Bürger-Stiftung Stormarn

Hilfe für kranke Seelen: Beratung auf der Schulbank

v.l.: Leonie (15), Katharina (15), Maik (15), Robert (16) und Maximilian (16) aus Großhansdorf beschäftigen sich in einer Gruppenarbeit mit dem Thema Solidarität.

v.l.: Leonie (15), Katharina (15), Maik (15), Robert (16) und Maximilian (16) aus Großhansdorf beschäftigen sich in einer Gruppenarbeit mit dem Thema Solidarität.

Bad Oldesloe. Der Moment, als Michael Biesel am S-Bahnhof Aumühle mit dem Gedanken spielt, vor die einfahrende Bahn zu springen, wird ihm immer in Erinnerung bleiben. Genauso wie sein einziger Tag in der geschlossenen Psychiatrie-Abteilung einer Klinik. „Das waren absolute Tiefpunkte meines Lebens, in denen mich Depression und Sucht fest im Griff hatten“, sagt Biesel.

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Seine Worte machen Eindruck: Die Klasse 10a der Großhansdorfer Friedrich-Junge-Gemeinschaftsschule hängt an seinen Lippen, als er von der Zeit, die sechs Jahre zurückliegt, berichtet. Der 59-Jährige ist an diesem Vormittag gemeinsam mit Sozialpädagogin Larissa Wende von der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) beim 10. Jahrgang zu Gast, um psychischen Erkrankungen und Süchten das Stigma zu nehmen.

„Verrückt! Na und?“ heißt das Projekt, das sich an Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse und Berufsschulen richtet. Die Eheleute-Schmöger-Stiftung unter dem Dach der Bürger-Stiftung Stormarn sowie die Sparkassen-Sozialstiftung Stormarn machen Termine wie diesen mit ihrer finanziellen Unterstützung erst möglich. Für das laufende Schuljahr haben beide Stiftungen jeweils 5000 Euro zur Verfügung gestellt, ebenso haben sie für 2023 erneut ihre Förderung zugesichert.

Essstörungen, Depressionen und Ängste nehmen weiter zu

Ursula Pepper, Projektverantwortliche der Bürger-Stiftung und Vize-Vorsitzende des Stiftungsbeirats, hat Projekttage wie diesen begleitet und erlebt, wie gut das Angebot bei den Jugendlichen ankommt. „Viele Schulen kennen das Projekt noch nicht, dabei ist der Bedarf an Aufklärung groß“, sagt Pepper. „Depression ist eine häufig mit großem Leiden verbundene, sogar lebensgefährliche und zugleich unterschätzte Krankheit. Wichtig ist, dass die Depression als Krankheit erkannt und zeitnah behandelt wird, dann ist sie durchaus heilbar.“ Es sei nicht nur die Pubertät als Umbruchsituation, die Heranwachsende verunsichert und belasten kann. Auch die Auswirkungen von Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation und stark gestiegenen Energiekosten setzten Kindern und Jugendlichen zu, so die ehemalige Ahrensburger Bürgermeisterin.

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Sozialpädagogin Larissa Wende betreut das Projekt.

Sozialpädagogin Larissa Wende betreut das Projekt.

Der aktuelle Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit belegt die Folgen für die Gesundheit allein durch die Pandemie: Essstörungen wie Magersucht und Bulimie, aber auch Adipositas nahmen 2021 in Schleswig-Holstein dramatisch zu, ebenso seelische Störungen wie Depressionen und Ängste. Vor allem Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren leiden mit einer Steigerungsrate von 38 Prozent deutlich häufiger unter Depressionen als vor der Pandemie. Die Rate an Angststörungen ist sogar um mehr als zwei Drittel gestiegen. „Das sind besorgniserregende Zahlen, die deutlich machen, wie wichtig Aufmerksamkeit für das Thema und Hilfsangebote sind“, sagt Ralph Klingel-Domdey, Vorstandsmitglied der Bürger-Stiftung Stormarn. „Umso wertvoller ist das Engagement der Schmöger-Stiftung unter dem Dach unserer Bürger-Stiftung Stormarn. Und ganz besonders der persönliche Einsatz von Ursula Pepper. Wir brauchen als Gesellschaft solche Initiativen, um den akuten Problemen begegnen zu können.“

„Wir haben etliche Schüler, die sich zurückgezogen haben“

Die Auswirkungen der Pandemie sind auch im 10. Jahrgang der Friedrich-Junge-Gemeinschaftsschule deutlich zu spüren. Die achte Klasse hatten die Jugendlichen, die seit fünf Jahren eine Gemeinschaft bilden, überwiegend im Homeschooling verbracht, persönliche Begegnungen wurden zur Seltenheit. Dafür wuchsen persönliche Probleme. Ess- oder Angststörungen, aber auch das Leben mit psychisch erkrankten Eltern sind an diesem Vormittag ein Thema.

