Hilfe im Advent für die Tafel

Wie eine Ukrainerin von der Tafelkundin zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin wurde

Kurz vor Feierabend bei der Tafelausgabe in Mölln: Olena (36, r.) ist vor acht Monaten aus der Stadt Lviv im Westen der Ukraine geflohen. Von der Tafelkundin wurde sie zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin.

Kurz vor Feierabend bei der Tafelausgabe in Mölln: Olena (36, r.) ist vor acht Monaten aus der Stadt Lviv im Westen der Ukraine geflohen. Von der Tafelkundin wurde sie zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin.

Mölln. Noch vor einigen Monaten stand Olena ausschließlich vor dem Tresen und packte Gemüse, Fleisch, Brot und Milch in ihren Einkaufbeutel. Mittlerweile steht die 36-Jährige hinter dem Tresen und bedient Kunden der Tafel Mölln.

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Das klingt jetzt erst einmal nicht nach einer außergewöhnlichen Geschichte. Doch die junge Frau floh vor acht Monaten zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter vor dem Krieg in der Ukraine. Eine schwere Zeit liegt hinter ihr. Unter anderem, weil sie ihren Mann damals in der Ukraine an der Grenze zu Polen zurücklassen musste. Er brachte seine Liebsten dorthin und in Polen holten Freunde aus Mölln die Mutter und ihre Tochter ab. Ein Abschied, den sich niemand vorstellen mag. Denn der Ehemann der Physiotherapeutin, ein Fußballtrainer, musste die Bälle und den grünen Rasen gegen den Dienst beim Militär tauschen.

Tafel Mölln über dem Limit: 765 Menschen bekommen Speisen

„Ich möchte helfen und nicht herumsitzen“, sagt die sympathische junge Frau, die im Gespräch mit den LN im Büro der Tafel immer wieder lacht – vor allem, wenn sie nach Worten sucht. Dass sie erst so kurz in der Sprachschule ist, löst bei vielen, die mit ihr zusammenkommen, Erstaunen aus. Das berichtet auch eine Tafel-Kollegin, die sich mit Olena angefreundet hat und beim Interview dabei ist. Fleißiges Lernen und Zuverlässigkeit verhalfen ihr auch dazu, zwischen den meist langgedienten ehrenamtlichen Tafelhelferinnen und -helfern ihren Platz einzunehmen. Die Tafel Mölln hat eigentlich Kapazitäten für 700 Kunden. Das sei die „Schallgrenze“, sagt Tafel-Chefin Kathrin Schlie.

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Sie stehen nicht so gern im Vordergrund, sagen sie. Tafel-Urgestein Wolfgang Wagner (89) und Kathrin Schlie organisieren alle Abläufe. Die gemeinnützige Organisation ist straff organisiert und pflegt ein gutes Netzwerk. Hilfe dabei bekommen sie von Mitarbeiterinnen der Ev. Kirchengemeinde Mölln.

Sie stehen nicht so gern im Vordergrund, sagen sie. Tafel-Urgestein Wolfgang Wagner (89) und Kathrin Schlie organisieren alle Abläufe. Die gemeinnützige Organisation ist straff organisiert und pflegt ein gutes Netzwerk. Hilfe dabei bekommen sie von Mitarbeiterinnen der Ev. Kirchengemeinde Mölln.

Doch seitdem die russische Regierung den Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat, ist die Zahl noch gestiegen. Etwa 765 Menschen bekommen aktuell regelmäßig Lebensmittel von der Tafel in Mölln. Auch viele Menschen aus der Ukraine sind dabei. Und Olena kann bereits beim Übersetzen helfen, wenn das nötig ist. Sie war schon in der Schule gut in Sprachen und spricht neben Ukrainisch auch Polnisch, Englisch, ein wenig Französisch und nun auch immer besser Deutsch, erzählt sie.

Steckbrief: Das ist die Tafel Mölln

Die Tafel Mölln ist in Trägerschaft der Ev.-luth. Kirchengemeinde Mölln. Sie finanziert sich durch Spenden und durch den symbolischen Beitrag von zwei Euro pro Haushalt und Einkauf. Die Tafel der Eulenspiegelstadt arbeitet ausschließlich ehrenamtlich und hat mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Ausgabe sowie diverse Räumlichkeiten und Garagen für die Vorbereitung der Ausgaben befinden sich im Heilig-Geist-Gemeindezentrum in der Gadebuscher Straße 13. Die Ausgaben sind jeweils am Dienstag und Freitag in der Zeit von 10 bis etwa 12 Uhr.

Erreichbar ist die Tafel Mölln per E-Mail unter verwaltung@kg-verwaltung.de. Weitere Informationen zur Organisation gibt es unter www.kirche-moelln.de

Dienstags und freitags sortiert sie Lebensmittel und hilft bei der Ausgabe der Speisen in den Räumen der Evangelischen Kirchengemeinde an der Gadebuscher Straße. Übrigens: Am Sonnabend des 2. Advent hofft die Tafel auf Extra-Spenden von Menschen in Mölln, die beim Einkauf etwas zusätzlich für die Tafel in den Einkaufswagen legen.

Ohne Strom und Heizung: Ukrainerin floh mit Kind nach Mölln

Gebraucht werden und sich betätigen, solange noch keine Job in Mölln in Aussicht ist, das ist ein Grund zur Freude. Doch all das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sorgenvolle Monate vergangen sind. „Niemand dachte, dass es Krieg geben würde. Und wir dachten, dass er schnell vorbeigehen wird“, sagt sie. Beides stellte sich leider als falsch heraus.

