Tadel und Lob fürs Theater

„Schlimmer als Klamauk“

„Meinen die Regisseure, man versteht die Oper im alten Stil nicht mehr?“: Carl Maria von Webers „Freischütz“ am Theater Lübeck.

„Meinen die Regisseure, man versteht die Oper im alten Stil nicht mehr?“: Carl Maria von Webers „Freischütz“ am Theater Lübeck.

Lübeck. Die "Freischütz"-Premiere am Theater Lübeck erntete heftige Kritik. Sowohl bei der Premiere als auch in der Diskussion danach. Jochen Biganzolis Inszenierung, in der er die deutsche Nationaloper in eine Revue über die Ängste der Deutschen verwandelte, fiel bei einem Großteil des Publikums durch.

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Was LN-Leser von der Inszenierung halten, haben Sie uns geschrieben. Wir veröffentlichen an dieser Stelle eine Auswahl der zahlreichen Zusendungen und bitten um Verständnis, dass wir Leserbriefe mit persönlichen Beschimpfungen nicht berücksichtigen, da wir uns eine kontroverse aber sachliche Diskussion wünschen.

„Für wen inszenieren die Regisseure eigentlich?“

Regisseur Jochen Biganzoli kann von Glück sagen, dass der Autor und der Komponist des "Freischütz" nicht mehr leben und ihre Urheberrechte an ihren Werken geltend machen.

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Mir stellt sich bei einer solchen Verunstaltung immer die Frage: Ist das Werk (in diesem Falle der „Freischütz“) nicht gut genug, um so aufgeführt zu werden, wie es seine Schöpfer der Nachwelt hinterlassen haben? Und für wen inszenieren die Regisseure eigentlich? Vermutlich für eine Handvoll Spinner, die alles nur zerstören wollen, für die überwiegend große Anzahl der Opernbesucher nicht, aber die finanzieren mit ihren Steuern den Dreck, der da geboten wird.

Handlung und Bühnenbild passen nicht mehr zum Text und zur Musik. Mesut Özil und Frau Merkel, Herzschlag-Töne und Videos, Papst Benedikt und das Grundgesetz sowie Mercedes und eine Fastnachts-Truppe haben im „Freischütz“ nichts verloren. Auf dem Programmzettel der Oper ist die romantische Oper „Freischütz“ angekündigt, und die wollen die Zuschauer sehen. Es gibt durchaus Regisseure, die es verstehen, eine stilisierte, eine zeitgemäße Fassung auf die Bühne zu stellen. Eine Inszenierung, die in jedem Moment den Inhalt des „Freischütz“ würde erkennen lassen. Solche Inszenierungen finden dann auch die Zustimmung des Publikums.

von Heribert A. Bludau, Malente

„Das Ganze verkam zu einer Klamotte“

Es ist völlig unverständlich und dem Steuerzahler unzumutbar, dass die Operndirektorin des steuerfinanzierten Stadttheaters einem Regisseur gestattet, diese romantische Oper derart zu verhunzen und zu entstellen, wie es jetzt zu erleben war. Die guten Leistungen der Sänger und Musiker will ich nicht schmälern, doch der romantische Mythos des Werkes wurde völlig zerstört. Das Ganze verkam zu einer Klamotte. Mit derartigen Inszenierungen schadet sich das Theater selbst, treibt das Publikum aus dem Haus und bringt die Abonnenten wegen des fehlenden Wiedererkennungswertes zur Kündigung.

von Walter Runge, Hamburg

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„Chapeau und tiefe Verbeugung“

Wir haben die Operin Ihrer jetzigen großartigen Interpretation zutiefst genossen und gleichzeitig genügend Gesprächsstoff für viele Wochen in unseren Freundeskreis mitgenommen. Dafür sind wir mehr als dankbar. Wir glauben an eine Welt der Gegensätze und gehen genau deswegen ins Theater, Menschen mit starren und unflexiblen Persönlichkeiten werden diese Inszenierung nicht verstehen. „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ (Hermann Hesse). Chapeau und tiefe Verbeugung vor Jochen Biganzoli und seinem gesamten Team. Alles richtig gemacht!!!!!!! Danke. In tiefer Verbundenheit zum Lübecker Theater:

von Katrin Neemann und Jörg Petersen

Aufgrund der heftigen Reaktionen wurde jetzt eine Diskussion zwischen Operndirektion und den Zuschauern nach der zweiten Aufführung vorgezogen.

