Interview mit dem Kinderbuchautor und Sams-Erfinder

Wem würden Sie gern ein Sams vorbeischicken, Paul Maar?

Am Samstag kam das Sams: Paul Maar hat schon 13 Sams-Bände geschrieben.

Hannover. Am Sonntag schien die Sonne, am Mittwoch war gerade Mitte der Woche und am Freitag hat Herr Taschenbier unverhofft frei - so beginnt die Geschichte. Als dann am Samstag ein merkwürdiges Wesen auf der Straße auftaucht, ist klar: Es muss sich um ein Sams handeln. Vor mehr als 50 Jahren schrieb der Kinderbuchautor Paul Maar das erste Buch über das freche Sams, das mit Wunschpunkten und Reimen das Leben der Menschen gehörig aufwirbelt. Mittlerweile gibt es 13 Sams-Bände und mehr als acht Millionen verkaufte Sams-Produkte. Der 87-Jährige hätte indes einen ganz bestimmten Wunsch, wenn er einem Sams begegnen würde.

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Ungewöhnliche Essensvorlieben: das Sams.

In diesem Interview soll es im Sinne Ihrer berühmten Kinderbuchfigur Sams und der Vorweihnachtszeit ums Wünschen gehen. Haben Sie einen persönlichen Wunsch für Weihnachten und das Neue Jahr?

Eigentlich nur, dass ich bei guter Gesundheit bleibe. Gerade habe ich einen Hexenschuss und wünsche mir einen frei beweglichen Rücken.

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Das Sams hat bekanntlich blaue Punkte, mit denen sein „Papa“ sich etwas wünschen kann. Wie kamen Sie einst auf diese Idee?

Stellt das Leben der Taschenbiers auf den Kopf: das Sams.

Das Sams gab es schon, die Wunschpunkte kamen durch einen Zufall dazu. Ich hatte das Sams gemalt und das Bild zur Inspiration vor mir liegen – der Taucheranzug war schon zu Papier gebracht. Als ich nach einer Unterbrechung wieder an den Schreibtisch zurückkehrte und mir mein Sams anschaute, dachte ich: Wenn es noch Sommersprossen im Gesicht hätte wie Pippi Langstrumpf, sähe es noch frecher aus. Ich tauchte den Pinsel ins Ocker und die ersten Punkte wurden auch noch hellbraun, doch dann kam das Blau vom Taucheranzug durch – das hatte ich nicht richtig ausgewaschen. Ich hielt schon mein Taschentuch in der Hand, um die Sommersprossen abzutupfen, doch dann dachte ich: „Ich bin ja der Schöpfer des Sams, ich kann ihm alles geben, was ich will. Ich behaupte einfach: Samse haben blaue Sommersprossen.“ Ich wusste schon vorher: Herr Taschenbier wird mit seinem Sams Wünsche erfüllen können. Zuerst hatte ich daran gedacht, dass er einen Zauberspruch sagen muss. Aber in der Nacht nach der eben erzählten Geschichte kam die Eingebung: Es ist viel einfacher, wenn Herr Taschenbier mit Wunschpunkten wünscht.

Bei der Leipziger Buchmesse habe ich Sie einmal gefragt, was Sie sich wünschen würden, wenn Sie dem Sams begegnen würden, und Sie antworteten, dass diese Frage Ihnen häufig gestellt werde. Wie war noch gleich die Antwort?

Ich würde mir wünschen, dass mir diese Frage nicht immer gestellt wird!

Diesem Wunsch konnte ich leider nicht nachkommen, aber ich wünsche Ihnen alles Gute mit dem Hexenschuss! Wem würden Sie denn gern mal ein Sams mit Wunschpunkten vorbeischicken?

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Vor unserem Haus liegt oft eine Obdachlose im Schlafsack, ich bringe ihr immer mal eine Tasse Kaffee vorbei. Der würde ich gern ein Sams vorbeischicken, sodass sie aus ihrem Elend herauskommt.

Das Sams, das keinem Geschlecht zuzuordnen ist, gilt als Pionier in Sachen Queerness. Was sagen Sie dazu?

Ich habe damals nicht daran gedacht, aber das Sams den Satz sagen lassen: „Ich bin kein Junge, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Sams.“ Und das sagt eigentlich alles.

