Kiel

Bielefeld? Gibt‘s doch gar nicht

Kiel. Kiel — Es war eine Party in einem Kieler Studentenwohnheim, als jemand fragte: Wo kommst du eigentlich her? Aus Bielefeld, sagte der junge Mann, und einer meinte: Bielefeld? Das gibt's doch gar nicht.

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Es war ein Scherz, was man halt manchmal so sagt, wenn man manchmal irgendwas sagen will. Aber so fing es an, was heute als Bielefeld-Verschwörung in der Welt ist. Es ist eine Fama, eine moderne Sage, und in diesem Monat wird sie 20 Jahre alt. Achim Held hat sie damals geschaffen, ein promovierter Informatiker aus Kiel mit Hang zu Kino, Spiel und Fantasy und mit großer Lust, gestandene Verschwörungstheoretiker etwas in die Irre zu führen.

Sie sponnen diese Bielefeld-Geschichte weiter, seine Freunde und er. Sie reicherten sie an mit allerlei Denkwürdigkeiten, und als sie auf der Autobahn an Bielefeld vorbeifuhren und der Name der Stadt baustellenbedingt auf allen Schildern durchgestrichen war, fügte sich auch das sehr schön ins Bild. Im Mai 1994 setzte sich Achim Held hin, schrieb alles auf und entließ es ins Internet. Er trat damit etwas los, das die Leute bis heute beschäftigt. Immer noch klicken jeden Monat Tausende die Seite an.

Der Kanzler also auch!

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Er schrieb von dieser sagenhaften Stadt, die nicht existiert, von einer Art Atlantis im Westfälischen. Vor allem aber schrieb er von „IHNEN“, von Leuten und rätselhaften Mächten im Hintergrund, die die Fäden zögen. Sie würden hunderttausende Autos kaufen und sie mit BI-Kennzeichen herumfahren lassen. Sie brächten die Telekom dazu, ein komplettes Ortsnetz für Bielefeld zu simulieren. Sie ließen Menschen verschwinden und nach einer Gehirnwäsche wieder auftauchen, damit sie der verblendeten Welt sagten: Ich war in Bielefeld. Die Post AG sei im Boot, und selbst Gerhard Schröder würde behaupten, 1965 das „Westfalen-Kolleg in Bielefeld“ besucht zu haben — der Kanzler also auch!

Und Held lieferte auch gleich Mutmaßungen mit, was wohl hinter dieser finsteren Verabredung stecken könnte. Von der CIA war die Rede, die in Bielefeld John F. Kennedy gefangen halte, damit er nichts über die vorgetäuschte Mondlandung verraten könne. Er orakelte von einem Landeplatz für den außerirdischen Sternenbruder und Weltenlehrer Ashtar Sheran, und zwar gedeckt durch Elvis Presley und den schwedischen Geheimdienst. Der israelische Mossad könne eine Rolle spielen, Olof Palme, Uwe Barschel und der DFB. Und dass in Bielefeld die Höhle des schlafenden Drachen aus dem Vierten Zeitalter liege, das wollte er der Welt auch nicht verschweigen.

Es war eine großartige Geschichte, es war viel aufgeblasener Lärm um nichts, hanebüchen und absurd, aber die Bielefeld-Verschwörung zog Kreise. Sie wurde zu einer modernen Fabel, weitergetragen über die Jahre und bald so bekannt, dass Gisela Bockermann im Urlaub darauf angesprochen wurde. Wie man denn so in einer Stadlt lebe, die es gar nicht gebe, wurde die Pressesprecherin der Stadt Bielefeld gefragt. Aber sie nahm es gelassen. „Man kann ganz spaßig damit umgehen“, sagt sie. Es gebe ja auch einen Film von der örtlichen Universität zum Thema (mit Achim Held in einer Nebenrolle), und das Stadtmarketing sehe ebenfalls eher die Chancen als die Risiken. Wenn Bielefeld jedenfalls in diesem Jahr sein 800. Stadtjubiläum unter dem Motto „Das gibt‘s doch gar nicht“ feiert, dann gehe das auf die Helmsche Verschwörungstheorie zurück.

Feindbild muss da sein

Eigentlich, sagt Thomas Grüter (Münster), sei es ja gar keine Verschwörungstheorie, sondern nur eine gut ausgedachte Karikatur davon. Aber dass solche Geschichten über dunkle Machenschaften von noch dunkleren Mächte „uralt“ sind, das sei mal sicher.

Grüter ist Mediziner von Hause aus und ein Experte in Sachen Verschwörungstheorien. Die Nähe von Menschen zu diesen dubiosen Erzählungen sei weniger eine Frage der persönlichen Beschaffenheit als eine der jeweiligen Umstände, sagt er: „In der passenden Situation sind die meisten für Verschwörungstheorien anfällig“, gerade auch in unsicheren Zeiten. Und Bildung falle auch nicht ins Gewicht.

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Die Theorien würden mit wachsendem Wissen allenfalls immer komplexer, Erfinder von Verschwörungstheorien seien oft hochgebildete Leute.

Zu einer Verschwörungstheorie gehöre immer ein vorgeprägtes Feindbild, sagt Grüter, eine Macht, eine dunkle zumal, und die werde je nach Feindbild variiert. Das sei mal die CIA oder die „jüdische Weltverschwörung“, mal seien es die Banken oder, wie für Ultrarechte in den USA, die Uno, die die Weltregierung anstrebe. Der Antisemitismus der Nazis jedenfalls habe sich auch auf vorhandene Strukturen stützen können. Und das Internet mache die Theorien nur sichtbarer, der Stammtisch habe sich ins weltweite Netz verlagert. Die Deutschen aber seien nicht weniger anfällig für Verschwörungstheorien als andere Völker, so Grüter. Und, ebenfalls beruhigend, über die psychische Gesundheit sage die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien ebenfalls nichts aus.

Peter Intelmann

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