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Museen Lübeck

Wie viel Raubkunst ist in den Lübecker Museen zu sehen?

Dagmar Täube, Leiterin des St. Annen-Museums, und Alexander Bastek, Leiter des Museums Behnhaus Drägerhaus, vor drei untersuchten Objekten. Die Zuckerdose links und der Pokal in der Mitte stammen aus jüdischem Besitz und gelten damit als belastet.

Dagmar Täube, Leiterin des St. Annen-Museums, und Alexander Bastek, Leiter des Museums Behnhaus Drägerhaus, vor drei untersuchten Objekten. Die Zuckerdose links und der Pokal in der Mitte stammen aus jüdischem Besitz und gelten damit als belastet.

Lübeck. Der silberne Zunftpokal der Lübecker Klempner, der um 1800 in Hamburg gefertigt wurde und im St. Annen-Museum ausgestellt ist, ist schlicht und nicht der große Hingucker. Seine Vergangenheit allerdings hat es in sich. Der Pokal ist von Lübeck nach Wien gelangt. Nach der "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" von 1938 musste der offenbar jüdische Besitzer ihn verkaufen. Das Auktionshaus Dorotheum in Wien bot ihn günstig an, und 1942 kaufte ihn das Museum für Kunst und Kulturgeschichte Lübeck für 150 Reichsmark. Im Anschreiben des Kaufvertrages wird die Herkunft "zur Verwertung aus dem jüdischen Vermögen" offen genannt. Damit ist klar, es handelt sich um NS-Raubkunst, offizielle Einstufung: belastet.

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470 Stücke wurden untersucht

In den vergangenen drei Jahren hat die Provenienzforscherin Steffi Grapenthin Sammlungsstücke des Museums Behnhaus Drägerhaus und des St. Annen-Museums, die zur NS-Zeit erworben wurden, in Detektivarbeit auf ihre Herkunft untersucht. "Ich habe Inventarbücher gesichtet, Spuren verfolgt, Archive besucht", sagt sie. Bei Gemälden sei es einfacher, weil oft auf der Rückseite Stempel oder Etiketten auf den Vorbesitzer hinweisen. Ankäufe von bestimmten Auktionshäusern oder Schenkungen von Stadtverwaltungen seien auch Hinweise auf NS-Raubkunst. Bei Alltagsgegenständen aus dem St. Annen-Museum sei es schwieriger. 300 Gegenstände aus dem Museum hat sie untersucht, im Behnhaus etwa 170 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. 65 davon seien unbelastet, 97 nicht zweifelsfrei unbedenklich, fünf bedenklich und drei belastet – so lauten die offiziellen Kategorien.

Zu den belasteten gehört das Gemälde „Der singende Mann“ von Gotthardt Kuehl, entstanden um 1910. Es stammt von dem jüdischen Kunsthändler Heinemann, die Kunsthandlung Zinckgraf „arisierte“ das Geschäft, kaufte es unter Wert. Somit gilt das Bild, das 1941 vom Lübecker Museum für 850 Reichsmark von Zinckgraf gekauft wurde, als bedenklich. Zwar gab es bereits eine Entschädigung für die Heinemann-Erben, aber es ist nicht geklärt, inwieweit diese auch das Bild „Der singende Mann“ betrifft.

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Museumsleiter ging zur NS-Zeit auf Shoppingtour

Warum wurde zwischen 1933 und 1945 so viel von den Lübecker Museen gekauft? Nach der politisch motivierten Entlassung des Museumsleiters Carl Georg Heise 1933 wurde der NS-Sympathisant Hans Schröder eingestellt mit der Aufgabe, ein großes Heimatmuseum zu errichten. „Er ging regelrecht auf Shoppingtour im gesamten Deutschen Reich und kaufte Alltagsgegenstände von Glas bis Zinn ein“, erklärt Bettina Zöllner-Stock, wissenschaftliche Mitarbeiterin im St. Annen-Museum. Nachdem die Lübecker Museen nach dem Bombenangriff 1942 stark zerstört worden waren, erhielt Schröder eine hohe Ausgleichssumme, dafür kaufte er in den Niederlanden und in Belgien Gemälde und Barockmöbel.

Was passiert nun mit den Stücken, die als belastet gelten? „Wo Erben bekannt sind, gehen sie zurück an diese“, sagt Steffi Grapenthien. Das betrifft ein Wappenkissen aus Seide, entstanden um 1635. Es ist jetzt noch in der Ausstellung zu sehen, geht dann an eine internationale Erbengemeinschaft.

Ungeklärte Werke sind im Internet zu recherchieren

Bei dem Zunftpokal gibt es keinen Hinweis auf einen Vorbesitzer. "Alle ungeklärten Ausstellungsstücke werden in die Internet-Datenbank www.lostart.de gestellt", sagt Behnhaus-Leiter Alexander Bastek. Betrieben wird sie vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das auch die Forschung in Lübeck gefördert hat. In der Datenbank können Kunsthändler und Besitzer recherchieren.

Lübeck nehme bei der Forschung eine Vorreiterrolle ein, sagte Kultursenatorin Kathrin Weiher. Ihr liege die Aufarbeitung sehr am Herzen. Ein Gewinn ist sie auch für die Dauerausstellung: Die neuen Erkenntnisse zur Herkunft von Sammlungsstücken sind dort nachzulesen.

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Petra Haase

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