„Völlig abgedrehte Aufführungen“

Jahrelang habe ich darauf gewartet, dass der "Freischütz" mal wieder am Lübecker Theater aufgeführt wird. In erster Linie auch wegen der bekannten und schönen Musik. Ich selbst habe die Premiere nicht gesehen, daher habe ich mit großer Spannung auf die Kritik von Herrn Feldhoff gewartet. Diese deckt sich meist mit meiner persönlichen Auffassung, die eher noch wesentlich kritischer wäre. Dies sei nicht nur auf den "Freischütz" bezogen, sondern leider auch auf viele andere Opern die in Lübeck aufgeführt wurden/werden. Der guten Ordnung halber habe ich mir den "Freischütz" noch einmal im Opernführer durchgelesen. Die in der LN veröffentlichten Fotos (leider nur zwei) sowie die Beschreibungen von Herrn Feldhoff haben so gut wie nichts mit dem zu tun, was im Opernführer steht.

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Aber das Lübecker Theater glänzt ja immer mehr mit völlig abgedrehten Aufführungen, die von sog. hervorragenden Regisseuren inszeniert werden, die es meisterhaft verstehen, eine klassische Oper in die heutige Zeit zu übertragen. Das kann man natürlich mit jedem Stoff machen. Auch „Hänsel und Gretel“ (eine wirklich sehr schön inszenierte Aufführung in Lübeck) oder die „Zauberflöte“ lassen sich in den heutigen Alltag „katapultieren“, aber warum und wozu? Meinen die Regisseure, man versteht die Oper im alten Stil nicht mehr? Offensichtlich eine Entwicklung, die von der musikalischen Leitung des Theater gefördert wird, wenn man schon im Spielzeitheft 2018/2019 unter dem Freischütz lesen kann: „verspricht die Frage nach dem Deutschen im ,Freischütz’ jedenfalls unter größtmöglicher Beteiligung des Lübecker Publikums zur Diskussion zu stellen – mögliche Erregung eingeschlossen“. Die letzten drei Worte sagen alles. Wenn das Theater Lübeck mit solchen Aufführungen das Haus voll bekommt – „herzlichen Glückwunsch“.

Das Theater Hannover musste vor einigen Jahren den „Freischütz“ vorzeitig absetzen, da das sexistische und die Fäkaliensprache nur im Vordergrund standen. Ich werde diesen „Freischütz“ im Lübecker Theater nicht besuchen, da ich mich bereits im Voraus beim Lesen der Kritik sehr geärgert habe.

von Hans-Martin Sturz, Reinbek

„Von uns keine Einnahmen mehr“

Mein Mann und ich(60 J.) haben zwar nicht den „Freischütz“ gesehen, waren aber vor ca. 4 Wochen in der Aufführung der „Zauberflöte“, hatten uns schöne Karten geleistet, und sind nach dem 1. Akt gegangen. Mit einer Königin der Nacht mit E-Zigarette und Sonnenbrille, Papageno in rosa Rüschenhemd und dazu „Atemlos“ können wir nichts anfangen. Uns taten die Sänger leid, wie diese sich „zum Affen“ machen mussten.

Jetzt dazu die Kritik über den „Freischütz“. Fazit: Mag sein, dass wir den Hintergrund dieser modernen Inszenierungen nicht verstehen, aber wenn wir dann lesen, das Theater braucht Geld – von uns wird es keine Einnahmen mehr erwarten können, das hat für Jahre gereicht, um uns das Lübecker Theater abspenstig zu machen.

