Ukraine wollte ihn ausschließen

Russischer Regisseur positioniert sich in Cannes: „Kultur und Krieg sind Gegensätze“

Russischer Regisseur in Cannes: Kirill Serebrennikow bei der Premiere seines Films „Tschaikowskys Frau“.

Russischer Regisseur in Cannes: Kirill Serebrennikow bei der Premiere seines Films „Tschaikowskys Frau“.

So etwas passiert nicht oft nach einer Galapremiere in Cannes: Vom Festivalchef persönlich ließ sich Kirill Serebrennikow ein Mikrofon im größten und schönsten Kino reichen: „Nein zum Krieg“, rief der russische Regisseur. Niemand hätte das in diesem Moment des Premierenglücks von „Tschaikowskys Frau“ von ihm erwartet. Oder etwa doch?

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Vermutlich weiß Serebrennikow selbst nicht mehr, wie oft er sich schon gegen den Überfall seines Landes auf die Ukraine ausgesprochen hat. Doch wo auch immer der 52-Jährige auftaucht, muss er sich erklären. „So herzlich die Aufnahme meines Films hier in Cannes auch ist, ich fühle mich nicht wirklich wohl als einziger russischer Filmemacher“, sagte er am Donnerstag mit Vieltagebart unter einem dunklen Käppi.

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Die ukrainische Filmakademie hatte gefordert, ihn auszuschließen. Die Festivalleitung in Cannes hatte zwar offizielle russische Delegierte ausgeladen, aber an dem regimekritischen Serebrennikow festgehalten.

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Serebrennikows Film geriet bei dieser Debatte in den Hintergrund. In „Tschaikowskys Frau“ erzählt er von der unseligen Ehe des Komponisten (Odin Biron) mit Antonina (Aljona Michailowa). Sie ist bis zur Selbstverleugnung gewillt, an seiner Seite zu leben. Er sieht in ihrer Existenz vorzugsweise eine Möglichkeit, seine Homosexualität zu verbergen und eine ordentliche Mitgift einzustreichen.

Von Anfang an liegen Tragik und ein Hauch Wahnsinn in dieser Verbindung in einem in eleganten Kamerafahrten gefilmten, düsteren Russland. Der Film ist klar im 19. Jahrhundert verwurzelt und doch lässt sich das Gefühl der Unfreiheit des Individuums leicht auf die Gegenwart übertragen.

Der Druck auf Serebrennikow wuchs

Schon 2013 wollte Serebrennikow einen Film über den Komponisten drehen, scheiterte jedoch am Druck des russischen Kulturministers. Tschaikowsky und schwul? Das erschien als Nestbeschmutzung. Seitdem wuchs der Druck auf den Kino-, Theater- und Opernregisseur. Serebrennikow, Leiter des Moskauer Gogol-Avantgardetheaters, wurde mit angeblichen Korruptionsvorwürfen überzogen.

Jahrelang stand er unter Hausarrest – was ihn nicht daran hinderte, über Videoschalten oder Assistenten im Ausland zu inszenieren. Auch seine beiden früheren Filme „Leto“ (2018) und „Petrov’s Flu“ (2021) liefen in Cannes. Beide Male durfte der Regisseur nicht anreisen.

Anfang des Jahres ließen ihn die russischen Behörden überraschend ziehen. Nun lebt Serebrennikow in Berlin und inszeniert in halb Europa – in Amsterdam die Oper „Der Freischütz“, beim Theaterfestival in Avignon „Der schwarze Mönch“, in Paris Wagners „Lohengrin“.

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Unterstützung von Abramowitsch

„Tschaikowskys Frau“ ist noch vor dem Krieg als russisch-französische-schweizerische Koproduktion entstanden, dafür aber mit Unterstützung des in Westeuropa sanktionierten Oligarchen Roman Abramowitsch. Ist das für ihn vertretbar? Abramowitsch habe in früheren Jahren viel Gutes für die russische Kultur getan, sagte Serebrennikow. Er sei ein echter Mäzen und werde womöglich noch als Schlüsselfigur bei Friedensvermittlungen gebraucht. Ihn zu sanktionieren sei falsch.

Sanktionen gegen das imperialistische Russland unterstützt Serebrennikow nach eigenen Worten. Doch ließen sich Theater, Kino und Musik nicht boykottieren. „Kultur und Krieg sind Gegensätze“, sagte er. „Ich halte den Boykott der russischen Kultur für unerträglich, sie hat immer menschliche Werte, die Fragilität des Menschen und das Mitgefühl gefördert.“

Und dann wurde der russische Regisseur gefragt, ob er die Gewinne aus seinem Film an ukrainische Kriegsopfer spenden werde. Mit Profit sei gar nicht zu rechnen, der Film sei eine Investition in die Kultur, antwortete zunächst einer der Filmproduzenten.

Serebrennikow sagte: Er helfe Opfern finanziell. Und dann fügte er hinzu: „Allen Opfern des Krieges, auch jenen, deren Leben auf russischer Seite zerstört wurde.“

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Diese Begegnung in Cannes war ein Aufruf, auch in Kriegszeiten zu differenzieren. Vielleicht sogar besonders in Kriegszeiten.

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