Heute erscheint das neue Album

Gilbert O’Sullivan ist noch immer „Driven“ – die Rückkehr des Beinahesuperstars der Siebzigerjahre

Zeitlos schöne Popsongs: Cover des Albums „Driven“ von Gilbert O’Sullivan. Das Album erscheint am 22. Juli. Foto: -/BMG Rights Management/Warner/dpa.

Zeitlos schöne Popsongs: Cover des Albums „Driven“ von Gilbert O’Sullivan. Das Album erscheint am 22. Juli. Foto: -/BMG Rights Management/Warner/dpa.

Den Klassiker „Clair“ hat jeder, der ein Herz für Pop hat, schon mal irgendwann gehört. In dem Lied mit gepfiffenem Intro, Klavier, Mundharmonika und raschelndem Rhythmus steht eine offenbar viel zu junge Frau auf einen sehr erwachsenen Mann. Zu einem Skandal kam es trotzdem nicht. Denn der damals 25-jährige Pianist und Sänger Gilbert O’Sullivan erzählte in seinem größten Hit eigentlich nur, wie er Babysitter der dreijährigen Tochter seines Managers war und die daraufhin ihren lustigen „Onkel Ray“ in aller Unschuld gleich mal heiraten wollte.

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Das kindliche Kichern am Ende des Lieds löste die Sache in Wohlgefallen auf und jeder pfiff damals im Herbst 1972 die bezwingende Melodie dieses luftigen Britchansons mit. Wie überhaupt in jenen Jahren die Leute die Lieder des irischen Melancholiemeisters Gilbert O’Sullivan (der in Wahrheit Raymond hieß) auf den Lippen trugen. O’Sullivan verkaufte mehr Schallplatten als Rod Stewart und Elton John. Und Boxweltmeister Muhammad Ali posierte auf Fotos mit ihm.

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Aber nach einer Sieben-Hit-Serie – darunter die Einsamkeitsskizze „Alone Again“ (über den frühen Verlust seines Vaters), das kinderliedhafte „Ooh-Wakka-Doo-Wakka-Day“ und das unverhofft rockige „Get Down“ (die Single hatte ein laszives Gilbert-Brustpelz-Cover) gelang der dauerhafte Superstarstatus doch nicht. O’Sullivans Chartplätze wurden ab 1974 unbedeutender, blieben dann ganz aus. Jetzt scheint – obwohl der Musiker all die Jahre nie aufgehört hatte, Musik zu veröffentlichen – die Zeit reif für ein Comeback.

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Denn O’Sullivan ist immer noch ein formidabler Songwriter, wie „Driven“ beweist, das 20. Studioalbum, das heute (22. Juli) erscheint und das er unter Regie von Andy Wright (Simple Minds, Eurythmics) mit einer offenkundig gut gelaunten Liveband in den Londoner RAK-Studios eingespielt hat. Und noch immer ist seinen mit sanfter Stimme gesungenen Songs anzuhören, dass es die Beatles waren, die ihn in den Sechzigerjahren zum Liederschreiben inspiriert hatten.

Im Sound von O’Sullivan steckt viel Paul McCartney

Viel Paul McCartney steckt in den mit dezenten psychedelischen Schlieren geschmückten Popsongs wie „What Are You Waiting For?“ und „Body and Mind“ sowie im operettenhaften „Back and Forth“. „Blue Anchor Baby“ über Kindheitstage am Strand von Somerset hat ein Herz aus Jazz, das burleske „Don‘t Get under Each Other’s Skin“ klingt wie ein Lied für einen Film von Charlie Chaplin. Um den Klimawandel geht es in „You and Me Babe“ und die Hammondorgel schmurgelt dazu dringlich.

Aber auch Rock’n’Roll kann O’Sulllivan, wie „Take Love“ beweist, sein Duett mit der Schottin KT Tunstall, ein Song, dessen treibender Beat an „Good Thing“ der Fine Young Cannibals erinnert. Kennt die noch jemand? Stimmt, die Achtzigerjahre sind auch schon eine Weile her.

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O’Sullivan sitzt auf dem Cover verschmitzt lächelnd in einem schlossartigen Ambiente über der Tastatur eines schwarzen Flügels gebeugt und sieht dabei viel jünger aus als 75. Humor hat er immer noch – zu der Fotosession mit Muhammad Ali, sagte er jüngst dem britischen „Guardian“, würden die Leute heute fragen: „Wer er ist (also Ali), wissen wir, aber wer ist der andere Kerl?“

Der Song „A Woman’s Place“ wurde missverstanden

Der „andere Kerl“ war 1974 mit der Single „A Woman’s Place“ durchgefallen – deren Text sich anhörte, als weise der Sänger den Frauen Heim und Herd zu und verneine die Errungenschaften und Notwendigkeiten der Emanzipation. In Wahrheit war der Song eine der für O’Sullivan nicht unüblichen Beobachtungen der eigenen Familienstruktur aus der Warte des Kindes Raymond/Gilbert. Eine Anleitung fürs Songverständnis gab es indes nicht, O’Sullivan wurde als old-fashioned empfunden, die Musikmagazine baten ihn nicht mehr zum Rapport.

Angedeutet hatte sich die Rückkehr bereits mit dem schlicht „Gilbert O’Sullivan“ betitelten Vorgängeralbum von 2018, das überraschend in die Top 20 der britischen Charts vorgedrungen war. Andere Künstler gruben O’Sullivans Lieder jetzt wieder aus – darunter Diana Krall, Michael Bublé, Elton John und die Pet Shop Boys. Take-That-Sänger Gary Barlow veröffentlichte im Vorjahr ein Duett mit O’Sullivan von „Alone Again“, dem für die junge irische Songwriterin Ciara Mary-Alice Thompson alias CMAT aus Dublin „größten irischen Popsong aller Zeiten“.

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Das ist es, was ihn auch zu weiteren Songs „antreiben“ wird, wenn die Tour zu „Driven“ (bislang sind noch keine Deutschlandtermine angekündigt) zu Ende gegangen sein wird. Sein Erfolgsgefühl hänge nicht mit Millionenverkäufen oder Nummer Einsen in den Hitparaden zusammen, so O’Sullivan. „Ein Erfolg war es immer“, sagt er, „einen guten Song zu schreiben.“

In heutigen Zeiten würde O’Sullivan „Clair“ nicht mehr schreiben

„Clair“ allerdings, so verriet O’Sullivan, würde er nicht mehr machen – die Protagonistenkonstellation Mann/Kind würde in heutigen Zeiten doch eher seltsam wirken. Ein anrührender Song ist „Clair“ bis heute geblieben, nach wie vor geeignet, einem nach dem Hören noch tagelang im Kopf herumzuspuken. 2017 war die Heldin des Lieds, Clair Mills, im Publikum, als O’Sullivan das Lied im Hyde-Park spielte. Und Umstehende berichteten, sie sei zu Tränen gerührt gewesen über ihren alten Babysitter.

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