Jesus ist eine Frau – und „Benedetta“ ein provozierendes Drama über eine lesbische Nonne

Jesus schaut zu: Virginie Efira als Benedetta in einer Szene des Films „Benedetta“.

Eines Nachts ruft Jesus die schlafende Benedetta in ihren Träumen zu sich: Der Mann am Kreuz fordert die Nonne auf, sich zu ihm zu legen. Doch damit nicht genug der erotischen Visionen: Sie möge ihm zuvor den Lendenschurz abnehmen. Und siehe: Darunter entdeckt Benedetta den Unterkörper einer Frau.

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Als Benedetta (Virginie Efira) in ihrem toskanischen Kloster schreiend erwacht, trägt sie blutende Wundmale an Händen und Füßen. Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Sind wir soeben Zeuge einer Erscheinung geworden? Oder hat sich Benedetta die Stigmata womöglich selbst mit einer geschickt verborgenen Scherbe beigebracht, um ihrem Aufstieg im Kloster in Pescia mit blutigen Tricks nachzuhelfen und die bisherige Äbtissin (Charlotte Rampling) aus dem Amt zu drängen?

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Skandalpotenzial birgt der Film des Niederländers Paul Verhoeven allemal. Viel nacktes Nonnenfleisch im flackernden Kerzenschein, zwischendurch auch gern mal auf der Folterbank, präsentiert er in gut zwei Kinostunden. Als besondere Dreingabe wird ein Dildo, geschnitzt aus einer kleinen Marienfigur, im praktischen Einsatz vorgeführt. Die hölzerne Figur spielt aber auch darüber hinaus eine gewichtige Rolle, wenn der übel meinende Inquisitor (Christopher Lambert) aus Rom anreist und weniger nach Wunderbeweisen als nach solchen für lesbische Umtriebe hinter Klostermauern sucht.

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Dennoch blieb der Aufschrei bei der Premiere des Films „Benedetta“ im Sommer in Cannes weitgehend aus. Womöglich ist das christlich-katholische Erregungspotenzial spätestens seit Filmen wie Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) bei Jesus-Darstellungen denn doch erschöpft. Oder haben die kirchlichen Moralwächter gelernt, dass allzu laute Empörung dem Film nur mehr Aufmerksamkeit verschafft?

Hang zu sexuellen Ausschweifungen

Der 83-jährige Verhoeven ist schon seit seinen Anfängen vor einem halben Jahrhundert als Provokateur mit Hang zu sexuellen Ausschweifungen bekannt. Erst sorgte er mit seinem noch in den Niederlanden entstandenen Film „Türkische Früchte“ (1973) für (un)gehöriges Aufsehen, dann gelang ihm Ähnliches mit „Basic Instinct“ (1992) und „Showgirls“ (1995) in Hollywood. Zuletzt inszenierte er Isabelle Huppert in „Elle“ (2016) als Vergewaltigungsopfer, das mit dem Täter ein lustvolles Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Der bekennende Atheist kennt sich mit dem Christentum aber auch bestens aus: Zwei Jahrzehnte lang besuchte Verhoeven in Los Angeles das amerikanische Jesus-Seminar, eine Versammlung von Historikern und Bibelforschern, die ausgiebig Bibelexegese betreiben. Aus seinem geplanten Film über Jesus wurde nichts, dafür schrieb Verhoeven ein Buch über den Gottessohn als historische Figur („Jesus. Die Geschichte eines Menschen“). Verhoevens Sex-and-Crime-Provokationen beruhen auf einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema.

Tatsächlich legt der Regisseur zahlreiche Köder für gehaltvollere Interpretationen aus: Sein Film lässt sich genauso als kirchenkritisches wie auch feministisches Statement verstehen. Eine Nonne begehrt auf gegen die Gier der Kirche, gegen Körperfeindlichkeit und gegen das Verbot von Liebe unter Frauen.

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Die seit Kindertagen im Kloster erzogene Benedetta lernt erst durch ihre Mitschwester Bartolomea (Daphne Patakia) ihre sexuellen Bedürfnisse kennen. Als Missbrauchsopfer hat Bartolomea unter Nonnen Zuflucht gefunden und weiß mehr von Benedettas Sehnsüchten als diese selbst – und auch, wie sich diese erfüllen lassen. Eben noch hat Benedetta von Jesus als unschuldigem bärtigen Schafhirten geträumt, so als blättere sie in einem religiösen Bilderbuch für keusche junge Mädchen, und schon wird Jesus in ihren Träumen zur Versuchung. Schlangen züngeln sich durch die Klosternacht.

Der Regisseur beruft sich auf wahre Begebenheiten: Er hat sich inspirieren lassen von Judith C. Browns Sachbuch „Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonne in Italien zur Zeit der Renaissance“, erschienen 1986. Die US-Geschichtswissenschaftlerin Brown hatte Prozessakten aus dem 17. Jahrhundert entdeckt, in denen der Fall der Nonne Benedetta Carlini verhandelt wurde.

Die historische Benedetta hatte tatsächlich Visionen, in denen ihr Jesus etwa das Herz aus der Brust riss und durch sein eigenes, von drei Pfeilen durchbohrtes Herz ersetzte (Verhoeven belässt es in diesem Fall bei Benedettas Erzählung). Ein Verhältnis mit Bartolomea hatte die historische Benedetta ebenso. Und das wog schwerer als ihre Jesus-Erscheinungen: Benedetta Carlini wurde verurteilt und eingekerkert. Sie starb 1661 in Pescia nach 35 Jahren hinter Gittern.

Diese tragische Geschichte verschärft Verhoeven durch die ständige Bedrohung durch die Pest: Dunkle Beulen sprießen auf heller Haut. „Benedetta“ ist gewiss keine feinsinnige Studie über das Klosterleben von Frauen, dafür aber lebenspralle Unterhaltung.

„Benedetta“, Regie: Paul Verhoeven, mit Virginie Efira, Daphne Patakia, Christopher Lambert, 131 Minuten, FSK 16

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