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Olena, deren Nachname angesichts des laufenden Krieges ungenannt bleiben soll, musste fliehen, weil es in ihrer Heimat Lviv, einer Stadt mit 700 000 Einwohnern ganz im Westen der Ukraine, kaum noch Strom gab. Folglich war es kalt, weil auch die Heizung ohne Strom nicht läuft. Kochen und Wäschewaschen waren selten möglich – nur, wenn es mal wieder für einige Stunden Strom gab. Ein schlimmer Zustand, gerade mit einem Kind im Vorschulalter. Außerdem gab es immer wieder Alarm und die kleine Familie musste panisch Schutz im Keller suchen. „Sie hat nicht verstanden, dass Krieg ist. Doch sie hat oft geweint“, erzählt die Ukrainerin über ihre Tochter. Stress und Sorgen belasteten die junge Familie.

Ukrainerin in Mölln: „Ich möchte den guten Menschen danken“

Trotzdem war die Entscheidung nicht leicht, zu Freunden nach Mölln ins ferne Deutschland zu reisen. „Für mich war der Stress groß, weil wir in ein fremdes Land sollten“, sagt die 36-Jährige. In ihrer Heimat habe sie vor dem Krieg ein angenehmes Leben gehabt. Ihr Mann und sie hatten gute Jobs und ein schönes Zuhause in der alten Stadt Lviv, in der viele europäische Kulturen ihre architektonischen Spuren hinterlassen haben. Olena hatte zehn Jahre lang als Krankenschwester im Bereich der Physiotherapie in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet. In Deutschland ist nun noch nicht wirklich klar, ob ihr Diplom anerkannt werden könnte.

Gute Laune bei der Arbeit: In grünen Kisten werden Lebensmittel für die Tafel Mölln abgeholt. Auch Ruslana (l.) kommt aus der Ukraine und arbeitet über eine Eingliederungs-Maßnahme des Jobcenters im Außenteam der Tafel mit. Tafel-Helfer Ingo kennt sich aus.

Gute Laune bei der Arbeit: In grünen Kisten werden Lebensmittel für die Tafel Mölln abgeholt. Auch Ruslana (l.) kommt aus der Ukraine und arbeitet über eine Eingliederungs-Maßnahme des Jobcenters im Außenteam der Tafel mit. Tafel-Helfer Ingo kennt sich aus.

Wie wohl viele andere in Mölln hatte die 36-Jährige Probleme, einen Kita-Platz für ihre Tochter zu finden. Erst als dieser gefunden wurde und sie ihr Töchterchen im ungewohnten Terrain in guten Händen wusste, konnten die Sprachkurse beim „Educare Institut“ in Mölln so richtig starten. Wenn sie Schwierigkeiten hat, die richtigen deutschen Wörter zu finden, nutzt sie ein Smartphone mit Übersetzer. Das passiert nur dreimal in dem fast einstündigen Gespräch. Es ist ihr wichtig, ausschließlich Deutsch zu sprechen – so, wie es die Lehrer auch in den Sprachkursen verlangen. Und der jeweilige Satz vom Display wird wirklich mit guter Aussprache vorgetragen. Nur selten wechselt sie ins Englische.

Ein Satz ist ihr besonders wichtig. Sie kommt dem Reporter nach dem Fototermin im Anschluss an das Interview noch einmal hinterher und sagt, was unbedingt mit in den Zeitungsartikel soll: „Ich möchte den guten Menschen danken, die mir auf meinem Weg geholfen haben.“ Der Satz kommt aus der Translator-App – und von Herzen.

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LN-Aktion „Hilfe im Advent“ im Lauenburgischen

Liebe Leserinnen und Leser, gerade in diesem Jahr machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Zukunft. Vielen fehlt es schon jetzt an den grundlegendsten Dingen. Die diesjährige Spendenaktion der LN-Leser „Hilfe im Advent“ setzt sich daher für Menschen ein, die es in diesem Winter besonders schwer haben. Unter dem Motto „Essen, Wärme, Licht – LN-Leser sammeln für die Tafeln“ stellen die LN in der Adventszeit Vereine und Initiativen vor, die dabei helfen, die Not bedürftiger Menschen so gut wie möglich zu lindern. Das sind die Tafeln in Mölln, Ratzeburg, Schwarzenbek, Lauenburg/Elbe und die „Geestküche“ in Geesthacht.

Gemeinsam mit der Freiwilligenagentur ePunkt und in Kooperation mit der Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg möchten wir zeigen, wie diese Menschen in unserer Region Solidarität erfahren und aufgefangen werden: mit allem, was man für gesunde Mahlzeiten braucht und auch mit einer großen Portion Herzensgüte.

Bitte, liebe LN-Leserinnen und Leser, helfen Sie uns mit Ihrer Spende. Vielen Dank!

Das Spendenkonto:

Empfänger: ePunkt e.V. Lauenburg

IBAN: DE62 2305 2750 0081 8662 12

Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, NOLADE21RZB, Verwendungszweck: Spende: Hilfe im Advent

Mit einer guten Nachricht soll auch dieser LN-Artikel ausgehen. Der Ehemann von Olena ist mittlerweile vom Militärdienst in der Ukraine freigestellt worden und wieder mit seiner Frau und seiner Tochter vereint. Zusammen in ihrer Wohnung in Mölln müssen sie nicht mehr um Leib und Leben fürchten. Die kleine Familie steht wie wohl alle Geflüchteten vor weiteren Herausforderungen. Doch die 36-Jährige lächelt schon wieder, als sie auf ihr Fahrrad steigt: „Wir haben den großen Traum, dass es besser wird in der Ukraine.“

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