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Schottland ganz düster

„Sie hassen Kinder“: Magenta TV zeigt Irvine Welshs Thrillerserie „Crime“

Sitzt der Falsche hinter Gittern? Ray Lennox (Dougray Scott) versucht seine Kollegin Amanda Drummond (Joanna Vanderham) zu überzeugen, dass der als „Confectioner“ bekannte Kinder­mörder weiterhin auf freiem Fuß ist. Szene aus der Serie „Crime“.

Bei den Anonymen Alkoholikern wirft Ray Lennox seine Rüstung ab. Der Polizist ist erschüttert vom tagtäglichen Umgang mit den „menschlichen Trümmer­teilen“, auf die er bei seiner Arbeit stößt. Getrunken hat er, weil er den „Abschaum“ vergessen musste. Alles an Lennox ist „gepresst“, sein Kopf wird rot, die Worte werden wie Eisen, die sich von innen gegen seine Zähne drücken. Nichts kann mehr über seine Lippen kommen. Er hat zu viel erlebt, zu wenig bewältigt.

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Was reden die da in der Magenta-TV-Serie „Crime“? Schwyzer English? Man braucht (im Original) eine ganze Weile, um sich an den rustikalen Charme des schottischen Zungen­schlags zu gewöhnen. Und dann braucht man noch eine Weile, um zu akzeptieren, dass man nicht das Schrille bekommt, dass man gemeinhin mit dem Namen Irvine Welsh verbindet und hier auch erwartet hat. Welsh, der außer dem Drehbuch auch die doch deutlich von der Serie abweichenden Roman­vorlage „Crime“ – was für ein selbst­bewusster Name für diese Serie – geschrieben hat, steht seit „Trainspotting“ (1993), einer tödlichen Achterbahn­fahrt durchs Junkie­milieu von Edinburgh, für einen eher exzessiven Schreibstil.

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Hier nun arbeitet er eine Mord­geschichte ganz normal und standard­mäßig ab – kleine Wahrnehmungs­störungen von Ray Lennox ausgenommen. Der Detective Inspector hört Leute Dinge sagen, wo sie schweigen. Er verwechselt Farben von Gegen­ständen. In seinen Träumen schlagen Tote die Augen wieder auf.

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Die relativ unwilde Erzähl­weise mag Welsh-Fans verunsichern. Man kann sie aber auch als Überraschung werten. Denn „Crime“ ist wirklich spannend. Serien­schöpfer Welsh liefert mithilfe seines Co-Autors Dean Cavanagh einen dichten, beklemmenden, von seinen Charakteren getragenen Brit-Thriller über die Jagd auf einen Serien­mörder – eine Geschichte, die den Freund des Genres nie aus ihrem Griff lässt.

Ray Lennox gegen das Böse – Sagen­held in einer schwert­losen Zeit

Ein Verdienst ist das auch und vor allem von Dougray Scott („My Week with Marilyn“, „Hemlock Grove“), der überzeugend einen von den Dämonen des Scheiterns und dem Entsetzen über die Tiefe so manches menschlichen Abgrunds Getriebenen spielt. Ray Lennox ist fertig, aber er kann nicht anders, als auch diesmal wieder in diesen Abgrund zu springen und das Böse darin zur Strecke zu bringen. Er ist ein antiker Sagen­held in einer schwert­losen Zeit.

„Böse Menschen wollen sich nicht ändern,“ hört man Lennox’ Stimme aus dem Off. Und bei ihm ist die Straße zur Hölle nicht mit guten Vorsätzen gepflastert, sondern mit Ignoranz. So kann ein Mädchen, die 13-jährige Britney Hammil (Paige Green), in einen Van gezogen und entführt werden.

Die Ignoranz bereitet dem Verbrechen den Weg

Der Kidnapper hat bewusst in einer Lücke geparkt, wo ihn das CCTV der öffentlichen Kameras nicht erwischt. Man folgt Britney auf dem Schulweg und dann ist sie weg. Dann sieht man den Van stadt­auswärts fahren, und dann ist auch er aus dem Auge. Ein Zeuge, über den später noch einiges ans Tages­licht kommt, informiert niemanden. Ignoranz. Und das eigentliche Verbrechen kann geschehen.

