Warner hat ein Problem mit seiner Superheldin

Das traurige und teure Ende von „Batgirl“

Da war die Welt noch in Ordnung: Hauptdarstellerin Leslie Grace am „Batgirl“-Set

Da war die Welt noch in Ordnung: Hauptdarstellerin Leslie Grace am „Batgirl“-Set

90 Millionen Dollar sind auch nach Hollywood­­maßstäben kein Pappenstiel. Gewiss, ein ausgewachsener Superhelden-Blockbuster verschlingt leicht das Doppelte oder mehr an Produktionskosten. Aber wer 90 Millionen in einen Film investiert, der will, dass er auch gesehen wird. Oder etwa nicht?

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Im Fall von „Batgirl“ verhält es sich offenbar anders. Der Film ist seit April abgedreht und beinahe fertig. Er sollte die Position des Konzerns Warner Bros. Discovery auf dem immer noch boomenden Markt der Comic­­verfilmungen stärken. Schließlich hat Warner Zugriff auf die ganze Welt der DC‑Comics.

„Batgirl“: Superheldinnen sind selten

Zudem hätte sich mit „Batgirl“ die Offenheit für Diversität heraus­stellen lassen. Superheldinnen sind immer noch die Ausnahme unter vorwiegend männlichen Kollegen – und diese hier wird von Leslie Grace gespielt, die ihre Wurzeln in der Dominikanischen Republik hat. Das in Belgien geborene Regisseurduo Adil El Arbi und Bilall Fallah hat einen marokkanischen Hintergrund.

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Doch nun hat der neue Warner-Chef David Zaslav verfügt, dass die junge Heroine nirgendwo fürs Gute kämpfen wird – weder auf der Kinoleinwand noch auf dem hauseigenen Streaming­portal HBO Max und auch nicht auf DVD. Die Entscheidung hat in Hollywood Schockwellen ausgelöst.

Auch früher schon sind fertige Filme sang- und klanglos vom Markt verschwunden, ohne überhaupt ein Publikum zu erreichen. Dem Komiker Jerry Lewis beispielsweise erging es mit seinem Holocaust­film „The Day the Clown Cried“ Anfang der 70er-Jahre so. Auch der deutsche Produzent Bernd Eichinger ließ seine Erstverfilmung von „The Fantastic Four“ 1994 eine Woche vor Kinostart stoppen. Er wollte sich mit dem Film damals nur die anderenfalls auslaufenden Rechte an dem Stoff sichern, den er Jahre später dann mit größerem Budget noch einmal umsetzte. Eichinger verfolgte also ganz persönliche Ziele.

„Batgirl“ war nicht fürs Kino bestimmt

Mit dem traurigen Ende des „Batgirl“-Films wird in Hollywood jedoch eine mögliche Zäsur verbunden: Das goldene Streaming­zeitalter könnte seinen Zenit überschritten haben. Die Verbannung der jugendlichen Superheldin ist dafür ein tragfähigeres Indiz als der sinkende Aktienkurs von Netflix.

„Batgirl“ war von Anfang an nicht fürs Kino bestimmt. Die frühere Warner-Führung verfolgte das Ziel, exklusive Inhalte zu Streaming­zwecken herzustellen. Die Argumentation dahinter: Es gelte, sich gegen die immer stärkere Konkurrenz zu behaupten. Apple, Amazon Prime, Disney+ und viele andere drängeln sich um dieselben Kunden. Diese haben nicht die Zeit und schon gar nicht das Geld, beliebig viele Anbieter zu abonnieren.

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Aber wie erreicht man diese Kunden auf einem immer unübersicht­licheren Markt? Viele neue Filme werden auf Nimmer­wieder­sehen in den Portalen versenkt. Gut sichtbar sind nur jene auf den Startseiten. Nur die treuesten Kunden dürften sich durch die Untiefen der Algorithmen navigieren.

„Die Ringe der Macht“ kosten eine halbe Milliarde

Manche Anbieter versuchen, mit Prestige­produktionen zu punkten, koste es, was es wolle. Das teuerste Beispiel ist der Anfang September geplante Start von Amazons „Herr der Ringe“-Serie „Die Ringe der Macht“. Allein die acht Folgen der ersten Staffel sollen eine knappe halbe Milliarde gekostet haben.

Da darf man sich schon mal wundern, wie solche Summen je wieder eingespielt werden sollen. Im Kino entscheidet der Ticketverkauf über ökonomischen Erfolg oder Misserfolg, Streaming­­anbieter können nicht so simpel rechnen – und halten sich darüber hinaus mit konkreten Zahlen gern bedeckt.

Warner-Chef Zaslav hat nun jedenfalls einen „Strategie­wechsel“ verkündet. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Art und Weise, wie die Leute teure Streaming­­filme konsumieren, nicht zu vergleichen ist mit dem, was passiert, wenn man einen Film in die Kinos bringt.“ So zitiert das Hollywood­­branchen­blatt „Variety“ den neuen Warner-Chef.

