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Debatte um den „Freischütz“

„Es ist ein ständiger Kampf“

Der kommissarische Generalmusikdirektor Andreas Wolf, der Leitende Musikdramaturg Carsten Jenß und Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein (v. r.) stellten sich der Debatte im Großen Haus.

Der kommissarische Generalmusikdirektor Andreas Wolf, der Leitende Musikdramaturg Carsten Jenß und Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein (v. r.) stellten sich der Debatte im Großen Haus.

Lübeck. Von "Klamauk" bis "alles richtig gemacht" – der "Freischütz" im Theater Lübeck hat teils heftige Reaktionen erfahren – auch unter LN-Lesern, die zahlreiche Briefe an die Redaktion geschrieben haben.

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Am Sonnabend gab es daher im Anschluss an die zweite Aufführung eine Diskussion mit den Zuschauern. Man habe das ohnehin vorgehabt, sagte die Lübecker Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein, jetzt sei das Gespräch vorgezogen worden.

Die Meinungen unter den einigen Dutzend Teilnehmern, die nach dem Fall des Vorhangs um 22.30 Uhr noch geblieben oder eigens gekommen waren, gingen dabei sehr auseinander. Zuvor jedoch hatte es in dem gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Großen Haus Beifall für Jochen Biganzolis strittige Inszenierung von Carl Maria von Webers romantischer Oper gegeben, minutenlang.

Das Theater Lübeckhat eine neue Reihe gestartet. „Donnerstags im Dülfer“ heißt sie und bietet einmal im Monat Gelegenheit, nach der Vorstellung im Theaterrestaurant Dülfer mit Schauspielern, Regisseuren oder Dramaturgen über das Stück zu sprechen. Die Anregung dazu kam aus dem Schauspielensemble, sagt dessen Sprecherin Sophie Pfenningstorf. Einen ersten Termin mit etwa 20 Zuschauern habe es schon im September nach der „Rückkehr nach Reims“ gegeben: „Ein sehr gutes Gespräch, extrem produktiv.“ Der zweite folgt am Donnerstag, 25. Oktober, im Anschluss an „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut’ Nacht)“, dem Soloabend von Rachel Behringer (siehe unten). Am 15. November, bei der dritten Auflage nach „Das Licht im Kasten“, wird auch die Regisseurin Marie Bues anwesend sein. In dieser Formhabe es das am Theater Lübeck noch nicht gegeben, sagt Sophie Pfennigstorf. Man sei aber überall auf offene Ohren gestoßen. Das Format solle Raum für Denkanstöße bieten und dafür, miteinander ins Gespräch zu kommen. Jeder solle seine Meinung sagen können.

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„Eine interessante, aufrührende Arbeit“, sagte ein Zuschauer. „Gut durchdacht. Eine großartige Aufführung.“ Auch ihre Töchter, 16 und 19 Jahre alt, seien „begeistert“ gewesen, sagte eine Frau. Ein Mann mit Bezügen zu Bremen und Berlin wünschte sich, dass Biganzolis Freischütz“ auch dort gezeigt werde: „Es hat mir ganz toll gefallen.“

Aber es gab auch Kritik, nicht zuletzt an der Angst, die der Regisseur mit seinem Blick auf die Oper in den Vordergrund rückt. Das wirke „übertrieben“ hieß es. Der eingespielte Herzschlag sei „ein Ruhepuls“, sagte eine Frau. „Ich bin völlig verzweifelt, warum das Angst sein soll.“ Sie sei „enttäuscht“ und habe es „nicht überzeugend“ gefunden.

Von Lob und Verwirrung

Ein Zuschauer hatte das Gefühl, „zwei Stücke“ gesehen zu haben: im ersten Teil eine moderne Oper, im zweiten eine „sehr, sehr starke Entfernung vom Original“ mit vielen „Brüchen“, die er als „aufgesetzt“ empfand. Eine Zuschauerin bemängelte, die Inszenierung sei „nicht ganz durchgängig schlüssig“ gewesen, ansonsten habe sie sich „blendend unterhalten“ gefühlt.

Ein Diskutant fand die Inszenierung überhaupt nicht gelungen und hatte zwischendurch überlegt, die Augen zu schließen und nur der Musik zu vertrauen. „Ich empfinde diese Elemente der Verfremdung als Bevormundung“, kritisierte eine Frau. „Ich brauche das nicht.“ Und bei der so zentralen Wolfsschluchtszene habe sie das grelle Neonlicht gestört: „Da kann nur Musik sein!“

Operndirektorin Kost-Tolmein verteidigte die Fokussierung auf die Angst, die der Regisseur im zweiten Teil „ins Universale geweitet“ habe. Man führe Webers Oper aus dem Jahr 1821 jetzt auf, „im Jahr 2018 und mit Menschen von heute“.

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Angst bedient einen Urtrieb des Menschen

Es gehe darum, „einen neuen Blick darauf zu werfen“, sagte auch der kommissarische Generalmusikdirektor Andreas Wolf, der Biganzoli als „klugen und sehr tief schürfenden Regisseur“ schätzt. Er könne verstehen, dass Regietheater als Bevormundung empfunden werde. Aber eine alle zufriedenstellende Inszenierung könne es nicht geben.

„Es ist ein ständiger Kampf, dem wir uns stellen.“ Das sei auch ihr Auftrag und das, „was Theater ausmacht“. Angst sei im Übrigen „ein Urtrieb des Menschen“ und nicht nur negativ: „Alle haben Angst.“ Deshalb sei es gut und wichtig, sie eingehend zu beleuchten.

Carsten, Jenß seit Beginn der Spielzeit Leitender Dramaturg für Musiktheater und Konzert, sah es ähnlich. Die Angst sei im „Freischütz“ als Grundierung angelegt. Die Showelemente und die „clowneske Ballermann-Spaßgesellschaft“ seien der Versuch, die Angst zu brechen. „Und diese Brechung hat natürlich eine Tradition.“ Er verteidigte „die Plakativität der Bilder“ und das Collagenhafte der Inszenierung. Auch Musik sei nicht zeitlos, sondern „immer etwas Rekonstruiertes. Man kann sich eines Originalbegriffes nicht gewiss sein, aber zu dieser Form der Zeitgenossenschaft muss man sich bekennen. Nichts versteht sich einfach so im Theater.“

Von daher: „Lassen Sie uns im Gespräch bleiben“, sagte Katharina Kost-Tolmein.

Peter Intelmann

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