Interview

Mein Vater Willy Brandt

Aus dem Politikersohn Matthias Brandt wurde ein brillanter Schauspieler. Tragisch für Krimifans: Brandt steigt 2018 aus dem „Polizeiruf 110“ aus.

Aus dem Politikersohn Matthias Brandt wurde ein brillanter Schauspieler. Tragisch für Krimifans: Brandt steigt 2018 aus dem „Polizeiruf 110“ aus.

Lübeck. Als Geburtstagsgeschenk zum zehnjährigen Bestehen des Willy-Brandt-Hauses in Lübeck kommt der Schauspieler Matthias Brandt am Dienstag nach Lübeck. Der Sohn des Altbundeskanzlers Willy Brandt liest aus seinen Kindheitserinnerungen „Raumpatrouille“. Im Interview lässt er offen, was real und was Fiktion in den Geschichten ist.

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Willy Brandt wäre am 18. Dezember 104 Jahre alt geworden. Er ist in Lübeck geboren und aufgewachsen. Hat er über diese Zeit erzählt?

Verlosung

Am Dienstag, 21. November, liest Matthias Brandt um 18 Uhr im Europäischen Hansemuseum aus seinem Buch „Raumpatrouille“ vor geladenen Gästen.

Sie können auch dabei sein. Wir verlosen drei mal zwei Karten für die Lesung. Schreiben Sie eine E-Mail an haus-luebeck@willy-brandt.de. Telefonnummer nicht vergessen! Die Gewinner werden am Montag informiert.

Ja, Lübeck war präsent in seinen Erzählungen, es waren prägende Jahre für ihn. Und die Großeltern lebten ja noch in Lübeck.

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Ihr Vater ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, rückblickend hat er seine Jugend als „unbehaust“ und seine Familienverhältnisse als „chaotisch“ bezeichnet.

Das ist natürlich eine Verknappung. Es hat sicherlich damit zu tun, dass er unter schwierigen ökonomischen Verhältnissen aufgewachsen ist. Seine Empfindungen in Bezug auf seine Familie sind sicherlich vielschichtiger.

Was verbinden Sie persönlich mit Lübeck?

Als Kleinstkind war ich öfter bei den Großeltern, daran habe ich aber kaum Erinnerungen. Sie sind gestorben, als ich noch klein war. Später war ich ab und zu ohne private Bindungen in Lübeck. Wenn ich da war, dann immer gerne.

Sie lesen am Dienstag aus Ihren Kindheitserinnerungen „Raumpatrouille“. Es sind fiktionale, literarische Geschichten, wie Sie betonen. Warum haben Sie sich mit ihrer Kindheit beschäftigt?

Das hatte nichts mit der Position meines Vaters zu tun. Für jeden Erzähler ist das ein interessantes Terrain, für mich war es immer eine extrem ergiebige erzählerische Quelle. So lag es nahe, beim Schreiben damit anzufangen.

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Waren Sie ein glückliches Kind?

Ja, ich erinnere mich mit einem guten Gefühl an die Kindheit. Es ist natürlich vielschichtiger, weil die emotionalen Pegelausschläge sehr groß sind beim Kind. Zumindest in meiner Erinnerung. Die Grundempfindung aber ist eine fröhliche, glückliche.

Sie beschreiben oft Szenen mit realen Menschen, mit dem früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke etwa, mit dem Sie Kakao getrunken haben, oder mit Herbert Wehner. Man fragt sich natürlich: Was ist denn nun wahr? Warum lassen Sie uns im Unklaren?

Ich glaube nicht so sehr an objektive Erinnerung , das will ich damit zum Ausdruck bringen. Mir war an seinem sehr subjektiven Blick auf mich und auf die Menschen, mit denen ich in dieser Zeit verbunden war, gelegen. Ich wollte mich nicht als Chronist betätigen. Außerdem sind Wahrheit und Fiktion in der Erinnerung auch schwer zu unterscheiden, das kennt jeder, der sich damit beschäftigt.

Was ist Erinnerung, was ist überlagert?

Ein Kind trennt das im Übrigen viel weniger als ein Erwachsener. Da ist alles, was empfunden wird, auch real. Der von mir außerordentlich geschätzte Kollege Joachim Meyerhoff, der sich ja auf seine Weise literarisch mit seinem Leben beschäftigt, hat in einem seiner Bücher den Satz geschrieben: „Erfinden heißt erinnern.“ Das trifft am ehesten das, was ich mit dem Buch wollte. Es ist eine kleine Reise in die eigene Seele.

