Premiere am Berliner Ensemble

Lion Feuchtwangers „Exil“: Was kann der einzelne Mensch bewegen?

Star des Abends: Pauline Knof als Anna Trautwein.

Star des Abends: Pauline Knof als Anna Trautwein.

Es ist ein Wunder und manchmal auch ein Jammer, wie aktuell so mancher Roman wieder wird. In den vergangenen Monaten haben mehr als zehn Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Heimat verlassen. Putins Krieg gegen ihr Land hat sie zu dem Schritt gezwungen. Für sie ist Exil ein Begriff, der ihre Gegenwart beschreibt. Und so wird aus einem Werk wie Lion Feuchtwangers „Exil“, das noch vor einem guten halben Jahr als Erzählung aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit interpretiert worden wäre, heute ein Buch zur Gegenwart.

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So ist es nur konsequent, dass der belgische Regisseur Luk Perceval gemeinsam mit der Dramaturgin Sibylle Baschung und seinem Team diesen Roman fürs Theater bearbeitet und am Samstagabend auf der Bühne des Berliner Ensembles inszeniert hat. Auf einer Bühne also, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bertolt Brecht ein langjähriger Exilant gegründet hat.

Feuchtwanger, der selbst 1933 Deutschland wegen der Nationalsozialisten zunächst Richtung Paris und dann in die USA verlassen musste, siedelte seinen Roman in der Mitte der Dreißigerjahre an. Zahllose Emigrantinnen und Emigranten leben in Paris, das zwar noch nicht von den Nazis besetzt ist. Aber die Nationalsozialisten üben in Emigrantenkreisen schon Druck aus. Im Mittelpunkt steht die Exilzeitung „Pariser Nachrichten“, deren Redakteur Friedrich Benjamin in einen Hinterhalt gelockt und nach Deutschland verschleppt wurde.

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David gegen Goliath

Sein Kollege Sepp Trautwein, eigentlich Komponist, will mit seinen Artikeln gegen das Unrecht anschreiben. Er kämpft mit Buchstaben und Bleisatz gegen einen Übermachtapparat, es ist das klassische Aufbegehren eines Davids gegen einen schrecklichen Goliath. Seine Frau Anna erkennt früh, dass dieser Kampf kaum zu gewinnen ist. Doch Sepp Trautwein steigert sich immer mehr in die Möglichkeit der Veränderung der Welt mit textlichen Mitteln hinein – oder positiv formuliert: Er bleibt seinem Gewissen treu.

Bajuwarisch grummelnd: Oliver Kraushaar als Sepp Trautwein.

Bajuwarisch grummelnd: Oliver Kraushaar als Sepp Trautwein.

Feuchtwangers Roman ist eine historische Anordnung von Menschen im Exil. Die große Frage, die im Raum steht, lautet: Was kann der einzelne Mensch gegen die Weltgeschichte, der auf sich selbst Zurückgeworfene gegen das Böse bewirken? Feuchtwangers Figuren wählen unterschiedliche Wege. Mal sind sie von Idealismus getrieben, mal von Pragmatismus, mal von Egoismus.

Pauline Knof ist der Star des Abends

Annette Kurz hat für diesen rund dreieinhalbstündigen Abend eine Vielzahl von Stühlen auf die Bühne des Berliner Ensembles gestellt. Vor der Pause bilden Sitzmöbel ineinandergesteckt den Eiffelturm. In der zweiten Hälfte wird die Spielfläche immer mehr entschlackt. Stühle fliegen um, sie symbolisieren die Last der Härten im Exil, sie dienen als Halt. Perceval lässt in dieser bestuhlten Arena ein großes Ensemble auftreten. Oliver Kraushaar spielt Sepp Trautwein als bajuwarisch grummelnden und brummelnden, als zupackenden Journalisten. Pauline Knof – eindeutig der Star des Abends – zeigt bewegend das wachsende Unglück von Trautweins Frau Anna, das letztlich im Selbstmord mündet. „Nicht das Recht regiert, nur der nackte Zufall“, sagt sie kurz vor ihrem Tod. Ein erschütternder Satz.

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Eine Bühne voller Stühle: Im Hintergrund ist der angedeutete Eiffelturm zu sehen.

Eine Bühne voller Stühle: Im Hintergrund ist der angedeutete Eiffelturm zu sehen.

Marc Oliver Schulze gibt den regimetreuen Schreiber Erich Wiesener, der allerdings an seiner Liaison mit der „Halbjüdin“ Lea (wunderbar distanziert: Constanze Becker) festhält. Klare, reine Charaktere findet man hier nicht, Exil bedeutet nicht nur den Bruch mit der Heimat, sondern auch gebrochene Individuen. All die Personen haben – auch wenn Feuchtwanger es im Vorwort seines Romans abstreitet – historische Vorbilder. Auch die „Pariser Nachrichten“ existierten unter dem Namen „Pariser Tageblatt“ als reales Blatt im Exil.

Luk Perceval und Sibylle Baschung haben in der Person der Erna Redlich (Lili Epply) zudem eine Erzählerin etabliert, die zeitweise schon aus der Nachkriegsperspektive heraus gemeinsam mit Sepp Trautwein auf die Pariser Zeit zurückblickt und somit rückblickend moralische Urteile treffen kann. Zudem bieten innere Monologe der einzelnen Figuren Orientierung im Erzählfluss. So findet der Roman in seiner dramatisierten Form schlüssig den Weg auf die Bühne.

Ist die Aufführung auch aktuell?

Jonathan Kempf, Peter Moltzen, Luana Velis, Paul Zichner, Martin Rentzsch, Gerrit Jansen und Paul Herwig sowie ein Bewegungschor, der im Hintergrund tanzt, spielt, kriecht, kämpft und starrt, komplettieren diesen nachhallenden Abend, der viel über die Kraft wie auch die Machtlosigkeit des Einzelnen erzählt. Aber ist denn die Aufführung nun auch aktuell?

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Der Krieg gegen die Ukraine steht die ganze Zeit über im Raum, aber offen thematisiert wird er nicht. Die Brücke zur Gegenwart müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst schlagen. So setzt Sepp Trautmann das Exil mit einem Wartesaal in einem Bahnhof gleich: „Ich sehe den Wartesaal, aber mehr noch höre ich ihn. Ich höre den Jammer der Wartenden, ihre Verzweiflung, ihre Flüche, ihre Resignation, ihren Zusammenbruch und trotz aller Enttäuschungen ihre immer neue Hoffnung.“ Und muss es sich nicht auch für jene Menschen, die momentan nur aus der Ferne auf ihr bombardiertes Land schauen können, ähnlich anfühlen? Werden Exilanten und im Land Gebliebene dereinst wieder zusammenfinden? In welchem Verhältnis steht das Eigeninteresse der Menschen zum großen Ganzen, zur Verteidigung des Landes? Kann man im Exil einen Alltag leben, darf man ihn sogar genießen, während das Leben zu Hause in der Ukraine im Krieg versinkt? Was können Menschen aus dem Exil heraus momentan für ihre Heimat tun? Und werden wie letztlich bei Sepp und Anna im Exil Lieben zerstört?

Das vom Publikum gefeierte Ensemble und Luk Perceval mit seinem Team geben keine vordergründigen Antworten. Aber sie pflanzen die Fragen in die Köpfe des Publikums.

„Exil“ nach Lion Feuchtwanger in der Regie von Luk Perceval. Dreieinhalb Stunden, eine Pause. Nächste Aufführungen am 8., 9., 22. und 23. Oktober.

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