Mittlerweile haben Sie neben dem Ursprungs-Sams auch die Sams-Welt eingeführt, in der verschiedene Samse wohnen. In den späteren Geschichten können auch die Samse wünschen. Ist das nicht ein ziemliches Wunschdurcheinander?

Doch, da musste ich sehr aufpassen, dass ich nicht etwas verwechsele und keinem Sams Wünsche zuspreche, das gar keine Wunschpunkte hat. Das war etwas kompliziert, in den letzten Büchern habe ich es wieder vereinfacht. Jetzt gibt es das Mini-Sams, das hat auch Wunschpunkte.

Erzählen Sie einmal, was dieses vom Original-Sams unterscheidet.

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Das Mini-Sams ist gerade aus einem blau gepunkteten Ei geschlüpft. Es ist klein, hat immer den Finger im Mund und nimmt ihn nur raus, um zu sagen: „Ich hätte da mal eine Frage.“ So fängt es meistens seinen Satz an. Es ist ein ganz liebenswürdiges Wesen, das erstmals bei Frau Mon auftaucht, die früher mal Frau Rotkohl hieß. Sie will nicht Weihnachten feiern, doch das Mini-Sams bringt sie dazu, zu Herrn Taschenbier hinüberzugehen. In dem jüngsten Band „Geschichten vom Mini-Sams“ wünscht sich das Mini-Sams, dass es wieder hinüber in die Menschenwelt darf, um Frau Mon-Rotkohl zu besuchen.

Wer hätte zu Beginn gedacht, dass die strenge Frau Rotkohl mal eine enge Verbindung zu einem Sams eingeht! Der Protagonist wird mit dem Mini-Sams also jünger, während Sie selbst bald Ihren 88. Geburtstag feiern. Ist das auch eine Methode, um sich als Autor jung zu halten?

Vielleicht, ja. Da stimme ich Ihnen zu.

Eine andere Strategie könnte sein, dass Sie Buchprojekte mit Ihrer Tochter und Ihrem Enkel haben, der im vergangenen Jahr Ihre Geschichte „Die Tochter der Zauberin“ illustriert hat. Ging da jeweils der Wunsch von Ihnen oder von den Verwandten aus?

Von mir. So auch bei meinem jüngsten Werk: Ich habe ein Theaterstück geschrieben, angeregt von der Demenzerkrankung meiner Frau. Das Stück heißt „Opa Bär und die Menz“ – denn er versteht das Wort immer falsch. Meine Tochter Anna hat daraus eine Prosafassung gemacht und mein Enkel Hannes hat es illustriert. Das Buch kommt im Januar heraus und heißt „Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“, weil der demente Opa immer seine Schuhe in den Kühlschrank stellt.

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Sie haben in diesem Jahr mit „Lorna“ ein Buch für Erwachsene vorgelegt. Haben Sie sich damit einen Herzenswunsch erfüllt?

Durchaus, ja. Die Geschichte lag mir schon länger auf der Seele. Inspiriert ist sie ein bisschen vom Schicksal meiner Halbschwester Barbara, die 18 Jahre jünger war als ich und sich das Leben genommen hat. Sie hatte eine lange Psychiatrie-Geschichte, die ich im Buch der Lorna gegeben habe.

Das sind zwei düstere Themen, an denen Sie zuletzt arbeiteten.

Da zeigt sich der ernste Paul Maar, der auch in meiner Autobiografie „Wie alles kam“ durchscheint. Zwei Seelen wohnen à la Goethe in meiner Brust. Auf der anderen Seite ist da der heitere Paul Maar. Der freut sich, wenn ihm wieder eine neue Sams-Geschichte einfällt und dazu viele Reime.

Kommen die Reime eigentlich spontan?

Nicht immer. Da sitze ich manchmal schon eine halbe Stunde im Sessel mit einem weißen Blatt vor mir und versuche Reimworte am Ende zu finden – und zwar so, dass sich die Zeile von der Silbenhebung und -senkung der anderen anschmiegt. Sodass es nicht wie bei manchen Karnevalsvereinen eine lange und darauf eine kurze Zeile gibt. Der Rhythmus muss stimmen.

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Apropos reimen: Das können die Samse ja besonders gut. Könnten Sie mir zum Abschluss einen Wunsch erfüllen und etwas für mich reimen?

Ja, mache ich gerne. „Kommt bei Frau May ein Sams vorbei,/ dann hat Frau May drei Wünsche frei.“

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