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Was sagen die Corona-Zahlen überhaupt noch aus?

Das RKI und seine Pannenstatistik

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, musste sich im Verlauf der Pandemie immer wieder für Datenpannen seines Instituts rechtfertigen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) schränkt seine Berichte über die aktuellen Corona-Fallzahlen ein. Am Sonntag und Montag will es keine eigene Meldung zu den neuesten Zahlen mehr herausgeben. Da am Wochenende weniger Testungen, Labordiagnostik, Meldungen und Übermittlungen stattfänden, sei die Aussagekraft dieser Zahlen eingeschränkt, schreibt das Institut auf seiner Internetseite.

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Zunehmend weniger Gesundheitsämter und Bundesländer würden an den Wochenenden Zahlen übermitteln, auch da „keine direkten Konsequenzen auf Landes- oder Bundesebene“ mehr folgten. Der Verlauf lasse sich ohnehin besser anhand des Wochenvergleichs einschätzen, das Institut werde weiterhin jeden Donnerstag die epidemiologische Situation in seinem Wochenbericht beurteilen. Ablesen lassen sich die gemeldeten Fallzahlen vom Wochenende übrigens weiterhin aus dem Dashboard des RKI – sie sind aber eben unvollständig.

Mängel bei den Corona-Daten sind nicht neu

Weil sich die Lage zunehmend entspannt, hat das RKI in der vergangenen Woche auch seine Risikobewertung angepasst: Es stufte die Gefährdung durch Covid-19 für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland insgesamt nur noch als „hoch“ ein und nicht mehr als „sehr hoch“, wie in den vergangenen Monaten. Der Anteil schwerer Erkrankungen und Todesfälle sei nicht mehr so hoch wie in den ersten vier Erkrankungswellen der Covid-19-Pandemie, heißt es in der Begründung. Gesundheitsämter und RKI messen der tagesaktuellen Datenübermittlung deshalb offenbar weniger Bedeutung bei. Allerdings: Zu Mängeln bei der Datenerfassung und Auswertung war es in der Pandemie immer wieder gekommen, auch während der größten Infektionswellen.

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Da war zunächst schon immer die unregelmäßige Übermittlung der Zahlen, die nicht nur am Wochenende, sondern auch während der Ferien oder Feiertage die Daten verfälscht hatte. So herrschte rund um Weihnachten 2021 und den Jahreswechsel große Ungewissheit über den Pandemieverlauf. Gut drei Wochen lang war unklar, ob die erfassten Daten der Realität entsprachen, weil sich weniger Menschen testen ließen und die Ämter weniger Zahlen übermittelten.

Fehler beim Impfmonitoring

Zudem wurde die Aussagekraft der vom RKI gemeldeten Zahlen stets auch dadurch beeinträchtigt, dass die Testquote schwankte. Zwar gibt das RKI zusätzlich an, wie hoch der Anteil der positiven Tests ausfällt. Das kann ein Anhaltspunkt dafür sein, wie stark die tatsächliche Inzidenz von den erfassten Fallzahlen abweicht – ist für Laien aber nicht einfach zu interpretieren.

Auch beim Impfmonitoring gab es Pannen: So gab das RKI im vergangenen Herbst bekannt, dass wahrscheinlich 3,5 Millionen mehr Menschen geimpft seien als offiziell erfasst. Dies sei aber keinem Versäumnis des RKI geschuldet, erklärte damals das Institut, sondern gehe auf unterbliebene Meldungen der Impfzentren, Impfteams, Ärzte und Ärztinnen zurück.

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Zu einer Übererfassung kam es hingegen bei der Zahl der „echten“ Corona-Patienten und -Patientinnen in den Krankenhäusern. Wie im Januar die „Bild“ berichtete, hatte das RKI im vergangenen Winter während der Omikron-Welle einen großen Anteil von Personen als Corona-Patienten und-Patientinnen registriert, die wegen völlig anderer Beschwerden im Krankenhaus behandelt wurden und dort nur als Zufallsbefund positiv getestet wurden. Im Saarland soll vorübergehend nur einer von vier offiziell gemeldeten Corona-Patienten und -Patientinnen tatsächlich wegen Covid-19 im Krankenhaus gelegen haben, in Rheinland-Pfalz weniger als jeder zweite.

Auch bei der Krankenhausbelegung durch Geimpfte und Ungeimpfte kam es immer wieder zu Verzerrungen der Datenlage. So hatte das RKI im vergangenen Jahre monatelang Corona-Patienten und -Patientinnen als „ungeimpft“ gezählt, wenn deren Impfstatus nicht bekannt war, wie unter anderem „correctiv“ berichtete. Für die Aussagekraft der Daten war das durchaus wichtig – so gab das RKI im Herbst an, dass bei etwa 20 Prozent der Hospitalisierten der Impfstatus unbekannt sei.

Repräsentative Studien fehlen

Solche Fehler bei der Datenerfassung sind auch deshalb ein Problem, weil sämtliche Berechnungen auf ihnen basieren: Sie dienten nicht dazu, den Infektionsverlauf zu beurteilen, sondern auch zur Berechnung der Impfeffektivität. Und sie wurden herangezogen, um Maßnahmen wie Schulschließungen, 2G- oder 3G-Regeln zu begründen.

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Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hatte vor wenigen Wochen das deutsche System der Datenerfassung kritisiert. Im Gegensatz zu Deutschland würden andere Länder repräsentative Studien anhand von Stichproben aus der Bevölkerung durchführen. Mit einer ähnlichen Methodik wie bei Wahlumfragen ließe sich dadurch nicht nur erheben, wie groß der echte Anteil der Geimpften und Genesenen sei, sondern zum Beispiel auch, in welchen Berufen es besonders häufig zu Ansteckungen kommt und in welchen nicht.

Ein solches Verfahren sei besser geeignet, um die „wahre Inzidenz“ zu ermitteln, unabhängig von der Testhäufigkeit, so Streeck. Durch solche Daten können man „viel gezielter gegen die Pandemie vorgehen, als einfach alles zu beschränken, weil man es nicht besser weiß“, sagte der Virologe gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventions­forschung und Epidemiologie bemängelte ebenfalls, dass repräsentative Studien in Deutschland fehlen, während es diese zum Beispiel in Großbritannien gebe.

Die fehlenden repräsentativen Daten dürften auch die geplante Auswertung zum Nutzen und Schaden der Corona-Maßnahmen erschweren, denn nicht alle Informationen werden sich im Nachhinein zuverlässig erheben lassen. Über die Erfolgsaussichten der Evaluation hatte es ohnehin bereits Diskussionen gegeben: Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, hatte den Sachverständigenrat zur Evaluation vor wenigen Tagen verlassen und das damit begründet, es werde mindestens ein Jahr dauern, zuverlässig zu evaluieren. Die Regierung, die den Ausschuss einberufen hat, strebt hingegen Ergebnisse innerhalb weniger Monate an.

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