Hilfe im Advent

Schleppen, packen, schnacken: Ein Tag im Fahrer-Team der Tafel Segeberg

Tonnen von Lebensmitteln sammeln die Fahrer der Segeberger Tafel täglich ein - ein ehrenamtlicher Knochenjob, wie ein Arbeitstag im Team zeigt.

Tonnen von Lebensmitteln sammeln die Fahrer der Segeberger Tafel täglich ein - ein ehrenamtlicher Knochenjob, wie ein Arbeitstag im Team zeigt.

Bad Segeberg. Die Arbeitshandschuhe sind übergestreift, zur Arbeitshose gesellt sich Zwiebellook in mehreren Schichten hinzu. Die erste besteht aus der dunkelblauen Weste mit dem roten Schriftzug "Segeberger Tafel". Punkt 8.30 Uhr: Holger Kasischke aus Seth kommt auf den Hof an der Efeustraße in Bad Segebrg und schmettert ein fröhliches "Moin" in die Runde der Fahrer, die gerade dabei sind, leere Klappboxen in einen Transporter zu packen. Holger – "hier duzt man sich", sagt der 57-Jährige nachdrücklich – hat statt seiner Teamkollegin Ilka aus Leezen mich Grünschnabel für die "kleine Montagstour" an der Backe. Als LN-Reporterin will ich eintauchen in den Arbeitsalltag der Fahrer der Segeberger Tafel – und natürlich mit anpacken.

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Holger ist Pensionär und im Team, seit sein alter Arbeitgeber umstrukturiert hat. Er ist verhältnismäßig jung, kräftig, strukturiert und hat immer einen lockeren Spruch parat. Kollege Wolfgang kommt um die Ecke. Ein kurzer Schnack, dann starten die Touren.

Holger Kasischke kennt alle Hinterhöfe der Lebensmittelmärkte und Discounter in und um Bad Segeberg.

Holger Kasischke kennt alle Hinterhöfe der Lebensmittelmärkte und Discounter in und um Bad Segeberg.

Die von Holger und mir führt zunächst nach Nahe zu Aldi und Lidl. Gegen 10 Uhr ist Rewe in Leezen dran. Das Prozedere ähnelt sich: Kurzer Stopp vor dem Eingang und während ich im Laden fröhlich „Hallo“ sage, parkt er am Hintereingang vor der Laderampe. „Hier, das ist für euch“, sagt die freundliche Mitarbeiterin und zeigt auf gestapelte Lebensmittel und Eimer mit Blumen.

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Von montags bis freitags sind Segebergs Tafelfahrer unterwegs, kennen die Besonderheiten ihrer Lebensmittelspender, haben eine lange Liste von Discountern, Super- und Drogeriemärkten, von Tankstellen, Bauern und Bäckern. 350 Liter Sprit im Monat spendiert die Firma Jorkisch für die Transporter.

Um dem Innendienst die Arbeit ein bisschen zu erleichtern, wird grob vorsortiert. „Gehört für mich zum Job, steht aber jedem Fahrer frei“, sagt Holger. Das Haltbarkeitsdatum wird noch einmal gecheckt. Milchprodukte können drüber sein, doch auf manchen Fleisch-Packungen steht „zu verzehren bis“. Sushi, Hühnchen, Lachs und ähnliche Produkte werden genauer inspiziert. „Mein Tipp: Halt die Packung an die Wange und fühle, ob’s kalt ist, wenn du unsicher bist“, rät mir mein Boss für einen Tag. „Sind Erfahrungswerte“, schiebt er nach.

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36 Fahrer sind für Segebergs Tafel unterwegs

Ein geschulter Blick, ein paar Handgriffe und erste, selbst für die Tafel ungeeignete Lebensmittel landen in der Drangtonne, Kartons im Altpapier, Plastik im Gelben Sack. „Das müsste ich nicht tun. Auch das hält jeder unserer 36 Fahrer so, wie er meint“, sagt Holger. Im Schnitt komme er auf zwei Tonnen pro Laden und Abholtag, die ein Geschäft durch die Kooperation mit der Tafel einspare. Für ihn sei das so ein Win-win-Ding.