Michael Biesels Schilderungen seiner Alkoholsucht und schweren Depression haben Hemmungen abgebaut. Klassenlehrerin Bettina Palder ist dankbar für die Auszeit vom Schulalltag: „Das Projekt bietet einen geschützten Raum. Es war schön zu erleben, wie gut die Schülerinnen und Schüler das Angebot aufgenommen haben.“ Die Pandemie habe den Bedarf an Gesprächen, Beratung und Hilfestellung verstärkt. „Wir haben etliche Schüler, die sich zurückgezogen haben“, erzählt Palder. „Der russische Angriff auf die Ukraine, aber auch die Folgen des Klimawandels verunsichern die Kinder und Jugendlichen.“

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Psychische Gesundheit ist bedeutsames Thema an Stormarns Schulen

2021 war „Verrückt! Na und?“ zum ersten Mal zu Gast an der Friedrich-Junge-Schule, im Angebot der SVS ist es seit 2019. „In den sechsstündigen Programmen geht es um Süchte, auch mit Blick auf Soziale Medien, Drogen, Alkohol, Schulstress, Mobbing, psychisch kranke Eltern oder andere Belastungen in der Familie, Krankheit, Suizid, aber auch Zukunftssorgen“, sagt Larissa Wende, Projektverantwortliche der SVS. „Die Schülerinnen und Schüler können thematische Schwerpunkte wählen.“ Das Projekt war bereits an 60 Gemeinschaftsschulen und 40 Gymnasien in Schleswig-Holstein im Einsatz. „Wir verzeichnen wieder eine deutlich gestiegene Nachfrage“, sagt Wende. Psychische Gesundheit bleibe ein bedeutsames Thema in den Schulen. „Es wäre daher wünschenswert, dass auch die Politik auf Landes- und Bundesebene die Lehrkräfte angesichts steigender Zahlen psychisch belasteter Kinder durch mehr Fachpersonal unterstützt“, betont Ralph Klingel-Domdey.

Jugendliche lernen Warnsignale zu erkennen

Die Teilnahme der Lehrkraft an dem Projekttag ist verpflichtend. „Es ist wichtig, dass sie die Klasse anders erlebt“, erklärt Wende, die Bettina Palder am Ende des Schultags einen Handlungsleitfaden aushändigt, während die Schüler einen Flyer mit Kontaktdaten nützlicher Anlaufstellen im Kreis erhalten. Die 18 Jungen und Mädchen der 10a haben viel gelernt heute. Sie kennen nun Warnsignale psychischer Krisen, haben Ängste und Vorurteile gegenüber psychischen Krisen und Betroffenen hinterfragt, erfahren, was ihre Seele stärken kann und was es für ein achtsames Miteinander in der Schulgemeinschaft braucht. Aber vor allem haben sie einander vertraut und sich ausgetauscht.

Hier gibt es Hilfe

Beratungsstunden für Angehörige depressiv Erkrankter (Bürger-Stiftung Stormarn): Jeden Montag von 10 bis 12 Uhr. Jeden 1. und 3. Dienstag im Monat von 16 bis 18 Uhr und jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat von 18 bis 20 Uhr in Ahrensburg im Peter-Rantzau-Haus (Manfred-Samusch-Straße 9, ohne Anmeldung).

Jugendberatung: Beratungszentrum Südstormarn Reinbek (Völckers Park 8, Tel. 040 / 727 384 50), Ev. Beratungsstelle Stormarn Ahrensburg (Große Str. 16 – 20, Tel. 04102 / 537 66), Ev. Beratungsstelle Stormarn Bad Oldesloe (Ratzeburger Str. 26, Tel. 04531 / 864 37), Unterstützungsangebote der Awo Ahrensburg (Große Str. 28-30, Tel. 04012 / 211 54 57)

Beratung für psychisch kranke Eltern: Psychosoziale Kontaktstelle der Awo Ahrensburg (Manhagener Allee 17, Tel. 04102 / 999 222), Beratungszentrum Südstormarn (Völckers Park 8, Tel. 040 / 727 384 50)

Suchtprobleme: Beratungszentrum Südstormarn in Reinbek (Völckers Park 8, Tel. 040 / 727 384 50), in Barsbüttel (Soltausredder 20, Tel. 040 / 670 20 45), in Trittau (Heinrich-Hertz-Str. 10, Tel. 04154 / 828 28) und in Glinde, (Möllner Landstr. 53, Tel. 040 / 710 24 69), Suchtberatung Ahrensburg Therapiehilfe (Große Str. 14, Tel. 04102 / 302 51), Suchtberatung Bad Oldesloe Therapiehilfe (Mommsenstr. 7, Tel. 04531 / 189 060)

Wenn auch Sie dieses oder andere Hilfsprojekte unterstützen möchten, wenden Sie sich an die Bürger-Stiftung Stormarn, Hagenstraße 19, 23843 Bad Oldesloe, per Mail an info@buerger-stiftungstormarn.de. Rückfragen beantwortet Stiftungsreferent Jörg Schepers, Telefon 04537/ 70 700 13. Kontakt: Jörg Schepers

„Ich fand den Tag sehr gut“, sagt Robert (16). „Wir haben über Tabuthemen gesprochen, die Leute haben sich geöffnet. Ich weiß jetzt besser, wie ich Menschen ansprechen kann, wenn sie Probleme haben.“ Seinem gleichaltrigen Klassenkameraden Maximilian fiel das Sprechen über Persönliches in der Gruppe sogar leichter als in der Freizeit, wie er selbst sagt: „Und ich habe Neues über andere und über psychische Störungen gelernt. Der Tag verbindet uns als Klasse stärker und hilft zu verstehen, wenn einer so ist, wie er ist.“

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Von Petra Sonntag

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