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Film beleuchtet auch das System Putin

Der Unerschrockene: ein spannendes Kinoporträt des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny

Schärfster Kritiker Putins: Der russische Oppositionelle Alexei Nawalny in einer Szene des Dokumentarfilms „Nawalny“.

Der Film heißt „Nawalny“, aber beinahe ebenso wichtig ist in dieser Dokumentation dessen Gegenspieler. Und der heißt Wladimir Putin.

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Einmal zeigt der kanadische Regisseur Daniel Roher den Kremlherrscher in einer aberwitzigen Montage: Putin hat sich immer wieder über den Oppositionellen Alexei Nawalny geäußert – aber dabei krampfhaft vermieden, dessen Namen auszusprechen. „Die Person, die Sie gerade erwähnt haben“, heißt es bei ihm, oder „der Patient in der Berliner Klinik“, als Nawalny nach dem Nervengift-Mordversuch im August 2020 in der Hauptstadtcharité behandelt wird.

Ähnliches kennt man aus Harry-Potter-Werken. Da war es allerdings umgekehrt der Name des Oberschurken Voldemort, den man besser nicht in den Mund nahm. Hier hat der Böse offenbar Angst vor dem, der ihn konfrontativer herausfordert als jeder andere Regimekritiker in Russland. Und natürlich denkt man sogleich an den Krieg in der Ukraine, von Putin euphemistisch als „militärische Spezialoperation“ tituliert. Wer den Krieg beim Namen nennt, landet im Gefängnis.

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So erzählt dieser Dokumentarfilm nicht nur vom beeindruckenden Mut des Alexei Nawalny, sondern auch von den brutalen Mechanismen des Systems Putin. Die Wirklichkeit wird mit primitiv erscheinenden, aber offenbar wirksamen Propaganda­methoden verbogen, bis sich die Lüge in den Köpfen festgesetzt hat.

Einer widersteht den Manipulations­versuchen: Nawalny, ausgestattet mit nicht viel mehr als einem engagierten Team rund um seine Frau Julia und den technischen Möglichkeiten des Internets, derer sich der Kremlkritiker virtuos auf allen Kanälen bedient.

Stümpereien der Geheimdienste

Im Zentrum steht denn auch die Aufklärung des Attentats gegen Nawalny. Auch hier werden Parallelen zum Krieg erkennbar: Die heutigen Fehl­einschätzungen von Putins Militärs in der Ukraine erinnern an die Stümpereien beim Anschlag des Geheimdienstes FSB in Sibirien.

Überlebt hatte Nawalny die Giftattacke vor knapp zwei Jahren nur, weil der Pilot des Linienflugs auf dem Weg nach Moskau in Omsk notlandete, als sich Nawalny in schlimmsten Qualen wand. Einige wenige Filmsekunden aus der Maschine, aufgenommen von anderen Fluggästen mit dem Handy, geben eine Ahnung davon, welche Panik an Bord geherrscht haben muss. Unüberhörbar dringt das Stöhnen Nawalnys durch die Kabine.

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Nawalny unterlag der fehlerhaften Annahme, dass seine weltweite Bekanntheit ihn schützen würde. „Da lag ich ziemlich falsch“, bekennt er mit schiefem Grinsen. Umso ungläubiger reagiert er, als er erfährt, dass die deutschen Ärzte Nowitschok in seinem Blut fanden. Wie „stupid“, wie dumm, seien die Geheimdienstler vorgegangen: Dieses Nervengas komme einer Visitenkarte aus dem Kreml gleich.

Das Gift in der Unterhose

Mit Unterstützung des internationalen Recherche­netz­werks Bellingcat – und den Filmemacher Roher immer hautnah dabei – kommt Nawalny seinen Beinahemördern auf die Spur. Die groteskeste Szene: Nawalny telefoniert einen Attentäter nach dem anderen ab und gibt sich als russischer Geheimdienstler aus, der dringend einen Bericht über die misslungene Operation schreiben muss.

Einer der damals beteiligten Chemiker verrät ihm tatsächlich alle Details. So erfahren wir noch einmal aus erster Hand von der blauen Unterhose, in der das Nervengas aufgetragen wurde. Nawalny und seine Mitstreiter können ihr Glück über dieses Bekenntnis kaum fassen. Wenig später ging die Ton­band­auf­zeichnung in der globalen Öffentlichkeit viral.

Die Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel damals? Medizinische Hilfe für Nawalny – und die hilflose Forderung an die russische Regierung, Antworten zu dem Anschlag zu liefern, der die „Grundwerte“ verletze.

Am Ende dieses wie ein Thriller aufgebauten Dokumentarfilms kann man erahnen, warum Putins Handlanger Nawalny aus dem Weg räumen sollten: Nawalny fordert Meinungs­freiheit, Einhaltung der Menschenrechte und vor allem ein Ende des korrupten Oligarchen­staats – also all das, was eine Demokratie ausmacht, deren Entwicklung Putin auch im ukrainischen Nachbarstaat fürchtete.

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In einer Wahl­kampf­veranstaltung kündigt Nawalny hier die Beendigung der Kriege in Syrien und der Ukraine an. Dass von Nawalny immer wieder mal auch nationalistische Töne zu hören waren, spricht Regisseur Roher (bekannt geworden durch den Musikfilm „Once Were Brothers“) immerhin an.

Im Januar vorigen Jahres kehrte der unerschrockene Nawalny nach Moskau zurück. Das sei sein Recht als russischer Staatsbürger. Auch in der Maschine ist Rohers Filmteam dabei. Nawalnys Flugzeug wurde damals auf einen anderen Airport umgeleitet. Die Sicherheits­kräfte konnten die Menschen­massen nicht bändigen, die den als möglichen neuen Präsidenten gefeierten Nawalny empfangen wollten.

Direkt nach der Landung wurde Nawalny in Haft genommen. Seitdem wird er in Gefängnissen und Lagern weggesperrt und mit absurden Anklagen überzogen. Den Kampfesmut hat er nicht verloren. In diesem Film formuliert er seine Botschaft an die Russen für den Fall, dass er als Anführer ausfallen sollte. Sie lässt sich so zusammen­fassen: Geht auf die Straße! Tut etwas! Vertreibt Putin aus dem Kreml!

„Nawalny“, Regie: Daniel Roher, 98 Minuten, FSK 12

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