Hilfe für Ukraine

Ukrainer in Bad Segeberg gestrandet: Sie wollen in der Heimat kämpfen

Die Bad Segebergerin Liudmyla Lieber (l.) hilft ihren Freunden aus der Heimat nördlich von Kiew: Iryna und Dmytro Tkachenko.

Die Bad Segebergerin Liudmyla Lieber (l.) hilft ihren Freunden aus der Heimat nördlich von Kiew: Iryna und Dmytro Tkachenko.

Bad Segeberg. Ivankiv, das ist ein Ort fast so groß wie Bad Segeberg, erklären die Ukrainer. Für die Armee ist er völlig uninteressant. Militär oder andere strategische Ziele gibt es hier nicht. Und doch hat ihr Heimatort ein katastrophales Problem: Er liegt direkt zwischen Weißrussland und Kiew. Es ist die Einflugschneise der russischen Truppen, die aus dem Norden kommen und in die ukrainische Hauptstadt vorrücken wollen. „Wir haben Angst, dass unsere Heimat von der Landkarte verschwindet“, sagt Liudmyla Lieber. Seit dem 24. Februar 2018 ist sie Bad Segebergerin, betreibt ein Kosmetikstudio in der Kaiser-Lothar-Allee. „Genau auf den Tag, vier Jahre später, hat Wladimir Putin entschieden, in mein geliebtes Heimatland einzufallen“, erzählt sie.

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Sie hat nächtelang nicht geschlafen. Der Schock steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie kann nicht glauben, was passiert. Bei ihr sind Iryna und Dmytro Tkachenko, Freunde aus Ivankiv. Noch in der vergangenen Woche war das Paar im Urlaub in Ägypten gewesen. Bis der Krieg sie überraschte. Der gesperrte Luftraum machte die Rückreise plötzlich unmöglich. Liudmyla Lieber und ihr Mann setzten sich spontan ins Auto, um die beiden aus Frankfurt am Main abzuholen. Jetzt sind sie in Bad Segeberg gestrandet. Und wollen so schnell es geht zurück, um ihr Land zu verteidigen, sagen sie.

Truppen marodieren 70 Kilometer vor Kiew

„Bis nach Kiew sind es 70 Kilometer, bis nach Weißrussland ungefähr 40. Die Truppen nehmen diese Route, kommen jedoch nicht weiter“, berichtet sie. Wege seien zerstört und Brücken gesprengt worden. „Die Menschen sitzen dort fest. Seit vier Tagen und Nächten harren sie in ihren kalten Kellern aus und versuchen schlicht zu überleben.“ Denn die Panzer drehen dort ihre Runden. „Die russische Armee hinterlässt eine Spur der Vernichtung“, berichtet Lieber. Wohnhäuser, Krankenhäuser, Apotheken und andere zivile Einrichtungen würden zerstört, ohne jede Rücksicht. Kämpfe gebe es zwar überall im Land, doch ihr Heimatort sei inzwischen von jeder Logistik abgeschnitten. „Keiner kommt raus.“

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Alle sorgen sich um Familienmitglieder oder Freunde, die sich weigerten, den Ort zu verlassen. Sie wollen sich den Invasoren widersetzen. Ihr Bruder habe sich freiwillig beim Militär gemeldet. „Er ist irgendwo an der Front. Wir wissen nicht, wo er ist“, sagt die Segebergerin. Grausige Geschichten können sie inzwischen viele erzählen. Furchtbare Bilder und Videos häufen sich, die sie erreichen. Auch Nachrichten über Tote. Obwohl Bilder des zerstörten Ortes, den sie kennen, schwerlich gefälscht werden können, sind sie bei Inhalten überaus vorsichtig. Es gebe ganze Gruppen von Bekannten, die nichts anderes tun, als Nachrichten zu filtern und auf Echtheit zu überprüfen. Ob zum Beispiel die Wasserversorgung noch funktioniert oder nicht, wer weiß das schon so genau.

Transporter für Hilfslieferung in die Ukraine gesucht

Iryna und Dmytro Tkachenko wollen einen Transporter oder größeres Fahrzeug kaufen, der sie bis zur Ukraine bringt. Es muss nicht neu sein, aber gut gerüstet für die 2000 Kilometer lange Fahrt. In den kommenden Tagen, wenn alle Dokumente zusammengestellt sind, wollen sie aufbrechen. Sie wollen so viel nützliches Material mitnehmen, wie möglich.

Liudmyla Lieber richtet dafür eine Sammelstelle bei ihrem Kosmetiksalon „Lieber Schön“ im Bad Segeberger Gewerbegebiet in der Kaiser-Lothar-Allee 11a ein. Gespendet werden sollten nur Dinge, die konkret helfen, zum Beispiel: Hygieneartikel, Verbandsmaterial, Schmerzmittel und Medikamente, Verbandskästen, Isomatten und Thermodecken, Stirnlampen, Babynahrung, warme Kleidung, auch für Kinder. Wer möchte, kann dort auch Spenden für Sprit abgeben.

Kontakte nach Hause brechen immer wieder ab

Doch klar ist für sie die aussichtslose Lage ihrer Landsleute. Der Kontakt breche immer wieder ab. Die russische Armee schieße in Ivankiv derweil auf alles, was sich bewegt: Notdienste, Brotlieferanten oder die Feuerwehr. Gleichzeitig nehmen die drei Freunde in Bad Segeberg gerade alle Kraft zusammen, um Hilfslieferungen zu starten. „Wir wollen so schnell es geht zurück“, sagt Iryna Tkachenko. Sie ist gelernte Krankenschwester, ihr Mann war Feuerwehrmann in Tschernobyl. Er will kämpfen, sie will helfen. Liudmyla Lieber übersetzt, was sie erzählen.

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„Wir wollen ein Auto kaufen und dann so viel wie möglich mitnehmen“, erklärt Iryna  Tkachenko. Alles, was nicht in den Wagen passt, wird später gefahren. Lieber hat Kontakte zu Logistikern an der Grenze zwischen Ungarn und der Ukraine. In Bad Segeberg bereiten sie gerade alles dafür vor, um eine Sammelstelle einzurichten. Sie hoffen, dass sie zumindest bis in die Nähe der Heimat kommen. „Die Russen haben keine sozialen Netzwerke und können sich nicht orientieren, weil die ukrainische Armee dazu aufgerufen hat, Straßenschilder zu entfernen. Dadurch gehen sie sehr aggressiv vor“, berichtet ihr Mann, der von der Halbinsel Krim stammt und sowohl russisch als auch ukrainisch spricht. „Die Versorgung ist katastrophal. Wir hoffen, dass wir es bis Ivankiv schaffen.“

Immer wieder äußern sie sich fassungslos. Dass sie in diesem Moment überhaupt zusammensitzen und über diese Dinge reden müssen. Der seelische Druck sei groß, erzählen sie. Dass die moderne Gesellschaft, für die ihre Eltern und Großeltern mit eigener Kraft so hart gearbeitet haben, jetzt dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Die Tränen fließen, aber auch wegen der enormen Hilfsbereitschaft und der weltweiten Solidarität. „Unser großer Dank gilt dem deutschen Volk. Die vielen Menschen auf den Straßen, das alles gibt uns so viel Kraft“, sagt Dmytro Tkachenko. Er möchte ausdrücklich, dass die Menschen das wissen. Angst vor den Kämpfen in der Ukraine, sagen beide, haben sie nicht. „Wir haben gar keine Emotionen. Da ist nur noch Adrenalin.“

Von Irene Burow

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