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von A. Mallwitz

„Schlimmer als eine Groteske“

Zu Ihren Fragen: Wie fanden Sie die Aufführung? Katastrophal! Stehen einem Stadttheater solch unkonventionellen Inszenierungen gut zu Gesicht? Nein!

Wir, eine gute Bekannte, die extra aus Eckernförde kam, und ich freuten uns sehr auf den Opernabend, noch dazu eine Premiere! Das, was uns geboten wurde, war schlimmer als eine Groteske, war schlimmer als Klamauk! Das war nicht „Der Freischütz“! Der Komponist und Librettist hätten sich im Grabe umgedreht. Schlimmer geht es wirklich nicht mehr!

Was ich noch schlimmer finde ist, dass so eine Produktion auch noch von der Gesellschaft der Theaterfreunde (GTL) unterstützt wird. Die Gesellschaft hat mein Mann vor Jahrzehnten mit gegründet, daher weiß ich, dass die GTL das Theater immer mit vielen gelungenen Aktionen unterstützt hat, damit es erhalten bleibt, damit viele Opernfreunde unser schönes Theater besuchen. Ich gehe mal davon aus, dass die GTL nicht wusste, was sie da für eine Produktion fördert.

Mit weiteren solchen Inszenierungen wird es sicher nicht gelingen, das Haus zu füllen und das Theater, das wir lieben und das Lübeck braucht, langfristig zu halten.

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von Regina Petersen, Lübeck

„Mein Beileid den Sängerinnen und Sängern“

Ich bin Musiklehrer an einem Lübecker Gymnasiumund habe die Oper momentan um Gegenstand meines Unterrichts in einer sehr musikaffinen 7. Klasse gemacht, daher hatte ich mich schon vor der Premiere intensiv mit dem Stoff und besonders der Personenkonstellation dieser Oper beschäftigt. Außerdem kenne ich den „Freischütz“ seit meiner Kindheit ausgesprochen gut und schätze daher immer noch seine schöne und faszinierende Musik. Selbstverständlich hatte ich geplant, mit den Schülerinnen und Schülern eine spätere Aufführung des „Freischütz“ zu besuchen. Davon habe ich nun, nach dem Besuch der Premiere, Abstand genommen.

Von dem Regisseur, Herrn Biganzoli, sah ich in der vorletzten Spielzeit in Lübeck „Lady Macbeth von Minsk“, das war eine der besten Aufführungen, die ich je in Lübeck gesehen und gehört habe. Die Premiere am vergangenen Freitag (12.10.) war ebenfalls eine ganz besondere, aber in negativer Hinsicht: So einen kärglichen Applaus und so viele Buhrufe habe ich in Lübeck noch nie nach einer Premiere erlebt.

Ich denke nicht, dass man dem Lübecker Premierenpublikum vorwerfen kann, besonders konservativ oder sogar dumm zu sein, die größtenteils ablehnende Haltung ist nachvollziehbar und verständlich. Nun, an den Sängerinnen und Sängern, an den Musikern im Orchestergraben hat es nicht gelegen. Sollte diese unkonventionelle Inszenierung vielleicht ein Versuch sein, dem Theater Lübeck andere, jüngere Besucherschichten zu erschließen? Das würde die Einfügung von Show-, Mitmach- , Sex-and-Crime- und Happening-Elementen sowie Elementen des Fluxus-Konzeptes erklären, die wir ja auch schon so ähnlich beim „Tannhäuser“ vor einigen Jahren in Lübeck erleben durften.

Nachvollziehbar wäre das, denn schließlich vergreist das Publikum bei Oper und Konzert zusehends. Meiner Meinung nach ist das aber der falsche Weg, wie ich nun darlegen möchte:

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Warum geht man in eine Oper? Dass Opern mit einem eher mäßigen Libretto, einer eher verwirrenden, wenig stringenten Handlungsführung dennoch große Renner sind und ständig gespielt werden („Zauberflöte“, „Troubadour“ und ein wenig auch der „Freischütz“. . .) könnte als Hinweis gesehen werden, dass es primär die Musik ist, die die Menschen in die Opernhäuser treibt. Aber genau diese ist in der aktuellen Inszenierung eher unwürdig und zweitrangig behandelt worden; eigentlich hätte man sie auch weglassen oder durch ganz andere Musik ersetzen können, das Regieteam hätte seine Sicht von „German Angst“, deutscher Leitkultur, Migrationspolitik usw. auch so darlegen können.

