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Humor und der Krieg

Humorforscher Rainer Stollmann: „Lachen ist das natürlichste Mittel gegen Angst“

„Humor ist eine Trotzhaltung“: Prof. Rainer Stollmann.

Prof. Stollmann, bevor wir über Humor in Zeiten des Krieges sprechen, möchte ich Sie erst einmal fragen: Gibt es eine kurze Definition, was Humor überhaupt ist?

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Bei Sigmund Freud steht sehr schön: Humor entsteht aus Trotz. Also: Ich trotze einer Lage. Das finde ich eine sehr bemerkenswerte Definition, weil im 19. Jahrhundert besonders in Deutschland Humor eher als Abgeklärtheit, Entfernung von der Welt und einem Stehen über der Welt angesehen wurde. Ich würde hingegen Freud den Vorzug geben. Humor ist eine Trotzhaltung.

Sprich: Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

So ungefähr. Trotz allem, was ich sehe und erlebe, lasse ich mir meinen Humor nicht nehmen.

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„Humor ist eine so feste, starke anthropologische Konstante“

Passt das auch auf den Krieg in der Ukraine?

Gelegentlich zweifle ich ein bisschen, ob die Phrase „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ nicht ersetzt werden sollte durch „Der Humor stirbt zuletzt“. Ich bin mir sicher, dass sowohl in den Panzern der russischen als auch denen der ukrainischen Soldaten Witze gemacht werden. Man kennt Soldatenhumor, auch in den Gräben von Verdun oder in Stalingrad ging es nicht ganz witzlos zu. Der Humor ist eine so feste, starke anthropologische Konstante im menschlichen Leben, den bekommen sie so schnell nicht klein. Der Unterschied liegt darin: Sind Sie direkt im Krieg dabei, etwa im Panzer, oder gucken Sie nur zu? Das ist ein Unterschied.

Wir in Deutschland schauen eher nur zu. Hat Humor für uns trotzdem momentan eine besondere Aufgabe?

Humor ist ein Teil der Öffentlichkeit. Wir haben eine ernste Öffentlichkeit, das ist unter anderem die „Tagesschau“. Aber es gibt es immer auch eine komische Öffentlichkeit: Karikaturen, Satire, Witze. Diese komische Öffentlichkeit bietet die Möglichkeit, sich von dem Druck, den die ernste Öffentlichkeit enthält, zu befreien. Lachen ist ein emanzipatorischer Vorgang. Wenn ich lache, kann ich nicht aggressiv sein. Lachen ist in gewisser Weise eine Kapitulation.

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Inwiefern?

Lachen ist eine Anarchie des Körpers. Und Anarchie heißt Herrschaftsfreiheit. Ich befreie mich in dem Moment, in dem ich lache, ohne Rücksicht auf Verluste von aller Herrschaft. Das ist der Kern des Lachens. Und das machen die Menschen fast immer und überall.

„Der Komiker darf dann alles, wenn er es schafft, uns wirklich zum Lachen zu bringen“

Eine Form von Herrschaft und Kontrolle ist auch der Satz: „Das darf man nicht.“ Wer sollte denn überhaupt entscheiden, welche Form des Humors im Moment angemessen ist?

Das kann keiner erlauben. Natürlich: Wenn momentan jemand zum Beispiel schlechte Witze über Menschen im Bunker erzählen würde, würde das Fernsehen schon aufpassen, dass das nicht gesendet wird. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass Komiker in diesen Tagen im Fernsehen, sagen wir, eine Szene im Bunker spielen – draußen fallen die Bomben, es rieselt Putz von der Decke – und es gelingt ihnen, daraus etwas Witziges zu machen. In den sozialen Netzwerken sieht das alles ganz anders aus, da wird Humor überhaupt nicht zensiert, die machen sowieso, was sie wollen. Sie können Humor dort nicht regulieren.

Sollte man Humor denn regulieren?

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Grundsätzlich muss man sagen: Der Komiker darf dann alles, wenn er es schafft, uns wirklich zum Lachen zu bringen. Sie können daher vorher nicht sagen, der darf das, oder der darf das nicht. Aber Sie können hinterher sagen: Es ist ihm gelungen, oder eben, es ist ihm nicht gelungen. Wenn es ihm nicht gelungen ist, dann hätte er es auch besser unterlassen.

Man muss die Pointen also erst einmal machen?

Komik bricht manchmal ja auch Tabus, überschreitet Grenzen. Ob das vom Publikum geduldet wird, anerkannt wird und mit Lachen quittiert wird oder nicht, kann der Komiker im Vorhinein nicht wissen. Wenn er ein guter Komiker ist wie der große Loriot, der ständig Grenzen ausgelotet hat, dann schafft er das. Und wenn nicht, dann hat er halt Pech gehabt.

„Angst heißt Enge“

Was ich auch schon gehört habe, ist: Die Frage, ob man in Kriegszeiten Humor machen darf, sei eine typisch deutsche Frage. Stimmen Sie dem zu?

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Ob man etwas darf oder nicht, ist eine moralische Frage. „Darf man oder nicht?“ heißt, dahinter stecken Fragen wie: Ist es richtig oder falsch? Ist es gut oder böse? Es kann schon sein, dass die Deutschen da besonders moralische Antennen haben. Aber wenn ich von vornherein schon weiß, wer oder was gut oder böse ist, dann mache ich Moral. Das ist dann kein Humor.

Ist Lachen ein Mittel gegen die Angst?

Wenn Sie momentan auf die Bilder des Schreckens schauen, dann fixieren sie sich. Das ist, wie wenn Sie in ein Schlangennest schauen, sie können den Blick nicht abwenden. Und wenn sie fixiert sind und starr werden, heißt das, die Angst ergreift Sie. Dann können Sie nicht lachen. Lachen ist ein Mittel gegen die Angst. Angst heißt ja Enge. Wenn ich heftig lache, sage ich auch: Ich platze vor Lachen. Und wenn ich platze, kann ich nicht eng sein. Insofern ist Lachen das natürlichste Mittel gegen Angst.

Prof. Rainer Stollmann lehrte bis 2012 an der Universität Bremen Kulturtheorie und Kulturgeschichte. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Lachen und Humor. Seine Habilitation schrieb er über „Natur und Kultur des Lachens“.

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