„Zoom Dysmorphia“: Wie Videokonferenzen unser Selbstbild verzerren

Videokonferenzen haben in Corona-Zeiten geboomt – und offenbar bei vielen Menschen Unsicherheiten geweckt.

Videokonferenzen haben in Corona-Zeiten geboomt – und offenbar bei vielen Menschen Unsicherheiten geweckt.

Bei einer Videokonferenz sollte man eigentlich die Teilnehmenden anschauen, die etwas sagen. Stattdessen lenkt sich der Blick aber immer wieder ganz von allein auf das eigene Gesicht. Die Falten an den Wangen, die krumme und zu große Nase oder auch die abstehenden Ohren – irgendeinen vermeintlichen Makel findet man immer. Gerade in den Phasen im Corona-Lockdown und in der Selbstisolation haben die zahlreichen, teilweise ellenlangen Videokonferenzen über Zoom, Microsoft Teams und Co. dazu geführt, dass Menschen umso länger auf diese selbst empfunden Mängel starren. Eine Angewohnheit, die alles andere als harmlos sein kann.

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Arianne Shadi Kourosh, eine Dermatologieprofessorin der Harvard University, hat diesem Phänomen den Namen „Zoom Dysmorphia“ gegeben. Sie hat schon früh in der Corona-Pandemie einen beunruhigenden Anstieg von Patientinnen und Patienten festgestellt, die sich über Schönheitsoperationen beraten ließen – und das in einer Zeit, in der von nicht lebensnotwendigen Operationen abgeraten wurde. Sie klagten besonders häufig über Falten und Akne. Als Grund für das plötzliche Interesse an plastischen Eingriffen nannten die Patientinnen und Patienten oft ihr Aussehen auf Zoom, wie Kourosh und zwei weitere Autorinnen im Fachjournal „Facial Plastic Surgery & Aesthetic Medicine“ berichteten.

Dysmorphophobie: Wie die obsessive Körperbildstörung Menschen vor den Spiegel zwingt

Der Begriff ist eng mit der „Body Dysmorphia“ verwandt, also der sogenannten Dysmorphophobie. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass sich Betroffene übermäßig mit einem selbst empfundenen Mangel des Äußeren beschäftigen. Sie sind davon überzeugt, dass diese größtenteils eingebildeten Störungen hässlich und furchtbar sind. Dabei existieren diese ästhetischen Makel mitunter gar nicht oder sind nur sehr geringfügig präsent. Betroffene gehen zudem meist davon aus, dass andere ihr Aussehen ebenfalls so wahrnehmen wie sie. Daher entwickeln sie oft zwanghafte Rituale – beispielsweise schauen sie ständig in den Spiegel und starren auf das betroffene Körperteil.

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Wer nun stundenlang in einer Videokonferenz mit den Arbeitskolleginnen und -Kollegen oder Freundinnen und Freunden verbringt, starrt in einen Spiegel etwas anderer Art. Die Webcam-Aufnahme in dem Meeting gibt vielen Menschen einen neuen Blick auf ihr Gesicht. Zum einen korrigieren die Video-Apps das spiegelverkehrte Bild, das viele Menschen von sich selbst gewohnt sind. Sie sehen sich also so, wie andere sie vermeintlich auch sehen. Zum anderen können sie ihre Gesichter beobachten, während sie mit anderen reden und Emotionen zeigen. Dabei können sie ihr Aussehen direkt mit den Gesichtern der anderen Teilnehmenden vergleichen.

Die Videokonferenz als Spiegelkabinett

In Videokonferenzen glauben viele Teilnehmenden aus diesen Gründen, dass andere sie auch im persönlichen Kontakt immer exakt so sehen, wie sie gerade auf dem Bildschirm zu sehen sind. Dabei zeigen Kameras ebenfalls ein verzerrtes Bild, da Lichtverhältnisse und die Videoqualität maßgeblich zum Aussehen auf Zoom und Co. beitragen. Die Autorinnen um Kourosh weisen darauf hin, dass Webcams außerdem aufgrund ihrer kürzeren Brennweite unter anderem ein runderes Gesicht, weiter auseinanderstehende Augen und eine breitere Nase abbilden.

Kourosh vergleicht Videokonferenzen gegenüber dem britischen „The Guardian“ mit den Spiegelkabinetten, die aus Jahrmärkten bekannt sind. „[Menschen] sehen kein wahres Spiegelbild. Sie erkennen nicht, dass es ein verzerrter Spiegel ist“, sagte sie. Bei Smartphone-Kameras und Webcams bestimme etwa der Winkel und der Abstand zur Kamera, wie man auf dem Bildschirm zu sehen sei.