Zu der Wirkungszerstörung der Musik trugen u. a. sehr laute, ständig eingespielte Herzklopfgeräusche bei, die jeden musikalischen Spannungsaufbau – besonders nach der Pause – zersetzt haben, ebenso wie manche Showelemente, die z. B. das schöne Terzett im zweiten Akt regelrecht zerhackt haben.Wobei ich den Beginn der Aufführung, wie auch der Kritiker der LN, als sehr gelungen empfunden habe, ganz im Gegensatz zur legendären Wolfsschluchtszene, mit welcher der zweite Akt beendet wird. Diese besitzt einen ein-komponierten Spannungsaufbau, der sich zum Ende hin in der Musik orkanartig entlädt, jedoch durch die showartige Struktur auf der Bühne (u. a. nerviges grelles Neonlicht) nicht nachvollzogen werden kann, und daher durch Videoeinspielungen ergänzt werden muss.

Einzig die schockierende Tötung der jungen Frau am Ende der Wolfsschluchtszene greift den Spannungsbogen auf, war aber, für meinen Geschmack, etwas zu „shocking“, wenngleich von der jungen Dame sehr eindrucksvoll dargestellt.Nach der Pause dann offener Beginn, auf der Bühne wird schon gespielt, während noch einige Zuschauer hereinkommen, auch das eine Missachtung der Würde der Musik, was nicht gerade zu einem konzentrierten Zuhören des Publikums beiträgt, wie ich dann leider feststellen musste. Aber vielleicht ist das ja so gewollt?

Der Aufbau des „Freischütz“ aus einzelnen Musiknummern kann kein Grund oder Rechtfertigung für den lieblosen und zum Teil unsinnigen Umgang mit der Musik sein.Im dritten Akt wird das Handlungsgerüst des „Freischütz“ vollständig ad acta gelegt, und die einzelnen Musiknummern werden dem Publikum in einer Art Bierzeltatmosphäre „um die Ohren gehauen“, geschmacklos interpunktiert von „German Angst“, und somit ihrer eigentlichen musikdramaturgischen Bedeutung, die sich aus gesungenem Text und Musik ergibt, beraubt.

Was mich besonders stört, ist, dass das „Konzept“ des Regisseurs selbstverständlich viel wichtiger ist als der emotionale Wirkungs- und Ausdrucksgehalt der Musik. Wer diese Musik liebt oder schätzt, kann so etwas nicht gut finden. (...)

Von Hartmut Jung

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„Was soll das Theater?!“

Warum gehen wir gern in Premieren? Ist es der Zauber des Neuen oder die oft spürbare Energie des auf den Punkt Einstudierten? Ist es, dabei gewesen zu sein, mitreden zu können? Oder einfach nur die Lust, im Zweifelsfalle bei Nichtverstehen oder -gefallen seinem Unmut anonym im Schutze der Dunkelheit Luft machen zu können?

Dass es in Deutschland ca. 80 Standorte gibt, an denen fest engagierte Ensembles Musiktheater auf die Bühne bringen, ist weltweit einzigartig und zeugt von der langen Tradition und dem Drang nach Ausdruck und Pflege dieses Kulturgutes. Mit allem, was dazu gehört.

Das ist ein Schatz, den es zu bewahren gilt. In jedem Falle, auf Teufel-komm-raus! Es wird immer Inszenierungen geben, die uns nicht gefallen und die wir manchmal teilweise auch schlichtweg nicht verstehen. Gut gemacht oder schlecht verpackt. Der Anspruch eines Opernhauses darf nicht sein, es allen recht machen zu wollen, oder Traditionelles und Althergebrachtes zu wahren, sondern vielmehr Denkanstöße zu liefern, den Horizont zu erweitern und im Spiegel der Gegenwart zu wirken.

