Neurobiologe über die Kraft der Gedanken: „Wer sein Mindset verändert, verändert sein Leben“

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Um ein glücklicheres Leben zu führen, braucht es laut Marcus Täuber nur drei bis sechs Monate Training. Abhilfe schafft die Kraft der Gedanken.

Hannover. „Ich denke, also bin ich“ lautet einer der berühmtesten Sätze der Philosophie. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch ist, was er denkt: Mittlerweile hat die Forschung das menschliche Gehirn als notorischen Lügner entlarvt. Ob wir unsere eigenen Fähigkeiten einschätzen oder glauben, in einer Entscheidungssituation alle Optionen zu kennen – unser Denken ist voll von Fake News. Wie sie uns beherrschen, erklärt Neurobiologe und Bestsellerautor Marcus Täuber in seinem neuen Buch „Falsch gedacht! Wie Gedanken uns in die Irre führen – und wir mit mentaler Intelligenz zu wahrer Stärke gelangen“.

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Marcus Täuber wurde 1972 in Wien geboren, ist Lehrbeauftragter mehrerer Hochschulen und international als Experte für Hirnforschung gefragt.

Marcus Täuber wurde 1972 in Wien geboren, ist Lehrbeauftragter mehrerer Hochschulen und international als Experte für Hirnforschung gefragt.

Im RND-Interview gibt er neben einem Einblick in die menschliche Psyche Tipps für ein glücklicheres Leben. Denn das zu erreichen, dauert seiner Ansicht nach allenfalls ein halbes Jahr.

Die kognitive Intelligenz und die emotionale Intelligenz sind vielen Menschen ein Begriff. In Ihrem Buch erklären Sie, erst die mentale Intelligenz komplettiere unsere Grundfähigkeiten. Was hat es damit auf sich?

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Bei der kognitiven Intelligenz geht es darum, sprachliche und logische Aufgaben zu lösen. Die emotionale Intelligenz wiederum beschreibt das Management von Gefühlen. Bei der mentalen Intelligenz geht es um einen Schritt zurück, um die Regulation der Aufmerksamkeit. Denn im Normalfall fallen unsere Gedanken meist unbemerkt flüchtig und schlampig aus. Dabei ist es möglich, sie willentlich zu steuern und sie so bewusst stärker im Gehirn oder Gedächtnis zu verankern. Es ist wie beim Atmen: Wenn wir uns fokussieren, haben wir die Möglichkeit, unser Denken zu lenken und so neu zu prägen.

Die Gedanken spielen also eine große Rolle. Doch Sie beschreiben das Gehirn als „notorischen Lügner“. Wieso?

Oft haben Menschen Gedanken wie „Früher war alles besser“, „Ich könnte jederzeit mit diesem oder jenem aufhören, ich möchte nur nicht“ oder „Dieser eine Mensch ist der einzig Richtige für mich“. Unser Gehirn denkt faul, egoistisch und ist fixiert auf die Vergangenheit. Es laufen in uns Steinzeitprogramme ab. Doch was in der Steinzeit gut und förderlich war, nehmen wir in unserer heutigen Welt ganz anders wahr.

Welche Rolle spielt die Vergangenheit bei der Wahrnehmung der Gegenwart?

Wenn wir in einem Raum stehen oder etwas wahrnehmen, rufen wir zu über 99 Prozent der Wahrnehmung aus dem Gedächtnis ab. Das heißt, unsere Eindrücke aus der Vergangenheit prägen, was wir als Gegenwart sehen. Der Spruch „Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind“ ist also absolut zutreffend.

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Wodurch stehen sich Menschen denn am häufigsten selbst im Weg?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich selbst im Weg zu stehen. Oft ist es der Widerstand gegen Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Dazu zählt auch die Corona-Situation: Viele Menschen fokussieren jetzt, was nicht in ihrer Macht steht, zum Beispiel die Regelungen der Bundesregierung. Besser wären zum Beispiel Gedanken darüber, wie das Leben nach der Pandemie weitergeht oder wie es möglich ist, sich wirtschaftlich neu aufzustellen. Die Frage ist immer: Wie produktiv ist mein Denken? Dabei geht es nicht darum, alles rosarot zu sehen. Produktiv sind Gedanken, die Lösungen fokussieren, entspannend sind oder uns gesund erhalten.

Also ist das Ziel, sich gar nicht mehr zu sorgen?

