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Thalia-Theater

„Eine Familie“ – Premiere am Thalia-Theater

„Ein wunderbarer Tag für die Wahrheit“: Karin Neuhäuser (vorne) als Violet Weston.

„Ein wunderbarer Tag für die Wahrheit“: Karin Neuhäuser (vorne) als Violet Weston.

Hamburg.Seit Leo Tolstois Roman „Anna Karenina“ gilt in der Literatur der Grundsatz: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Das heißt für Autoren: Kaputte Sippschaften sind die interessanteren Untersuchungsgegenstände. Vor allem das bürgerliche Drama lebt von Tolstois These. Ibsen zeigt das an seinen Heldinnen Nora und Hedda Gabler, später die amerikanischen Stückeschreiber Eugene O’Neill, Tennessee Williams und Edward Albee, noch später Tracy Letts.

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Pulitzer-Preis und Tony Award

Weitere Vorstellungen: Sa., 9. März, 19.30 Uhr; So., 10. März, 19.30 Uhr. Kartentelefon: 040 / 328 14-444

Der Schauspieler und Dramatiker Tracy Letts hat für sein Stück „Eine Familie“ (im Original: „August: Osage Country“, 2007) den Pulitzer-Preis für Dramatik und den Theaterpreis Tony Award bekommen. 2013 verfilmte John Wells das Stück. Die Schauspielerinnen Meryl Streep und Julia Roberts wurden für ihre Rollen der Violet und der Tochter Barbara für den Oscar nominiert.

Ein Drama dieses Letts’, geboren 1965 in Tulsa (Oklahoma), hat das Hamburger Thalia-Theater jetzt wieder auf die Bühne gehoben: „Eine Familie“ ist der deutsche Titel, als „Im August in Osage County“ war es vor fünf Jahren ein Hollywood-Erfolg mit Meryl Streep, Julia Roberts und Sam Shepard. Thalia-Hausregisseur Antú Romero Nunes hat sich bei seiner Inszenierung nicht um den Film gekümmert, er hat seine eigene Vorstellung vom literarischen Familienunglück.

Ins Zentrum stellt er als tablettensüchtige, krebskranke und hasserfüllte Patriarchin Violet die Schauspielerin Karin Neuhäuser. Das sei vorweggenommen: Sie ist diejenige Darstellerin in den langen dreieinhalb Stunden Nahkampf auf dem heimischen Schlachtfeld, die keine Minute Langeweile aufkommen lässt. Der Gatte dieser Violet, ein mäßig erfolgreicher Dichter, aber „erstklassiger Alkoholiker“, ist verschwunden, hat sich im See ertränkt. Violet hat ihre Schwester, ihre drei erwachsenen Töchter und deren Familien um sich geschart, sie sollen ihr in schweren Stunden beistehen.

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In Wirklichkeit aber terrorisiert Violet die Angehörigen, und diese drangsalieren sich gegenseitig. Alle sind ständig im Angriffs- oder Verteidigungsmodus. Das wird in Nunes’ Inszenierung mal tragisch, meist aber slapstickhaft aufgeführt im Stile einer Screwball-Komödie. Man kann sich darüber amüsieren, wie Violets Schwester (Gabriele Maria Schmeide) ihren Bastard Little Charles, einen linkischen Unglücksknödel (Björn Meyer), mobbt; wie der schmierige Bräutigam einer der Töchter (Rafael Stachowiak) eine Vierzehnjährige unter Drogen setzt und ihr dann an die Wäsche geht; oder wie die älteste Tochter Barbara (Cathérine Seifert) ihren Mann an eine Jüngere verliert. Und so weiter. Karin Neuhäuser aber, die Violet, überstrahlt in ihrem Elend alle, wenn sie in schadhaften Strumpfhosen zu Janis Joplins Brachialsong „Cry Baby“ ordinär grölt und anzüglich tanzt. Beim Leichenschmaus versucht sie sich in mondäner Pose und verkündet, dies sei ein „wunderbarer Tag für die Wahrheit“ und entfacht ein Feuerwerk an Schmähungen, bis es zu einfacher körperlicher Gewalt unter den Versammelten kommt.

Selbstmitleid mit Trump-Kappe

Am Schluss ist Violet von allen guten Geistern und Familienmitgliedern verlassen, mit roter Trump-Baseballkappe sitzt sie strotzend vor Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid in ihrer Wohnküche – nur die anfänglich am taffsten erscheinende Tochter Barbara bleibt am verwüsteten Kriegsschauplatz zurück, die beiden Frauen nähern sich im Grad ihrer Verwahrlosung an.

Und nun? Man hat ein Stück von 2007 gesehen, dessen Ende vorhersehbar war – wegen der so zahlreichen wie betagten Vorbilder aus den US-amerikanischen Dramatikerwerkstätten. Offenbar ist doch nicht jede unglückliche Familie so einzigartig wie von Tolstoi behauptet. Die von Tracy Letts erfundene taugt jedenfalls bestens für eine RTL-Soap. Immerhin aber hat man gut aufgelegte Schauspielerinnen und Schauspieler erleben dürfen, die der Geschichte dann doch eine nicht unerhebliche Fallhöhe verleihen.

Tracy Letts übrigens bekennt sich zu den Vorbildern O’Neill, Williams und Albee. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er: „Diese Autoren haben mich bestimmt beeinflusst, sie sind wahre Meister, und ich kann ihnen nicht das Wasser reichen.“ Stimmt.

Michael Berger

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