Hilfe im Advent

Segeberger Tafel am Limit: Zwischen Lebensmittelrettung und Hilfe für Bedürftige

Jakob Jelschen (27) ist der jüngste, der ehrenamtlich bei der Tafel in Bad Segeberg mit anpackt. Er ist arbeitslos – gesundheitliche Gründe – und an diesem Ausgabetag zuständig für die Kartoffeln: „Ich will einfach nicht zu Hause herum hocken.“

Jakob Jelschen (27) ist der jüngste, der ehrenamtlich bei der Tafel in Bad Segeberg mit anpackt. Er ist arbeitslos – gesundheitliche Gründe – und an diesem Ausgabetag zuständig für die Kartoffeln: „Ich will einfach nicht zu Hause herum hocken.“

Bad Segeberg/Wahlstedt. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, als sich die Ersten mit ihren großen Tüten auf dem Gehweg an der Efeustraße einreihen: alleinerziehende Mütter, mal mit, mal ohne ihre Kinder, Flüchtlinge, Hartz-IV-Empfänger, Senioren, deren kleine Rente vor einem Jahr gerade eben noch zum Leben gereicht hat und die, die Energiekrise nun mit voller Wucht trifft. Ein Querschnitt derer, die es nicht leicht haben. Sie kommen hier regelmäßig zusammen, um von der Segeberger Tafel mit Lebensmitteln versorgt zu werden.

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Frührentner Eckhard hat sich zeitig mit seinem „Hackenporsche“ angestellt, so wie alle zwei Wochen. Er wolle zu den ersten gehören, wenn die Nummern vergeben werden, die seit der Corona-Pandemie die Einlass-Reihenfolge beim Laden ohne Kasse geordnet festlegen. Wir haben uns darauf verständigt, nur Vornamen zu nennen, wie bei allen Betroffenen. Kunde bei der Tafel zu sein, das müsse niemand wissen. Es hilft, ist aber ein Stigma. Der 64-Jährige zückt seinen Tafelkunden-Ausweis als Helferin Martina Hedke um die Ecke kommt und ihm seine Einkaufsnummer aus der kleinen Pappschachtel reicht.

Jeder, der bei der Tafel ansteht, hat seine Geschichte

Auf der anderen Straßenseite sitzen Schakida und andere aus Afghanistan geflüchtete Frauen auf mitgebrachten Klappstühlen, bis sie an der Reihe sind. „Die Tafel hilft sehr“, sagt die 38-Jährige. „Mein Mann arbeitet, aber das Geld reicht einfach nicht für uns und unsere drei Kinder.“ Jeder hier auf dem schmalen Gehweg hat seine Geschichte.

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Ausgabetag in Bad Segeberg: Schon eine halbe Stunde vor Öffnung stehen die Menschen in einer langen Schlange an der Efeustraße. Martina Hedke von der Tafel verteilt Nummern an die Wartenden, damit die Abgabe geregelt läuft.

Ausgabetag in Bad Segeberg: Schon eine halbe Stunde vor Öffnung stehen die Menschen in einer langen Schlange an der Efeustraße. Martina Hedke von der Tafel verteilt Nummern an die Wartenden, damit die Abgabe geregelt läuft.

Rentnerin Dörte (75) zieht die Mütze ins Gesicht und den Mundschutz über die Nase. „Im Moment geht es mir gut. Es ist nicht so kalt wie gedacht. Man kann hier ein bisschen schnattern, hat Gesellschaft, darum nehme ich das Warten gerne in Kauf.“ Ihre Heizung bleibe noch kalt. Statt Lampen würden zu Hause Kerzen brennen. „Ich spare, wo ich kann, aber ich sehe nach vorne, bin nicht pessimistisch.“ Das fällt Viola (53) deutlich schwerer: „Mein Mann kontrolliert jeden Monat unsere Kosten. Im Oktober haben wir 150 Euro mehr für alles bezahlt als sonst. Es wird noch enger.“ Julia aus Trappenkamp gesellt sich mit einem fast fröhlichen „Hallo ihr alle, wie ist die Lage“ dazu. Wie ihre eigene Lage ist, wie sie den Alltag meistert, dazu will sie uns im Dezember bei einem Besuch bei ihr Zuhause mehr berichten.

Aktion „Ein Teil mehr im Korb“: Kundin Cornelia Rueß (l.) hat die letzten Schokolollis im Regal ergattert, Nudeln, Mehl und Kaffee eingekauft um alles zu spenden. „Ich finde es ist Luxus, dass ich kaufen kann, was ich will. Wenn ich dann die lange Schlange an der Tafel sehe, das ist erschreckend. Den Menschen will ich helfen.“ Sehr zur Freude von Tafelhelferin Monika Neumann und ihrem ehrenamtlichen Kollegen Niels Schröder ist die Spendenbereitschaft groß.

Aktion „Ein Teil mehr im Korb“: Kundin Cornelia Rueß (l.) hat die letzten Schokolollis im Regal ergattert, Nudeln, Mehl und Kaffee eingekauft um alles zu spenden. „Ich finde es ist Luxus, dass ich kaufen kann, was ich will. Wenn ich dann die lange Schlange an der Tafel sehe, das ist erschreckend. Den Menschen will ich helfen.“ Sehr zur Freude von Tafelhelferin Monika Neumann und ihrem ehrenamtlichen Kollegen Niels Schröder ist die Spendenbereitschaft groß.

