Situation der Geburtshilfe

Dramatische Situation für Hebammen

Oxana Dotz aus Karlshof erwartet Zwillinge. Ihre Oldenburger Hebamme Nina Lühr hört mit einem hölzernen Stethoskop die Herztöne der Babys ab.

Oxana Dotz aus Karlshof erwartet Zwillinge. Ihre Oldenburger Hebamme Nina Lühr hört mit einem hölzernen Stethoskop die Herztöne der Babys ab.

Oldenburg/Eutin. Weit mehr als tausend Babys erblickten 2018 in Ostholstein das Licht der Welt. Doch das „Wunder der Geburt“ ist harte Arbeit – besonders für die Hebammen, die die Geburt begleiten: Sie haben Tag-und-Nacht-Bereitschaften, hohe Kosten, sinkende Einnahmen und oft kilometerlange Anfahrten. 56 Hebammen sind im Kreis tätig, aber nur 26 arbeiten noch als Geburtshelferin. Die übrigen leisten „nur“ Vor- und Nachbetreuung. Sie müssten bis zu 10 000 Euro pro Jahr für ihre Haftpflichtversicherung aufbringen. Und genau das wollen viele aufgrund der geringen Vergütung nicht mehr. Die schwangeren Frauen haben das Nachsehen.

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Weite Wege zur Entbindung

Die Situation in Ostholstein wird immer schwieriger. Bis Mitte 2014 konnten sich die Frauen entscheiden, ob sie ihr Kind in Oldenburg oder in Eutin zur Welt bringen wollen. Doch im August 2014 wurde die Geburtshilfe Oldenburg geschlossen und in Eutin gebündelt. Viele Frauen hatten plötzlich weite Wege zur Entbindung. Geburten in Rettungswagen auf Autobahnen oder Parkplätzen kamen in den Folgejahren immer wieder vor. Allein 2018 verteilten sich die Notarzt-Einsätze auf Heiligenhafen (2x), Fehmarn, Dahme, Göhl, Quals und Lensahn.

„Wir brauchen für den Kreis Ostholstein ganz dringend ein vernünftiges Versorgungskonzept“, fordert Anke Bertram, Landesvorsitzende des Hebammenverbandes. Sie betont: „Es muss sich dringend etwas tun. Frauen von A nach B zu fahren, das entbehrt doch jeglicher Qualität und Sicherheit.“ Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, soll in Kürze ein „Bündnis zur Geburtshilfe“ aus der Taufe gehoben werden. Dem solle sich – neben Frauen-Organisationen wie Pro Familia – gerne auch der Kreis Ostholstein anschließen.

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Zu geringe Honorare für Hebammen

Bertram weiter: „Das große Problem ist, dass eine ganz normale Geburt nur etwa 280 Euro an Honorar für die Hebamme ergibt. Davon müssen Praxis- und Fahrtkosten sowie Steuern bezahlt werden. Von dem, was übrig bleibt, muss die Hebamme leben und soll noch die Versicherung bezahlen. Das geht einfach nicht.“ Die Kliniken landesweit würden anderweitig auf ihre Kosten kommen und extrem viele Kaiserschnitt-Geburten vornehmen. Der Anteil in Ostholstein liegt bei knapp 30 Prozent, normal wären laut Bertram 10 bis 12 Prozent. „Aber genau diese Praxis macht Schwangerschaften für die Kliniken rentabel“, sagt er.

Viele wollen kürzertreten oder aufgeben

Wie düster die Versorgung von Schwangeren in Ostholstein künftig sein könnte, das skizzierte jüngst Gabriele Hebel, Fachbereichsleiterin für Sicherheit und Gesundheit bei der Kreisverwaltung Ostholstein, im Jahresbericht 2018, den sie gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten Silke Meints im Eutiner Kreishaus vorstellte. Das Fazit von Meints: „Die Hebammen brauchen dringend Unterstützung. Mehr als die Hälfte ist bereits jetzt nicht mehr in der Geburtshilfe tätig.“ Noch schlimmer: Eine Umfrage habe ergeben, dass 65 Prozent der befragten Hebammen künftig kürzertreten oder ganz ihren Beruf aufgeben wollen.

Nur noch acht Hebammen im Nordkreis

Noch ein paar Fakten: Nur noch acht Hebammen sind im Nordkreis tätig – diese bieten ausschließlich die Vor- und Nachversorgung an. Lediglich drei Hebammen kreisweit offerieren noch eine 1-zu-1-Betreuung – das bedeutet das komplette Versorgungsprogramm vor der Geburt, die persönliche Betreuung während der Geburt und die Nachversorgung. Das müssen die Familien extra bezahlen – bis zu 250 Euro werden hierfür in Rechnung gestellt.

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Liste mit allen Hebammen im Internet

Die Homepagedes Hebammenverbandes Schleswig-Holstein bietet eine Fülle von Informationen für schwangere Frauen. Hier werden die Angebote und Möglichkeiten in den letzten Wochen vor der Geburt aufgelistet und erörtert. Außerdem gibt es eine Liste mit allen Hebammen für die Geburtshilfe, aber auch zur Vor- und Nachversorgung, für sämtliche Kreise im Land.

Auf Nachfrage bei der Geburtenstation Eutin wurden von den 1097 Gebärenden 161 nach der Geburt ohne Nachbetreuung entlassen. Das heißt, dass bei knapp 15 Prozent der Frauen keine Hebamme für die Wochenbett-Betreuung eingetragen war. Silke Meints: „Inwieweit dies freiwillig oder unfreiwillig (keine Hebamme gefunden) war, das lässt sich nicht sagen.“

Louis Gäbler

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