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LN-Aktion „Hilfe im Advent“: So können Sie spenden

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade in diesem Jahr machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Zukunft. Ihnen fehlt es schon jetzt an den grundlegendsten Dingen. Die Spendenaktion der LN-Leser „Hilfe im Advent“ 2022 setzt sich daher für Menschen ein, die es in diesem Winter besonders schwer haben. Unter dem Motto „Essen, Wärme, Licht – LN-Leser sammeln für die Tafeln“ rücken die LN in der Adventszeit die Segeberger Tafel in den Blickpunkt, die dabei hilft, die Not bedürftiger Menschen so gut wie möglich zu lindern. Die Tafel hat Ausgabestellen in Bad Segeberg und Wahlstedt.

Gemeinsam mit der Freiwilligenagentur ePunkt und in Kooperation mit der Sparkasse Südholstein möchten wir zeigen, wie diese Menschen in unserer Region Solidarität erfahren und aufgefangen werden: mit allem, was man für gesunde Mahlzeiten braucht und auch mit einer großen Portion Herzensgüte.

Bitte, liebe LN-Leserinnen und Leser, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, dass diese Menschen gut durch die kalte Jahreszeit kommen und danach wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken können. Vielen Dank!

Das Spendenkonto:Empfänger: ePunkt e.V. Segeberg;Konto: DE60 2305 1030 0511 4738 03Sparkasse Südholstein Verwendungszweck: Spende Hilfe im Advent. Der aktuelle Spendenstand beträgt 3895 Euro.

Schwere Kohlköpfe, Steckrüben, Kartoffeln oder Melonen nach unten, empfindliches Obst und Tomaten oben drauf, so füllt sich Kiste um Kiste. Immer drei übereinander gestapelt warten auf der fast 1,80 Meter hohen Laderampe, um ins Tafel-Kühlauto verfrachtet zu werden. Ich komme da kaum ran, erst an die unteren Behälter, bin also keine große Hilfe. Aber beim „Kisten-Tetris“, dem sicheren Verstauen im Transporter, mache ich wieder Boden gut, spüre nach den ersten Discountern jedoch schon deutlich jeden Muskel und jeden Knochen.

Trotz der Arbeitshandschuhe werden die Fingernägel immer schwärzer. Irgendwo muss ich in eine geplatzte Tomate oder eine schimmelige Orange gegriffen haben. Jedenfalls riechen meine klebrigen Fingerlinge so. Egal. Ein bisschen Desinfektionsmittel auf die Hände, die Handschuhe kurz abgewischt, ein kräftiger Schluck Mineralwasser und weiter geht’s.

Knochenjob als Ehrenamt

„Ich bin am überlegen, ob ich Günther nicht mal ’ne Mail schicken soll“, sagt Holger, während er den Wagen über die B 432 lenkt. Damit meint er Daniel Günther, den Ministerpräsidenten. „Jeder Trainer eines Fußballclubs bekommt eine kleine Aufwandsentschädigung. Wir nicht.“ Sein Vorschlag: „Vielleicht eine festgelegte Steuererleichterung oder irgend etwas in der Richtung. Wir übernehmen Dinge, die für den Staat teuer wären, wenn er sie machen müsste.“

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Gar nicht so verkehrt, denke ich, als wir auf den Hof der Tafel einbiegen. Bevor die Runde in Bad Segeberg fortgeführt wird, steht Entladen an. Wir schieben unsere vollgepackten Kisten in den Abgaberaum zu den anderen. Das Innendienst-Team steht hier seit zehn Uhr. Es sortiert, putzt aus, bestückt die Regale und bereitet die Ausgabe vor.

Zeit für einen Kaffee, dann geht es weiter zu Kaufland, wo uns unter anderem – Tafelkunden bekommen so etwas immer antizyklisch – ein Berg Strandspielzeug erwartet. Edeka und Penny sind die letzten, die wir anfahren. Für mich ist nach der groben Reinigung des Autos Feierabend. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine heiße Dusche und ein dickes Mettwurstbrot. Mir graust es vor dem Muskelkater am nächsten Tag, während Holger Kasischke mit einem lockeren Spruch schon wieder konzentriert über Listen und Fahrplänen hockt.

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