Eine Frau geht aufs Ganze

Mama macht das schon – Andreas Dresens Kinodramedy „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Der Kampf schlaucht: Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Anwalt Docke (Alexander Scheer) in Andreas Dresens neuem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Der Kampf schlaucht: Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Anwalt Docke (Alexander Scheer) in Andreas Dresens neuem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Ein einziges Mal sind Gefangene in Guantanamo in diesem Film zu sehen: Sie knien in ihren orangefarbenen Overalls im Staub, Kapuzen über dem Kopf, eingepfercht zwischen Gittern, bewacht von US-Soldaten. Diese Originalaufnahme flimmert kurz über einen Computermonitor zu Hause bei Familie Kurnaz in Bremen.

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Ein Schicksal aus dem „Krieg gegen den Terror“

Mutter Kurnaz (Meltem Kaptan ) ist tief bestürzt. In dieses juristische Niemandsland außerhalb des US-Territoriums hat die amerikanische Regierung ihren ältesten Sohn Murat verschleppt. Er war nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Pakistan „zur falschen Zeit am falschen Ort“, wie es hier lapidar heißt. Für 3000 Dollar Kopfgeld wurde er in Pakistan an die Amerikaner verkauft. So lief das beim „Krieg gegen den Terror“.

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Es wäre auch schwer vorstellbar gewesen, dass Regisseur Andreas Dresen sich für seinen Guantanamo-Film mitten hinein ins Unrechtslager auf Kuba begeben hätte – wie wir es aus dem Hollywoodfilm „Der Mauretanier“ über den Fall Mohamedou Ould Slahi kennen. Bis heute sitzen in der Karibik 37 Gefangene ohne jede Anklage fest.

Andreas Dresen ist der Verteidiger seiner Filmcharaktere

Waterboarding, Folter durch Schlafentzug und Dauerbeschallung, Misshandlung und Erniedrigung: Wie hätte es der menschenfreundliche Dresen an diesem Ort ohne jede Hoffnung aushalten sollen? Er verteidigt seine Filmfiguren noch in jedem Unglück – den sterbenden Krebskranken in „Halt auf freier Strecke“ (2011) genauso wie den Sänger, Stasi-Spitzel und Baggerfahrer „Gundermann“ (2018).

Einen Film über das Schicksal von Murat Kurnaz hat Dresen dennoch inszeniert, genauer: über dessen Mutter Rabiye Kurnaz. „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ haben Dresen und seine Stammautorin Laila Stieler denn auch ihren Film genannt, der seiner Hauptdarstellerin Meltem Kaptan den Silbernen Bären der Berlinale bescherte. Es handelt sich, und das überrascht bei diesem Sujet, um eine ernstzunehmende Komödie.

Eine Frau mit türkisch-deutscher Schnauze und viel Herz

Humor gegen die brutale Wirklichkeit: Dass dieses Konzept über weite Strecken aufgeht, ist in erster Linie der Moderatorin und Comedienne Kaptan zu verdanken. Sie spielt eine Mutter mit übervollem Herz, viel Seele und türkisch-deutscher Schnauze, ein Energiebündel ohne jede Scheu vor Autoritäten.

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Wenn Rabiye in ihrem biedermeierlichen Bremer Reihenhaus Wäsche bügelt oder Apfelkuchen backt, versucht sie gleichzeitig, einen türkischen Minister ans Telefon zu säuseln. Und wenn sie mit ihrem weißen Mercedes-Cabrio (ihr Mann malocht bei Daimler) durch Bremen düst, hat sie Köfte und Baklava auf der Rückbank, um ihren Anwalt zu bezirzen. Rabiyes stärkste Waffe ist ihre Naivität – auch wenn sie diese manchmal nur vorschützt, um ihre Ziele zu erreichen. Ihre einfache Fragen ermöglichen es dem Filmteam zudem, die komplizierte Rechtslage aufzudröseln.

Der Menschenrechtsanwalt mit trockenem Humor ist ein perfekter Partner

Und da kommt Bernhard Docke (Alexander Scheer, einst jener „Gundermann“) ins Spiel, ein Menschenrechtsanwalt mit trockenem norddeutschen Humor. Wenn man so will, ist er das genaue Gegenstück von Rabiye – und damit ihr perfekter Partner, wenn es darum geht, vor den Supreme Court in Washington zu ziehen. So geschah es auch in der Wirklichkeit.

„Mir geht es um Gerechtigkeit“, sagt Bernhard. Und darum geht es auch Dresen, der nebenbei Laienverfassungsrichter in Brandenburg ist. Dieser Film ist geradezu eine Lehrstunde über die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit in einer Demokratie.

Wenn zu viel Pathos dräut, wird mit Witz gekontert

Manchmal klingt der pädagogische Ansatz zu deutlich an, etwa wenn Bernhard vor der Abraham-Lincoln-Statue an der National Mall in Washington steht und über die amerikanische Geschichte inklusive Martin Luther King doziert. Aber keine Sorge, bald schon gibt Rabiye wieder einen türkischen Sinnspruch zum Besten und torpediert damit jeden Anflug von Pathos.

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Rabiyes Geerdetheit („Der Mund wird nicht süß, wenn man von Honig spricht“) lässt einen beinahe übersehen, wie differenziert die Filmemacher erzählen. Anfangs ist durchaus nachvollziehbar, dass die deutschen Behörden Murat Kurnaz für einen Terroristen hielten. Auch die deutsche Medienmeute bekommt eins auf den Deckel, die Murnat zum „Bremer Taliban“ erklärt – und noch dazu die Schneeglöckchen in Rabiyes Bumenbeet zertrampelt.

Die Bundesregierung ließ Kurnaz länger in Guantanamo sitzen

Und dann ist da noch die deutsche Politik, die Dresen an den Haken nimmt: Die damalige rot-grüne Bundesregierung mit Frank-Walter Steinmeier als Chef im Kanzleramt versuchte offenbar, Kurnaz’ Auslieferung nach Deutschland mit bürokratischen Tricks zu torpedieren. Deswegen saß Kurnaz noch ein paar Jahre länger in Guantanamo ein.

Nach 1786 Tagen kehrte Sohn Murat zurück in die Arme von Mama Rabiye. Ein Happy End sei das nicht, wie Anwalt Bernhard im Film meint. Das gilt bis heute: Der Verschleppte hat weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung erhalten. Einen Etappensieg der Gerechtigkeit sehen wir aber doch in diesem Mut machenden Film.

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„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, Regie: Andreas Dresen, mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, 118 Minuten, FSK 6

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