Nein, auch das Grübeln hat seinen Wert. Die Warn- und Alarmprogramme unseres Gehirns dienen immerhin unserem Schutz. Die Frage ist nur: Wie lange dauert das im Vergleich dazu, was draußen passiert, an? Oft entsteht hier ein Ungleichgewicht. Denn Schmerz gehört zwar zum Leben, muss aber nicht zu Leid werden, indem man sich ständig auf ihn konzentriert.

Sich diese Denkweise anzutrainieren, fällt vielen schwer. Kann überhaupt jeder mentale Stärke erlernen?

Ja! Klar – wer Glück im Leben hatte, also eine stressfreie Kindheit und gute Beziehungen, hat es leichter. Doch im Prinzip ist es nie zu spät für eine gute Kindheit. Und es ist auch nie zu spät, mentale Stärke zu lernen. Das ist wie körperliches Training: Man setzt sich Herausforderungen und Widerständen aus und beginnt, die Hürden Schritt für Schritt zu meistern. So erkennen Menschen ihre Grenzen – durch Herausforderungen.

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In Ihrem Buch erklären Sie, mentale Stärke sei gut, Selbstliebe hingegen gieße Öl ins Feuer. Also sollen wir uns nicht selbst lieben?

Das Thema Selbstliebe wird momentan sehr überzogen, im Coaching und auch in der Psychologie. Wer sich die Literatur genauer ansieht, bemerkt aber, dass Narzissmus und Perfektionismus in der Gesellschaft sehr stark gewachsen sind. Beim Perfektionismus haben Betroffene ständig die Sorge, nicht gut bei anderen anzukommen. Deshalb braucht es perfekte Leistungen für Anerkennung und Lob. Beim Narzissmus hingegen möchte ein Mensch ständig im Zentrum stehen, sieht sich als grandios und macht die anderen runter.

Das sind Dinge, die sich auch in sozialen Netzwerken beobachten lassen, und alles Ausdrücke von einem sehr starken Ego. Zeigt die Gesellschaft einem dann Weisheiten wie „Du musst dich selbst lieben, bevor du andere lieben kannst“ auf, führt das zu verzerrten Dimensionen. Dann machen wir die Selbstliebe zu groß und zu wichtig. Ein gutes Selbstmitgefühl, Selbstbewusstsein und -vertrauen sind wichtig, doch auch Realismus ist gefragt. Denn es gibt immer Menschen, die reicher, klüger oder gesünder sind.

Der promovierte Neurobiologe und Bestsellerautor Marcus Täuber erklärt in seinem neuen Buch, das Mitte Februar im Goldegg Verlag erschienen ist, wie wir von unserem Denken beherrscht werden.

Der promovierte Neurobiologe und Bestsellerautor Marcus Täuber erklärt in seinem neuen Buch, das Mitte Februar im Goldegg Verlag erschienen ist, wie wir von unserem Denken beherrscht werden.

Wie lösen sich Betroffene von diesem Denken?

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Wer sich selbst zu wichtig nimmt, erzeugt Leid. Deshalb gibt es beispielsweise im Buddhismus die Regel: kein Ich, kein Problem. Abhilfe schafft ein anderer Sinn in der Welt als das eigene Dasein. So macht etwa das Spenden von Geld in der Regel glücklicher, als zu nehmen. Erkennen Menschen die Kraft ihrer Gedanken, beginnen sie, sie zu nutzen. Das ist der Schritt vom Zuschauer zum Regisseur des eigenen Lebens.

Meistens geht es bei positiven Veränderungen um Gewohnheiten, die das Gehirn abspeichern muss. Das ist ein Prozess, der über konzentrierte Wiederholungen, also über das Üben oder Lernen, funktioniert. Im Schnitt dauert es drei bis sechs Monate, bestimmte Gedanken zu verinnerlichen.

Drei bis sechs Monate reichen also, um im Leben glücklicher zu werden?

Ja. Das ist wie lesen lernen. Auch da programmieren wir unser Hirn um, es gibt kein „Lesezentrum“. Doch wir haben die Möglichkeit, Nervenzellen, die für die Erkennung von Objekten und Gesichtern zuständig sind, für Worte, Satzteile und Sätze zu nutzen. Genauso funktioniert das mit allen anderen Abläufen im Kopf. Das Motto „Brainchanging is gamechanging“ gefällt mir gut. Ob das jetzt die Gesundheit betrifft oder einen persönlichen oder wirtschaftlichen Erfolg: Wir haben mehr Einfluss als wir glauben. Wer sein Mindset verändert, verändert sein Leben.

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