Mit Lastwagen zum großen Nachbarn

Lübecker Klärschlamm geht nach Hamburg

In einer Anlage in Hamburg wird Klärschlamm verbrannt und Phosphor gewonnen. Hierher will auch Lübeck künftig liefern.

In einer Anlage in Hamburg wird Klärschlamm verbrannt und Phosphor gewonnen. Hierher will auch Lübeck künftig liefern.

Lübeck/Hamburg. Die Hamburger Wasserwerke, zweitgrößter, kommunaler Wasserversorger und Abwasserentsorger Deutschlands, werden für Lübeck immer wichtiger. Seit dem 1. Januar 2009 beziehen die Stadtwerke über vier Millionen Kubikmeter Trinkwasser pro Jahr von den Hamburgern. Ab 2029 sollen die großen Nachbarn jährlich 30000 Tonnen Lübecker Klärschlamm entsorgen.

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So sieht der Deal aus: Hamburg, der Abwasserzweckverband Südholstein mit Sitz in Pinneberg und die Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL) schließen einen öffentlich-rechtlichen Vertrag. Der sieht vor, dass Südholstein und Lübeck ihren Klärschlamm künftig zu einer Verbrennungsanlage namens „Vera“ auf dem Hamburger Köhlbrandhöft schicken dürfen.

Das ist „Vera“

Die Verwertungsanlage für Rückstände aus der Abwasserbehandlung (Vera) verbrennt seit über 20 Jahren den Hamburger Klärschlamm, aber auch den aus anderen Kläranlagen außerhalb Hamburgs. Die Anlage mit zehn großen Faultürmen und der Verbrennungsanlage steht auf dem Köhlbrandhöft.

Der Abwasserzweckverband Südholstein in Pinneberg betreibt nach Angaben der Lübecker Entsorgungsbetriebe die größte Kläranlage in Schleswig-Holstein.

„Wir erhalten für 20 Jahre das Recht, zehn Prozent der Anlage in Hamburg mit zu benutzen“, erklärt EBL-Chef Jan-Dirk Verwey. Die Hamburger bauen die Anlage extra dafür aus. Lübeck müsse dafür aber nichts bezahlen, sagt Verwey: „Die Hamburger bekommen durch die garantierten Mengen aus Südholstein und Lübeck Planungssicherheit.“ Es sei eine Win-Win-Win-Situation, versichert der EBL-Chef. Das Geschäft sei auch gut für den Klimaschutz. Es werde kein Nitrat mehr auf die Äcker gebracht und es werde – wie der Gesetzgeber es vorschreibe – Phosphat aus der Verbrennung zurückgewonnen. Verwey: „Das ist der reinste Umweltschutz.“

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Seit der Gesetzgeber mit Düngeverordnung und Klärschlammverordnung die Ansprüche an die Qualität des Klärschlamms angehoben hat, haben alle kommunalen Entsorger ein Problem. Landwirte wollen das Abfallprodukt der Abwasserbeseitigung nicht mehr auf ihren Feldern aufbringen, weil sie zu hohe Nitrat- und Schadstoffgehalte befürchten. Auch Mikroplastik und Rückstände von Medikamenten finden sich in dem Abfallprodukt. „Wir fahren derzeit unseren Klärschlamm in die neuen Bundesländer, der Rest wird verbrannt“, sagt Verwey. 1,3 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten würden dadurch anfallen. Zu 2019 heben die Entsorgungsbetriebe unter anderem deshalb ihre Abwassergebühren an.

2012 taten sich die drei größten Klärschlammproduzenten Kiel, Lübeck und Südholstein zu einer Kooperation zusammen, um verschiedene Lösungen zu diskutieren. Auch der Neubau einer eigenen Anlage stand zur Diskussion. Das aber will Verwey auf keinen Fall. Im April dieses Jahres stieg Kiel aus. Im Mai bot Hamburg eine Zusammenarbeit an. „Die Hamburger wissen, wie das geht“, sagt der EBL-Chef, „so können wir viele Fehler vermeiden.“ Denn eine Verbrennungsanlage haben die Lübecker nicht.

Früher 20 Euro pro Tonne, heute 75 Euro

Der Lübecker Klärschlamm entsteht in den Faultürmen in der Warthestraße. Nach einer Trocknung enthält er immer noch 75 Prozent Wasser. Dieses Gemisch wird ab 2029 per Lastwagen Richtung Hamburg gefahren. Lkw-Transporte gebe es jetzt auch, sagt Verwey. Die Entsorgungsbetriebe zahlen den Transport und die Behandlungskosten in Hamburg. Der EBL-Direktor: „Das ist deutlich teurer als die landwirtschaftliche Verwertung, aber deutlich günstiger als das, was wir in diesem Jahr für die Entsorgung des Klärschlamms bezahlen.“ Früher wurden die EBL ihren Klärschlamm für 20 Euro pro Tonne bei Landwirten los, jetzt kostet das schon 75 Euro.

Der Werkausschuss gab mehrheitlich grünes Licht für den Vertrag mit Hamburg Wasser. Das letzte Wort hat ohnehin die Bürgerschaft Ende Januar. Die Entsorgungsbetriebe machten klar, dass Zeitdruck bestehe, obwohl das Geschäft ja erst 2029 startet. Enno Thyen, Spartenleiter Stadtentwässerung: „Das Problem brennt auf den Nägeln.“ In Niedersachsen hätten Kommunen bereits Entsorgungsnotstand beim Klärschlamm.

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Kai Dordowsky

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