Kino für den Marketingeffekt

Steckt hinter diesem Satz eine gehörige Portion Ratlosigkeit? Dem guten alten Kino schreibt Zaslav offenbar einen höheren Aufmerksamkeits­grad zu als PR‑Kampagnen für Couch-Potatos. Das Kino selbst steckt nicht erst seit der Corona-Pandemie in der Krise und dürfte kaum zu alter Stärke zurückfinden, aber es könnte als Umweg zum Streaming­erfolg künftig eine stärkere Rolle spielen. Bislang haben es die Streaming­anbieter zumeist bei halbherzigen Alibistarts belassen – siehe „The Irishman“ (2019) von Martin Scorsese oder jüngst „The Gray Man“ mit Ryan Gosling.

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Die Netflix-Konkurrenz dürfte das kaum anders sehen: Nicht ohne Grund müht sich der schwächelnde Platzhirsch seit Jahren, bei prestige­trächtigen Festivals in Cannes oder Venedig oder auch bei der Oscar­­verleihung einen Fuß auf den roten Teppich zu bekommen.

„Batgirl“ werden solche Überlegungen nichts nutzen. Um den Film doch noch ins Kino zu hieven, hätte Warner wohl noch einmal rund 50 Millionen Dollar für Marketing­zwecke drauflegen müssen. Doch scheint Zaslav nicht an den Erfolg einer solchen Kraft­anstrengung zu glauben.

Als Grund gibt er unglücklich verlaufende Vorführungen vor Testpublikum an – eine übliche Vorlaufrunde großer Produktionen, um ihre Attraktivität zu überprüfen. Die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer sollen verheerend gewesen sein, ließ Warner verlautbaren.

Andererseits: Nach diesem Maßstab hätte es wohl auch manch anderer Film nie ins Kino geschafft, der dann trotzdem auf der Leinwand viel Geld einbrachte. Und alle Filme mit „Bat-“ am Anfang bespielen eine eingeführte Marke. Die Fans hatten sich schon auf die Rückkehr von Michael Keaton in seiner Rolle als Batman gefreut.

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Trotzdem verbucht Warner die 90 Millionen Dollar lieber als Verlust und spart damit vermutlich einen tüchtigen Batzen Steuern. Zugleich aber hat sich der Konzern einen Entrüstungssturm in den sozialen Medien eingehandelt.

Das Team hinter „Batman“ scheint sich trotz großer Enttäuschung erst einmal damit abgefunden zu haben, dass das Ergebnis monatelanger Arbeit ad acta gelegt wird. Die Regisseure gaben bekannt: „Wir sind traurig und schockiert über die Nachricht“, so Adil El Arbi und Bilall Fallah. Vielleicht werde ihr Film eines Tages doch noch zu sehen sein. Hauptdarstellerin Leslie Grace schrieb ihren Fans: „Danke für die Liebe und den Glauben, und dass ihr mir erlaubt habt, das Cape anzuziehen.“

Die Schauspielerin Leslie Grace bedauert das Aus für Batgirl.

Die Schauspielerin Leslie Grace bedauert das Aus für Batgirl.

Bei Warner stehen auch noch andere Filme zur Disposition, etwa die Fortsetzung „Scoob! Holiday Haunt“. Kostenpunkt: 40 Millionen Dollar. Spekuliert wird auch über die (Nicht)Veröffentlichung von „Flash“. Hier soll es sogar um 200 Millionen Dollar gehen. In diesem speziellen Fall allerdings bereiten die Exzesse um Star Ezra Miller dem Konzern Kopfzerbrechen.

Warner sinnt nach Angaben von Hollywood­­branchen­­magazinen nach Möglichkeiten, den Film ins Kino zu bringen und sich dann möglichst schmerzfrei von Miller zu trennen. Vorkommnisse um Drogen und Diebstahl sind alles andere als eine gute PR.

Generell jedenfalls scheint Warner trotz seines reichen Schatzes an Comic­personal ein Problem zu haben, dieses gebührend an den Start zu bringen. Das Disney-Studio mit seinem Marvel-Helden und ‑Heldinnen ist weit erfolgreicher, sein Universum permanent auszuweiten.

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„Batgirl“ geht nun in die Annalen ein als einer der teuersten nie gezeigten Hollywood­­filme. Der Kampf ums wählerisch gewordene Streaming­­publikum geht weiter bei steigenden Abonnement­preisen und Plänen, den Kundinnen und Kunden künftig Werbung vorzusetzen – der sie doch eigentlich entfliehen wollten. Sieht so aus, als sei da auch das Batgirl trotz all seines Superkönnens hilflos.

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