeuten, dass die impfstoffabgeleiteten und die impfstoffähnlichen Polioviren einen gemeinsamen Ursprung haben, der jedoch noch identifiziert werden müsse, erklärte die WHO. Von einer konkreten Ausbreitung von VDPV2 in Großbritannien könne jedoch noch keine Rede sein.

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Kathleen O‘Reilly, Expertin für die Ausrottung der Kinderlähmung an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, ist noch etwas anderes aufgefallen: „Das in London zirkulierende Poliovirus ist genetisch mit dem Virus verwandt, das bei einem kürzlich aufgetretenen Poliofall in den USA und in Israel gefunden wurde“, sagte sie dem britischen Science Media Center. Ende Juli war im US-Bundesstaat New York erstmals seit fast einem Jahrzehnt wieder eine Polioinfektion nachgewiesen worden. „Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Zusammenhänge vollständig zu verstehen, aber sie zeigen, dass dieses Virus das Potenzial hat, Krankheiten zu verursachen, insbesondere in schlecht geimpften Gemeinden.“

Polio-Auffrischungsimpfungen für alle Ein- bis Neunjährigen vorgesehen

Einen größeren Polio-Ausbruch will Großbritannien unbedingt verhindern – und hat schon eine Lösung für das Problem: eine Impfkampagne. Kinder zwischen ein und neun Jahren in allen Londoner Stadtbezirken sollen eine Polio-Auffrischimpfung erhalten, empfiehlt der Gemeinsame Ausschuss für Impfungen und Immunisierung (JCVI). „Es ist wichtig, dass alle Kinder im Alter von 1 bis 9 Jahren – auch wenn ihre Impfungen auf dem neuesten Stand sind – diesen Impfstoff annehmen, wenn er angeboten wird, um ihren Schutz gegen das Poliovirus weiter zu verstärken“, machte das Gesundheitsministerium deutlich.

Die Impfkampagne ist zunächst örtlich begrenzt. Sie soll vor allem in den Gebieten durchgeführt werden, in denen das Poliovirus nachgewiesen wurde und die Impfraten niedrig sind. Danach sollen dann auch in allen anderen Bezirken Polio-Auffrischungsimpfungen stattfinden. „Ich halte die Polio-Auffrischungsimpfung für einen sehr guten Plan“, sagte Polio-Expertin O‘Reilly. „Die Abwasserüberwachung hat uns Informationen über die Verbreitung des Poliovirus geliefert und eine wichtige Gelegenheit zur Impfung und Prävention geboten.“

Wie Großbritannien und Deutschland gegen Polio impfen

Für einen vollständigen Impfschutz gegen Polio empfiehlt der nationale Gesundheitsdienst NHS grundsätzlich fünf Impfungen bei Kindern: Die ersten drei Impfstoffdosen sollen sie im Alter von 8, 12 und 16 Wochen erhalten. Die vierte soll dann mit 3 Jahren und vier Monaten folgen, die fünfte schließlich im Alter von 14 Jahren. Europäischer Standard bei der Polioimpfung ist mittlerweile ein „inaktivierter“ Impfstoff – auch IPV genannt –, der in den Oberarm injiziert wird. Bei dem bestehe keine Gefahr Polio weiter zu verbreiten, sagte O‘Reilly. „Der Impfstoff ist sehr sicher.“

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Zum Vergleich: In Deutschland findet die Impfung gegen Polio üblicherweise mit einem Sechsfachimpfstoff statt. Das heißt: Neben Polio werden Kleinkinder auch gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie, Keuchhusten (Pertussis), Hib (Haemophilus influenzae Typ b) und Hepatitis B geimpft. Es gibt dabei drei Teilimpfungen: Die erste Impfung empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) im Alter von 2 Monaten, die zweite soll dann 8 Wochen später folgen und die dritte Impfung im Alter von 11 Monaten. Im Alter von 9 bis spätestens 17 Jahren sollte die Impfung noch einmal aufgefrischt werden, rät die Stiko.

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