Der Lübecker Freischütz von Jochen Biganzoli ist äußerst sehens- und hörenswert und musikalisch eine der besten und stimmigsten Produktionen seit Langem. Er ist gewagt, frech und spannend wie ein Krimi (bis zur Pause) und befreit von betulich deutschtümelndem Jäger-Grusel-Schmonz, den Viele sich gewünscht hätten. Sie will nicht gefallen - warum auch. Wir reden uns darüber die Köpfe heiß, das nennt man Kunst. Auftrag erfüllt! Jeder sollte sich selbst ein Bild davon machen und nicht so viel darauf geben, was in der Zeitung steht.

von Peter Eichenberg, Lübeck

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„Unverschämter Klimbim“

Herr Biganzoli hat mit den beiden Opern "Lady Macbeth von Mzensk" und "Der ferner Klang" hervorragende Regiearbeit geleistet. So konnte man nur gespannt sein auf sein nächstes Werk, den "Freischütz". Doch was hat er uns geboten: Einen unverschämten Klimbim.

Was sollten die Pappnasen, der Karnevalsfirlefanz, die Pappkameraden und die völlig unnütze Fragebogenaktion, mit der das Publikum zum Affen gemacht wurde. Und dann musste das Publikum auch noch mithelfen, “den Jungfernkranz zu winden” - unter Anleitung wie im Kindergarten.

All dieser Quatsch ist beim besten Willen nicht nachzuvollziehen. Was für ein Glück, dass die wunderbare Musik unverändert geblieben ist. Man könnte sich vorstellen, dass so manch “moderner” Regisseur auch hier dran “drehen” würde, wenn es ginge. Aber ganz besonders zu bewundern und zu beglückwünschen sind die Darsteller mit ihren tollen Stimmen, die den Abend dann doch noch erträglich gemacht haben.

Wir haben bereits seit Jahren ein Opern-Premieren-Abo. Aber jetzt denken wir ernsthaft darüber nach, dieses Abo zu kündigen, weil man nicht sicher sein kann, welcher Unfug einem noch vorgesetzt wird.

von Lothar Ribbe und Gina Krauße

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„Hervorragende Arbeit“

Destruktivität durchzieht die Kritiken zum Freischütz. Selbst ein Journalist, wie Herr Feldhoff versäumt es die geschichtlichen Tatsachen in seine Kritik einfließen zu lassen, und vor diesem Hintergrund eine objektive und auf Argumenten begründete Kritik zu verfassen.

Zeitnah zur Entstehungszeit von Webers Freischütz und während der Befreiungskriege 1813/14 schossen sich Männer aus allen deutschen Staaten zusammen und traten unter dem Namen Lützower Jäger für die Schaffung eines Nationalstaates mit bürgerlichen Freiheitsrechten ein.

Das war kein romantischer Jagdverein in grünem Loden, sondern Männer, die eine große Symbolkraft entwickelten, weil sie liberale Ideen vertraten und deren Uniformen die Farben Schwarz-Rot-Gold trugen. Der Wiener Kongress, insbesondere die Heilige Allianz, machte all dies zunichte. Die Monarchie setzte sich durch und legitimierte die Fürstenschaft. Neununddreißig deutsche Staaten regierten nebeneinander her.

Der Deutsche Bund hatte keine gemeinsame Verfassung und keinen Plan für eine gemeinsame Außenpolitik. In Mainz gab es eine Zentralbehörde zur Untersuchung „ revolutionärer Umtriebe“. Demagogenverfolgung richtete sich gegen Professoren, Studenten, kritische Schriftsteller und Journalisten. Viele verließen Deutschland oder resignierten. Die Fürsten hatten ihre Ruhe. Später nannte man diese Zeit bis zur ersten Reichsverfassung 1849 Biedermeier und romantisierte sie, denn es war die Zeit der Spießbürger.