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„Pädophilie“ heiße nichts anderes als „Liebe zum Kind“ erzählt Lennox seiner neuen Kollegin Amanda Drummond (Joanna Vanderham) mit bitterem Unterton. „Aber sie hassen Kinder.“ Das „Register der Angreifer“ nennt er „Register der Bestien“. Mulmig ist ihm zumute.

Das Böse verzehrt jede Minute seines Jägers

Er hatte vor zehn Jahren in einem ähnlichen Fall ermittelt. Der „Confectioner“ genannte Kindes­mörder kam hinter Gitter. Aber Lennox glaubte schon damals, dass der Falsche verurteilt wurde, dass die Wahrheit dem Bedarf an einem Ermittlungs­erfolg geopfert wurde. Dass das Monstrum von einst frei ist und erneut zugeschlagen hat.

Lennox versucht, in seinem Leben noch einen Platz für seine Freundin Trudi (Angela Griffin) zu reservieren. Aber man ahnt, dass bei aller ehrlichen Zugewandtheit dieser Platz verwaisen wird. Das Böse verzehrt jede Minute seines Jägers.

Unterwegs in einer Stadt des Elends

Und so bewegt sich das ungleiche Polizistenduo, die still beobachtende Novizin und der zornige alte Hase, auf seiner Suche nach dem Opfer und dem Täter durch eine Stadt, in der Tod und Elend keine Seltenheit sind. Da ist ein Obdachloser, der sich an eine Mauer presst. Als wolle er in ihr verschwinden. Da sind zwei Tote in einem Zimmer, gestorben beim Sex an Atemnot.

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Und da ist Britneys alleinerziehende Mutter Angela (Emma Hartley-Miller), die Drummond anfleht, man möge ihr versprechen, dass Britney lebend zu ihr zurückkehrt. „Ich verspreche es“, sagt Kommissarin Drummond, und ihre erschreckten Rehaugen erkennen den Fehler eine Sekunde, nachdem er passiert ist. „Geben Sie nie Garantien“, fährt Detective Inspector Lennox sie danach auf der Straße an. Später wird er die weinende Mutter im Arm halten und sein Gesicht wird dem Zuschauenden zeigen, dass er den Schmerz des Verlusts am eigenen Leib verspürt, dass er mit ihr zerbricht.

Der Leichen­fund – Eine Szene, die man nicht vergisst

Formidable Charakter­zeichnungen, glaubwürdige Skizzen auch von Neben­figuren (darunter zumindest eine „Trainspotting“-kompatible), durchweg gutes Schauspiel, echt wirkende Dialoge, starke Bildgestaltung und ein graues Edinburgh als deprimierende Kulisse ergeben eine herausragende Variante von Nordic noir. Welsh versteht sich aufs Serien­machen. Auf jedem Meter, den seine Helden und Heldinnen (in den ersten drei zur Sichtung überlassenen Episoden) auf der Suche nach dem „Confectioner“ zurücklegen, ist man gefesselt und atemlos an ihrer Seite.

Zwei Jogger finden das tote Kind dann schon am Ende der ersten von insgesamt sechs Episoden. Es lehnt auf dem Calton Hill an einer der dorischen Säulen des nie fertig gebauten National­denkmals für Schottlands Kämpfer in den Napoleonischen Kriegen. Sie sitzt da, als sei sie von jemandem, der ihr am Herzen liegt, versetzt worden. Die Augen blicken ins Nichts, der Gesichts­ausdruck ist traurig, der Wind spielt mit ihrem Haar. Lennox bedeckt ihre Beine mit seinem Mantel, als könne sie das noch warmhalten. Und dann brüllt er wie ein Tier, der Zustand der Welt lässt ihn zum Himmel schreien, dass ihm schier die Schlagadern platzen wollen. Eine Szene, die man nie mehr vergisst.

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Jetzt beginnt die Jagd.

„Crime“, erste Staffel, sechs Episoden, von Irvine Welsh, mit Dougray Scott, Joanna Vanderham, Jamie Sives, Ken Stott. Angela Griffin, Paige Green (streambar bei Magenta TV).

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