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„Russische Regisseure nicht ausschließen“

Ukrainischer Filmemacher Sergei Loznitsa in Cannes: „Krieg ist Krieg, Kultur ist Kultur“

Siegesgewiss: Regisseur Sergei Loznitsa bei der Premiere seines Films „The Natural History Of Destruction“ in Cannes.

Cannes. Sergei Loznitsa wurde 1964 in Weißrussland geboren und wuchs in der Ukraine auf. Er studierte an der Moskauer Filmhochschule. Inzwischen lebt er in Berlin. Seine Filme haben auf Festivals zahlreiche Preise gewonnen. Große Aufmerksamkeit erzielte er mit „Maidan“ (2014) über die Demokratiebewegung in Kiew und mit „Donbass“ (2018) über den Konflikt mit Russland im Osten das Landes. Nun hat er in Cannes „The Natural History of Distruction“ vorgelegt und sich dabei von W. G. Sebalds Buch „Luftkrieg und Literatur“ inspirieren lassen. In dem Dokumentarfilm, der komplett aus Archivmaterial besteht, zeigt er die Zerstörung vornehmlich deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg – und legt die Frage nahe, ob der Angriff auf zivile Ziele heute immer noch Teil der Kriegstaktik ist.

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Herr Losznitsa, wie hat der Ukraine-Krieg Ihren Film über die Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg beeinflusst?

Gar nicht. Der Krieg in der Ukraine begann schon vor acht Jahren. Das einzig Überraschende dabei heute sind die Brutalität und die Barbarei, mit der die russische Armee vorgeht. Vielleicht überrascht auch noch das beinahe komplette Fehlen von Protesten der russischen Bevölkerung. Nun finden wir uns alle in einer Situation wieder, die uns um 100 Jahre in der Geschichte zurückwirft. Wir sind komplett hilflos und können nichts tun, um diesen Krieg zu stoppen.

Was folgern Sie daraus mit Blick auf Ihren Film?

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Die Zerstörungstaktiken, wie sie im Zweiten Weltkrieg von europäischen Armeen getestet wurden, wendet nun das russische Militär an. Politische und militärische Anführer halten es also immer noch für eine legitime Technik, zivile Ziele zu zerstören. Im Zweiten Weltkrieg haben das alle getan – die Deutschen, die Briten, die Russen, die Amerikaner. Es hat sich offenbar seitdem nichts geändert.

Wie klug verhält sich das Filmfestival von Cannes im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine?

Das ist eine politische Frage. Wieso soll sich Cannes dazu erklären? Die Frage sollten Sie an die Staatschefs Joe Biden, Emmanuel Macron oder Olaf Schulz richten: Sie müssen beantworten, wie man sich gegenüber diesem Krieg verhalten soll.

Warum sollte ein Filmemacher, dessen Werk nach den Maßstäben von Cannes gut genug ist, nicht eingeladen werden?

In Cannes wird aber lautstark über den Boykott oder Nichtboykott russischer Kultur diskutiert.

Eine offizielle russische Delegation konnte Cannes nicht zulassen, denn das ist die Abordnung eines faschistischen Staates. Aber wenn wir über Künstler reden, reden wir über Individuen. Diese stehen nur für sich selbst. Warum also sollte ein Filmemacher, dessen Werk nach den Maßstäben von Cannes gut genug ist, nicht eingeladen werden? Warum sollte er ausgeschlossen werden? Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow verdammt den Krieg gegen die Ukraine, er ist gegen die Bombardierungen. Also ist er willkommen.

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Offenbar nicht bei allen …

… diese Boykottdiskussion ist uns aufgezwungen worden. Während wir uns darin verzetteln, vernachlässigen wir die viel wichtigere Frage, wie wir diesen Krieg stoppen können. Gerade in Deutschland sollte man über andere Dinge reden.

Über welche?

Wieso ist Deutschland so abhängig von russischer Energie? Wie konnte ein früherer Bundeskanzler bei Gazprom so lange so eine große Rolle spielen? Wieso sollte Serebrennikow boykottiert werden, aber nicht russische Energie? Mit dem Erlös wird der russische Krieg finanziert. Serebrennikow finanziert den Krieg nicht. Sollten nicht auch deutsche Firmen boykottiert werden, die noch nach 2014 Waffen an Russland geliefert haben?

Die ukrainische Filmakademie hat Sie aus Ihren Reihen ausgeschlossen, weil sie sich gegen den Boykott russischer Kultur aussprechen. Wie ist der Stand in diesem Konflikt?

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Ich würde nicht von Konflikt sprechen. Es gibt unterschiedliche Meinungen. Wir reden nicht miteinander. Meines Wissens haben sich auch nicht alle ukrainischen Filmemacher gegen mich gewendet, nur eine bestimmte Gruppe von medial besonders gut vernetzten Aktivisten. Andere Filmemacher sympathisieren mit mir, trauen sich aber nicht, das laut auszusprechen. Das ist für alle eine emotional belastete Situation.

Wie könnte der russischen Kultur künftig international begegnet werden?

Die Europäische Filmakademie sollte eine Diskussion organisieren. Philosophen, Soziologen, Anthropologen, Filmemacher sollten mitmachen. Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert sollten dabei einfließen. Schwarz-Weiß-Lösungen helfen nicht – schon gar nicht Entscheidungen wie die von diversen Kulturinstitutionen, den Film „Solaris“ des russischen Regisseur Andrei Tarkowski an dessen 90. Geburtstag zu streichen. Ist Tarkowski schuld daran, was Putin heute in der Ukraine tut? Lassen Sie uns doch einfach sagen: Krieg ist Krieg, Kultur ist Kultur.

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