Ich finde genau diese Fakten hat Jochen Biganzoli in seiner Inszenierung aufgegriffen, zeitgenössisch umgesetzt und dem Premierenpublikum einen Spiegel vorgehalten. Danke für diese hervorragende Arbeit.

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Christine Tietgen Lübeck

„Die Freiheit ist der Kunst ist ein hohes Gut“

Auch wir von der Gesellschaft der Theaterfreunde (GTL) beobachten die kontroverse Diskussion über die Freischütz- Inszenierung und führen sie untereinander in unseren Reihen ebenso engagiert wie es das gesamte Publikum tut.

Lebendige Theaterkunst, die solche Diskussionen herausfordert, ist auch ein Grund, weshalb die Gesellschaft der Theaterfreunde das Theater Lübeck unterstützt.

Der jetzige Vorstand der GTL sieht sich dabei auch in der Tradition der höchst verdienstvollen Gründer und Vorgänger.

Denn eine Maxime haben wir dabei nach deren Vorbild besonders zu beachten: niemals auf Inhalte Einfluss zu nehmen und die Freiheit der Kunst und damit der Künstler zu achten und als hohes Gut zu verteidigen.

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Anne-Dore Brütt-Schwertfeger, Vorstandsvorsitzende der GTL

„Krampfhaftes Bemühen um Originalität“

Künstlerische Überheblichkeit, verbrämt durch intellektuell angestrichene sozialpsychologische Ergüsse im Programmheft, populistische Mätzchen, wie die Einbeziehung des Publikums in das Spiel. (Diese Masche kannten wir ähnlich schon aus der albernen Tannhäuserinszenierung von Florian Lutz).

Natürlich ging es wiedermal nicht ohne „Bühnenbumsen“ ab, diesmal musste Frau Stadel während des Duetts Agathe-Ännchen die Nutte spielen. Der Sinn? Hauptsache dick auftragen, sonst interessiert sich ja doch keiner für das Spiel.

Offenbar ist der Regisseur von der Deutlichkeit seiner Interpretation selber nicht überzeugt oder er hält das Publikum für beschränkt: Damit aber trotzdem alle kapieren, was gemeint ist, wurde eben das Wort „Angst“ in großen Buchstaben mitten im Bühnenraum gehängt.

Das Ganze hat uns so angeödet, dass wir nach der Pause gegangen sind.

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Werke wie „Tannhäuser“, „ Zauberflöte“ oder „Freischütz“ haben diese selbstgefälligen Regieverrenkungen nicht nötig, und wenn die Herren Lutz, Ryser und Biganzoli mit früheren Lebenswelten nicht zurechtkommen, sollten sie sich an neuere Werke halten, denn da können sie überzeugen, wie wir jedenfalls bei „Mass“ und „Lady Macbeth v.M.“ erlebt haben. (...)

Dr. Helwig Hooß, Stockelsdorf

„Grotesker Klamauk“

Der "Freischütz" am Theater Lübeck erntete heftige Kritik. Zu Recht, meine ich, soweit es die Inszenierung betrifft. Solisten, Chor und Musiker verdienen alle Anerkennung.

Ein einziger zustimmender Leserbrief in den LN vom 19. Oktober. Dessen Verfasser führen sich durch ihren selbstgerechten arroganten Chauvinismus, mit dem sie anders denkende Menschen als "starr und unflexibel" zu disqualifizieren versuchen und noch dazu Hermann Hesse falsch interpretieren, allerdings selbst ad absurdum. Das Mögliche, was hier erreicht wurde, war grotesker Klamauk. Das hat Hesse so nicht gemeint.

Auch Weber hätte sich von dieser Interpretation einer Welt der Gegensätze, die in ihrem Kontext so gegensätzlich gar nicht war, verständnislos abgewendet.

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Der von sieben Ausrufezeichen begleitete Kotau vor Herrn Boganzoli (sic!) könnte fast peinlich berühren. Oder sollte man diese zutiefst tiefe Verbeugung als Ironie begreifen?

Marion Berkhan Droste, Lübeck

Zur Bildergalerie von der Premiere geht es hier.

LN-Leserbriefe

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