60. Nordische Filmtage: Interview

„Rohwedder wollte Gutes“

Der aus Lübeck stammende Regisseur Miguel Alexandre hat einen neuen Film gedreht.

Der aus Lübeck stammende Regisseur Miguel Alexandre hat einen neuen Film gedreht.

Lübeck. Der aus Lübeck stammende Regisseur Miguel Alexandre hat einen neuen Film gedreht. "Der Mordanschlag" wird auf den Nordischen Filmtagen am Freitag, 2. November um 19 Uhr im Cinestar 7 gezeigt.

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Wir haben vorweg mit dem Regisseur gesprochen:

Warum ein RAF-Film? Oder ist es überhaupt ein RAF-Film?

Ich glaube, das wäre verkürzt. Der Kern unseres Films geht weit darüber hinaus. Er erzählt letztlich eine allgemeingültige und zeitlose Geschichte darüber, was es bedeutet, sich einer radikalen Ideologie anzuschließen und Terrorist zu werden. Es ist die Geschichte von Sandra Wellmann, und wir sehen ihr dabei zu, wie sie von innen als Mensch ausgehöhlt wird, ihre Empathiefähigkeit verliert, sich von ihrem Kind lossagt und letztlich in den Abgrund geht. Das erzählen wir, aber aufbauend auf den historischen Ereignissen.

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Wie haben Sie die RAF seinerzeit erlebt?

Ich bin 1968 geboren und kann mich noch an die Angst meiner Eltern Mitte der Siebzigerjahre erinnern. Es gab Kontrollen, man wurde mit dem Auto angehalten, und plötzlich merkte man, dass das Gefühl der allgemeinen Sicherheit aufgehoben war.

Haben Sie konkrete Erinnerungen an den Rohwedder-Mord?

Ich war damals gerade mit der Schule fertig, hatte angefangen an der Filmhochschule zu studieren und weiß noch, dass das Attentat wie in einem Nebel lag. Es gab ein großes Geheimnis darum und ist auch schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden. Es blieb etwas, über das man nicht geredet hat. Umso wichtiger ist es jetzt, die Geschichte gerade auch für eine jüngere Generation zu erzählen, weil man mit der Treuhand, der Ost-West-Spaltung, den zerstörten Biografien auch etwas über die DNA des eigenen Landes erfährt.

Aber Sie lassen die Frage nach dem Täter offen.

Der Mord ist ja bis heute nicht aufgeklärt, wie alle neun Morde der dritten RAF-Generation. Es gibt verschiedene Theorien – von der RAF über die Stasi bis zu Leuten aus der Wirtschaft, die stehen einfach im Raum. Und solange nichts aufgeklärt ist, ist es unsere Aufgabe, den Zuschauer sein eigenes Urteil bilden zu lassen.

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Sie sprechen von der „poetischen Wahrheit“. Was ist das?

Das ist die künstlerische Bearbeitung von Wirklichkeit. Man muss manchmal eine Lüge erzählen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Bei uns heißt das im konkreten Fall: Wir haben Sandra Wellmann mit den RAF-Biografien von Ulrike Meinhof und Susanne Albrecht zu einer neuen Figur zusammengebaut. Man erfährt dadurch etwas über die innere Wirkungsweise der RAF, auch wenn die Fakten nicht stimmen. Aber sie stimmen im übertragenen Sinne. Das ist das Entscheidende.

Laufen Sie so nicht Gefahr, Verschwörungstheorien zu befördern?

Ich hoffe nicht. Wir haben uns schon sehr viel Mühe gegeben, diese Theorien in den Raum zu stellen, die wir ja nicht erfunden haben. Aber wir haben uns für keine von ihnen entschieden.

Wichtig ist Ihnen offenbar auch zu zeigen, dass nicht alles nur schwarz oder weiß ist. Treuhandchef Dahlmann ist ja genauso eine ambivalente Figur wie die Terroristin.

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Unbedingt. Ich wollte die Figuren ohne Interpretation und Wertung meinerseits hinstellen, sie in ihren ganzen Widersprüchen erzählen, was ja die Natur des Menschen ausmacht. Ich glaube, dass Rohwedder Gutes wollte. Davon bin ich fest überzeugt. Aber er ist bei der Treuhand in die Mühlen der Macht geraten. Es ging um Milliarden und Abermilliarden, es wurde von allen Seiten an ihm gezerrt.

Sie haben auch die Familie Rohwedder an dem Film beteiligt. In welcher Form?

