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Bosau

Torpedoversuche am Plöner See

Kay Langbehn zeigt die letzten Reste der Startrampe auf dem Plateau über dem Plöner See. Von der V1-Startschleuder sind nur noch die Betonfundamente im Waldboden zu sehen. Fotos (2): Peyronnet

Kay Langbehn zeigt die letzten Reste der Startrampe auf dem Plateau über dem Plöner See. Von der V1-Startschleuder sind nur noch die Betonfundamente im Waldboden zu sehen. Fotos (2): Peyronnet

Bosau. Auch wenn es der eine oder andere vermutet: Der Phosphor aus dem See, der Anfang Oktober einem Mädchen Verbrennungen zufügte, dürfte nicht von dort kommen, denn dort wurde offenbar kein Phosphor verwendet. Interessant ist die Geschichte der Versuchsanstalt dennoch.

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Sie lag dort, wo heute das Jugendfreizeitheim der Deutschen Jugend in Europa (DJO) liegt. Das Hauptgebäude mit dem Speisesaal stammt sogar noch von der Versuchsanstalt. „Das war früher eine große Werkstatt, darunter liegt noch das Fundament für schwere Maschinen“, berichtet Kay Langbehn, Geschäftsführer der Jugendfreizeitstätte. „Wenn wir hier umbauen, werden wir die Fundamente bestimmt nicht anfassen.“ Die DJO-Verein will die Freizeitstätte demnächst modernisieren.

Es gibt nur wenige Zeugnisse aus der Zeit, als in Stadtbek Kriegsgerät getestet wurde. Ein paar körnige Fotos und zwei Berichte. In einem wird das Werkstattgebäude erwähnt. Kurt Pause, der selbst dort arbeitete, schrieb 1982 in einem Beitrag zum Jahrbuch für Heimatkunde: „1939 zogen in Stadtbek zunächst Bauhandwerker ein und errichteten ein Backsteingebäude zur Aufnahme einer mechanischen Werkstatt und von Büroräumen.“ Über das Grundstück schrieb Pause: „Das Gelände, mehr als einen Hektar groß, war für die vorgesehenen Zwecke gut geeignet: eine schmale, ebene Seezone ging in das Steilufer von etwa 15 Meter Höhe über, und oben blieb noch ein ausreichend großes, ebenes Plateau. Die Anlage wurde mit einem zwei Meter hohen Zaun geschützt und scharf bewacht.“

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Bauherr und Betreiber war nicht das Militär, sondern die Kieler Helmuth Walter KG, damals weltweit größte Entwicklungsfirma für Raketentechnik. Gefunden hatte das Gelände der Oberingenieur Emil Kruska, seit 1933 ein enger Mitarbeiter von Helmuth Walter. In dem Buch „Marineunteroffizierschule Plön/Holstein“ von 1974 schreibt Kruska in einem Gastbeitrag: „Im Winter 1939 bereiste der Verfasser den Plöner See, um eine geeignete Uferformation zu finden. Der im Messtischblatt bei Stadtbek am Südende des Plöner Sees mit Höhe 40,8 bezeichnete Platz schien ihm geeignet. Hier konnte mit verhältnismäßig einfachen Mitteln eine Abschussrampe gebaut werden.“

Außer dem Werkstattgebäude ist nicht viel übrig geblieben von der Versuchsstation. Langbehn zeigt eine Metallvorrichtung, die ein paar Zentimeter aus dem See ragt, und Betonfundamente oben auf dem beschriebenen Plateau. Dort war die von Kruska erwähnte Abschussrampe installiert, eine Startschleuder für die „Wunderwaffe“ der Nazis, die V1-Rakete, die aber nie in Bosau war. Getestet wurden die Raketenantriebe mit einer Attrappe, die anstelle des Sprengkopfes torpedoförmige Betonteile trug. Solche Betonköpfe werden von Tauchern noch manchmal im See gefunden, berichtet Langbehn. Unter der Wasseroberfläche finden sich auch noch Stümpfe von Eichenholz.

Im See fand auch „Schwertwal I“ eine vorübergehende Ruhestätte. Der Name bezeichnet ein Einmann-U-Boot, ebenfalls mit Walter-Antrieb. „Es ist nicht mehr fertig geworden und kurz vor Kriegsende im See versenkt worden“, schreibt Kruska. Langbehn erzählt, der „Schwertwal“ sei später im See gefunden und in den 1960er-Jahren von Tauchen geborgen und abtransportiert worden. Der Prototyp wurde verschrottet.

Und dann war da noch der Titanenfurz. So nannten laut Pause die Mitarbeiter der Versuchsanlage das Brüllen der Triebwerke eines Raketentyps, der für die Invasion Englands eingesetzt werden sollte.

Pause schreibt: „Der Düsenstrahl bewirkte eine Rückstoßkraft von 20000 Kilogramm, fünf Sekunden lang. Hierfür wurde am Steilufer in Stadtbek ein Betonbunker gebaut, in dem das Triebwerk nach unten blies. Der ausgetretene Strahl wurde um 90 Grad umgelenkt und verwirbelte über der Seefläche.“ Das gewaltige Trompeten habe sich angehört wir das Lebensgeräusch eines Urzeitwesens. Oder eben wie ein Titanenfurz.

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Susanne Peyronnet

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