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Warum haben Sie den Titel „Raumpatrouille“ gewählt?

Das Wort war auf einmal da. Es gefiel mir in seiner Mehrdeutigkeit. Es geht in meinem Buch um Räume und die Erkundung von Räumen, inneren und äußeren. Die Weltraum-Assoziation war mir gar nicht so wichtig, obwohl es ja immer wieder diese Astronauten-Sehnsucht gibt, sondern dieses Ausmessen und das Verschieben von Grenzen. Und dann gab es noch einen lustigen Bezug: Der verstorbene Regisseur Oliver Storz, der für mich prägend war und mit dem ich mehrere Filme gemacht habe, war auch der Erfinder der „Raumpatrouille Orion“. Der Titel ist also auch eine kleine Hommage an ihn.

Wenn es um Freiräume geht, das Austesten von Grenzen – konnten Sie das trotz der Sicherheitsvorschriften?

Ja, das ging. Es gab Phasen am Tag, wo ich einfach weg war. Das hatte für mich eine große Bedeutung. In den allermeisten Fällen habe ich gar nichts besonderes gemacht, sondern war einfach für mich. Da gab es eben keinen, der mich auf dem Handy orten konnte. Früher gab es noch mehr dieser Freiräume, und ich glaube, die sind für einen Menschen wichtig.

In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr schön das 70er-Jahre-Feeling mit der TV-Serie „Percy Stuart“, mit James-Last-Kassetten und Bonanza-Rad. Wer in Ihrem Alter ist, fühlt sich darin gleich sehr zu Hause. Hat das was mit Nostalgie zu tun?

Nein, ich wollte kein 70er-Jahre-Museum aufmachen. Aber ich musste mich erzählenderweise in die Geschichten arbeiten, so, wie ich mich als Schauspieler in die Rollen hineinarbeite. Und da wurde mir klar, dass kindliche Wahrnehmung ganz stark über Details funktioniert. Kinder haben ja kein Weltbild, die nehmen die Dinge nacheinander wahr, und aus diesen Einzelteilen setzt sich ihre Welt zusammen. Diese Einzelheiten sind also sehr wichtig, um die Zeit und die Atmosphäre präzise zu schildern.

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Noch mal zu Ihrem Vater. Es gibt das öffentliches Bild, das Ihnen auch im Brandt-Haus in Lübeck begegnet, und Ihr privates Bild. Unterscheiden die sich sehr?

Ja, es wäre komisch, wenn die sich nicht unterscheiden würden, dann wäre Anlass zur Sorge. Meine Erinnerung ist eine persönliche. Bei einem so charismatischen Menschen wie meinem Vater ist das öffentliche Bild eines, das sehr stark auf Projektion beruht. Damit habe ich natürlich gar nicht viel zu tun. Für mich ist das getrennt. Natürlich habe ich sehr schnell registriert, dass es dieses öffentliche Bild gibt. Aber das war für mich auch schon als Kind nicht deckungsgleich mit der privaten Person, meinem Vater eben.

Ich muss nun doch noch mal nachhaken: In der letzten Geschichte im Buch beschreiben Sie, wie der häufig abwesende Vater sich an Ihr Bett setzt und Ihnen aus „Karlsson“ vorliest und mit Ihnen erzählt. Wahr oder erfunden?

(Er zögert). Ich glaube, ich möchte die Frage nicht beantworten. Weil ich sie nicht wichtig finde. Sagen wir einfach mal so: Die Geschichte ist wahr.

Interview: Petra Haase

Spezialist für gebrochene Charaktere

Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin, ist der jüngste Sohn von Rut und Willy Brandt, der damals Regierender Bürgermeister von Berlin war. Nach dem Abitur besuchte Matthias Brandt die Hochschule für Musik und Theater in Hannover, er spielte an Bühnen in Deutschland und der Schweiz.

Öffentlich bekannt wurde Matthias Brandt 2003 durch den TV-Film „Im Schatten der Macht“ um die letzten Tage seines Vaters. Er spielte dort den Ost-Spion Günter Guillaume, der seinen Vater damals zu Fall brachte. Seitdem stellte er in zahlreichen Fernseh-Filmen zumeist gebrochene Charaktere dar.

Als Münchner „Polizeiruf 110“-Kommissar gab Brandt 2011 seinen Einstand. Im Frühjahr 2018 dreht er seinen letzten „Polizeiruf 110“.

Im Sommer 2018 kommt Matthias Brandt erneut nach Lübeck. Dann wird er im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals lesen.

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