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Studien zeigen: Auch Fotofilter wirken sich negativ auf Selbstwahrnehmung und Psyche aus

Der ständige Blick in diesen Zerrspiegel hat bei vielen Menschen eine Reihe an Unsicherheiten geweckt. Forschende um Kourosh haben in einer jüngst in dem Fachjournal „International Journal of Women‘s Dermatology“ veröffentlichten Studie untersucht, wie sich Videokonferenzen, Social Media und auch Fotofilter in Zeiten der Corona-Pandemie auf die Selbstwahrnehmung und psychische Gesundheit ausgewirkt hat. Sie fanden heraus, dass unter den 7295 Probandinnen vor allem die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen (1294 Teilnehmerinnen) im Zuge der Pandemie unzufrieden mit ihrem Aussehen waren. 45 Prozent gaben an, sich schlechter wegen ihres Äußeren zu fühlen.

Dabei zeigte sich: Je mehr Zeit Menschen pro Woche auf sozialen Netzwerken unterwegs waren, desto schlechter war ihr Selbstbild. Auffällig war auch, dass sich deutlich mehr 18- bis 24-Jährige an psychiatrische Hilfsangebote wendeten, wenn sie Fotofilter nutzten. Gleichzeitig hatten die Nutzerinnen und Nutzer von Fotofiltern häufiger Angst davor, nach den Zeiten im Lockdown und in der Selbstisolation wieder Aktivitäten mit anderen Menschen zu unternehmen. Das war auch im altersübergreifenden Vergleich der Fall. So litten mehr als acht von zehn Menschen (82,8 Prozent) in der Alterspanne von 18 bis über 75 Jahren an solchen Ängsten, wenn sie ausschließlich Fotofilter für ihre Bilder nutzten – und „nur“ 47,53 Prozent der Befragten, die sie nie verwendeten.

„Zoom-Boom“: Zahl der Schönheitsoperationen gestiegen

Filter sollen in Apps wie Snapchat und Instagram beispielsweise dafür sorgen, dass die Haut glatter und Augen und Nasen ästhetischer aussehen. Selfies sehen dank solcher Funktionen dementsprechend besonders vorteilhaft aus. Das Potenzial der Filter, die Entstehung einer Dysmorphophobie zu fördern, haben Forschende schon in Zeiten vor Corona erkannt. Das Phänomen beschrieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als „Snapchat Dysmorphia“ oder auch „Selfie Dymorphia“. In den USA haben 72 Prozent der Mitgliederinnen und Mitglieder einer Gesellschaft für plastische Chirurginnen und Chirurgen bereits 2019 angegeben, dass mehr Menschen sie aufsuchen, um schönere Selfies schießen zu können.

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Die gestiegene Nachfrage nach Schönheitsoperationen hielt auch in der Corona-Krise an. So spricht die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) von einem „Zoom-Boom“ im Jahr 2020: Die Zahl der plastischen Behandlungen im Gesicht stieg in Deutschland von 50.395 im Vorjahr auf 60.384, heißt es in einer Mitteilung. Die VDÄPC führt diesen Boom auf die vermehrte Nutzung von Videokonferenzen, Smartphones und Social Media zurück. Plastische Eingriffe im Gesicht machten bei ästhetischen Behandlungen demnach einen Gesamtanteil von mehr als 74 Prozent aus. Besonders beliebt waren vor allem Faltenbehandlungen mit Botox oder Hyaluron sowie Oberlidstraffungen und Lippenlifting.

Harvard-Professorin: „Zoom Dysmorphia“ vor allem ein „psychisches Problem“

Kourosh und die anderen Forscherinnen sprechen sich angesichts des auffälligen Anstiegs an Unzufriedenheiten mit dem Aussehen dafür aus, Menschen für derartige Folgen von Videokonferenzen, Fotofiltern und Social-Media-Plattformen zu sensibilisieren. Sie geht davon aus, dass „Zoom Dysmorphia“ allen voran ein „psychisches Problem“ ist, wie sie gegenüber „The Guardian“ betont. „Zoom Dysmorphia“ unterscheide sich dabei im wesentlichen von einer „Snapchat Dysmorphia“ und anderen Störungen, weil sie unbewusst abläuft. „Menschen sind sich der Verzerrung nicht bewusst, die durch ihre Kameras versursacht wird“, sagt sie.

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