Unsere Produzentin hat der Witwe das Drehbuch zu lesen gegeben. Uns lag sehr viel daran, dass wir im Einklang mit ihr sind. Es ging nicht um Zensur, aber wir wollten ihr die Chance geben, etwas dazu zu sagen. Wenn man eine wahre Begebenheit verfilmt, hat man eine besondere Verantwortung. Man muss anständig bleiben.

Haben Sie auch den Kontakt zu Birgit Hogefeld gesucht?

Zu Birgit Hogefeld gab es keine Verbindung. Jedoch gab es seitens unserer Produzentin Jutta Lieck-Klenke Kontakt zum Anwalt von Susanne Albrecht. Aber weiter ging es nicht, Susanne Albrecht schottet sich völlig ab. Das muss man respektieren.

Obwohl sie vermutlich die Einzige ist, die Licht ins Dunkel bringen könnte.

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Davon bin ich überzeugt. Und ich habe auch die leise Hoffnung, dass der Film bei dem ein oder anderen, der mehr weiß, etwas auslösen kann. Auch wenn das vielleicht naiv ist.

Zumal das Leben von den Gesuchten Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Staub ja auch bizarr ist: Ex-Terroristen auf der Flucht, die alt geworden sind und sich mit Überfällen über Wasser halten müssen.

Eigentlich ein superspannendes Filmthema. Was ist das für ein Leben, seit Jahrzehnten auf der Flucht? Ich stelle es mir sehr, sehr einsam und traurig vor.

Ihnen liegt die aktuelle Relevanz am Herzen, sagen Sie. Also der Weg in den Terrorismus auch heute. Aber lässt sich die RAF mit dem IS vergleichen?

In beiden Fällen koppeln sich Menschen so von der Wirklichkeit ab und folgen radikal einem solch engen Weltbild, dass sie normale menschliche Gefühle abspalten und in der Lage sind, Unschuldige zu töten. Man bekommt in dem Film also schon eine Ahnung davon, dass, wer diesen Weg wählt, sich lossagt von seiner Menschlichkeit. Man hätte aus dem Film auch leicht so etwas wie eine Cowboy-Geschichte machen können, mit Waffen, Polizei und über Dächer springen, aber ich habe mich sehr davor gehütet. Terrorismus ist nicht cool, sondern es ist einfach nur grauenhaft, in einer Situation zu sein, den Abzug drücken zu müssen und jemanden umzubringen.

Sie haben wieder Regie geführt und auch die Kamera bedient. Eine gute Paarung?

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Für mich auf jeden Fall. Ich mache das seit einigen Jahren, und es ist für mich die perfekte Form der Arbeit. Regie und Kamera sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich hatte schon immer eine starke Affinität zur Kamera, schon als Kind im Amateurfilmclub, den es immer noch gibt. Später in der professionellen Laufbahn habe ich die Kamera abgegeben, aber trotzdem meine Arbeitsweise seit frühester Kindheit nie geändert. Die Aufteilung der Szenen in Kameraeinstellungen habe ich immer alleine gemacht und am Set immer die Kamera selbst aufgestellt, das Objektiv ausgesucht, die Kamerafahrten festgelegt. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass es der logische Schritt wäre, es komplett zu übernehmen. Das ist ein sehr organisches, sehr intuitives Arbeit, es macht mir sehr viel Spaß. Und ich habe eine noch größere Nähe zu den Schauspielern, was die sehr mögen.

Zur Person:

Miguel Alexandre (50) ist in Lübeck aufgewachsen, hat auf dem Katharineum Abitur gemacht und war schon als Schüler im hiesigen Amateurfilmklub aktiv. Heute lebt er bei Buxtehude auf dem Land, hat aber immer noch Kontakte nach Lübeck. Er hat in München studiert und seither zahlreiche Filme gedreht – vom "Tatort" bis "Die Frau vom Checkpoint Charlie". "About War" (1992) war für einen Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Studentenfilm nominiert.

Zum Film:

Am 1. April 1991 wurde der Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder in seinem Haus erschossen. Bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt. Zu den Verdächtigten zählte Wolfgang Grams von der 3. RAF-Generation. Der ZDF-Zweiteiler, in dem Rohwedder Hans-Georg Dahlmann heißt, lässt die Frage nach den Tätern offen. Dahlmann wird von Ulrich Tukur gespielt, an dessen Seite die RAF eine Terroristin (Petra Schmidt-Schaller) schleust. Das ZDF zeigt die beiden Teile am 5. und 7. November jeweils um 20.15 Uhr. In weiteren Rollen: Maximilian Brückner, Jenny Schily, Susanne von Borsody.

Peter Intelmann

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