Im Rahmen der LN-Aktion "Hilfe im Advent" werden LN-Reporter hinter die Kulissen blicken, mit anpacken und die Geschichten der Menschen auf dieser und der anderen Seite des Segeberger Tafel-Tresens erzählen. Wir gucken, wie die Sammelboxen, "Ein Teil mehr im Korb" und andere Aktionen laufen, geben Einblicke in den Betrieb und stellen Spender vor.

„Hilfe im Advent“: So können Sie spenden

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade die in diesem Jahr machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Zukunft. Vielen fehlt es schon jetzt an den grundlegendsten Dingen. Die Spendenaktion der LN-Leser „Hilfe im Advent“ 2022 setzt sich daher für Menschen ein, die es in diesem Winter besonders schwer haben. Unter dem Motto „Essen, Wärme, Licht – LN-Leser sammeln für die Tafeln“ rücken die LN in der Adventszeit die Segeberger Tafel in den Blickpunkt, die dabei hilft, die Not bedürftiger Menschen so gut wie möglich zu lindern. Die Tafel hat Ausgabestellen in Bad Segeberg und Wahlstedt.

Gemeinsam mit der Freiwilligenagentur ePunkt und in Kooperation mit der Sparkasse Südholstein möchten wir zeigen, wie diese Menschen in unserer Region Solidarität erfahren und aufgefangen werden: Mit allem, was man für gesunde Mahlzeiten braucht und auch mit einer großen Portion Herzensgüte.

Bitte, liebe LN-Leserinnen und Leser, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, dass diese Menschen gut durch die kalte Jahreszeit kommen und danach wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken können. Vielen Dank!

Das Spendenkonto:

Empfänger: ePunkt e.V. Segeberg;Konto: DE60 2305 1030 0511 4738 03Sparkasse SüdholsteinVerwendungszweck: Spende Hilfe im Advent

Weit über 430 Ausweise sind an Bedürftige ausgegeben. Hinter manchem steckt eine Einzelperson, doch hinter den meisten ganze Familien. Mit der Ausgabestelle in Wahlstedt zusammen dürften es mehr als 1500 Menschen sein, die vom Laden ohne Kasse mit Nahrungsmitteln und gelegentlich auch anderen Gebrauchsartikeln versorgt werden. Aus einem sind drei Ausgabetage geworden. Was mit 50 Broten, 100 Brötchen, einigen Schachteln Wurst, Käse, Gemüse und Fisch, die unter 50 Bedürftigen dankbare Abnehmer fanden, vor fast 25 Jahren begann, ist heute ein Fünf-Tage-Betrieb mit kleinem Fuhrpark und 120 Helfern. Ein Ehrenamt am Limit.

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Dachverband der Tafeln zählt 50 Prozent mehr Kunden

Einer von denen, die helfen, ist Jakob Jelschen. Als jüngster im Team ist der 27-Jährige heute zuständig für die Verteilung von Kartoffeln. Er ist selbst arbeitslos. „Gesundheitliche Gründe“, sagt er knapp, jetzt, wo er Zeit habe, wolle er mit anpacken. „Ich will einfach nicht Zuhause rumhocken. Darum helfe ich hier.“ Noch nie in seiner Geschichte hatte die Segeberger Tafel so viel zu tun wie jetzt. Lebensmittel verteilen, statt sie zu vernichten als ökologischer Ansatz, ist das eine. Der humanitäre Einsatz für diejenigen, die sonst nicht über die Runden kämen, der bedeutendere Teil.

Wie groß die Not durch den Ukraine-Krieg, die dadurch entstandene Energiekrise und die steigende Inflation ist, zeigt ein Blick über den Tellerrand: Der Dachverband der deutschen Tafeln hat aktuell einen Kundenanstieg von 50 Prozent ermittelt. Die Tafel München hat im Oktober ein „Hungertelefon“ für Notfälle eingerichtet, um tagsüber diejenigen, die wirklich nichts im Kühlschrank haben, akut zu versorgen. Und aus London macht die Schlagzeile „Eat or heat“ – übersetzt: Essen oder heizen – deutlich, wie sehr die Situation denen zusetzt, die eigentlich schon gar nichts mehr zuzusetzen haben.

Der Tatsache, dass Discounter stärker auf den Lebensmittelumschlag achten, statt immer alle Produkte verfügbar vorzuhalten, und somit weniger Spenden reinkommen, steht die wachsende Zahl der Tafelkunden gegenüber. Der Druck ist hoch. "Wir haben eine Warteliste. Das ist schlecht. Wir wollen niemanden wegschicken", sagt Kirsten Tödt, Segebergs Tafel-Vorsitzende. "Andere Tafeln machen dicht, weil es ihnen zu viel geworden ist, aber wir sind uns alle einig, dass wir das auf keinen Fall wollen", betont sie nachdrücklich. "Darum tut Hilfe dringend Not."

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