Sophie Passmann begeistert

Millennials in der Krise: die Amazon-Serie „Damaged Goods“

„Damaged Goods“ mit Antonije Stankovic (von links nach rechts), Tim Oliver Schultz, Zeynep Bozbay, Sophie Passmann und Leonie Brill.

„Damaged Goods“ mit Antonije Stankovic (von links nach rechts), Tim Oliver Schultz, Zeynep Bozbay, Sophie Passmann und Leonie Brill.

Als die Eltern der heutigen Millennials einst in deren Alter waren, haben sie sich natürlich Gedanken über ihre berufliche Zukunft gemacht. Mindestens genauso wichtig war aber die Frage, ob man eine Familie gründen soll; und wenn ja, mit wem. Davon hat 1995 die ZDF-Serie „Um die 30″ erzählt; es ging um sechs Freundinnen und Freunde, die ihre Jugend hinter sich hatten. „Damaged Goods“ ist „Um die 30″ für ihre Kinder.

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Die Hauptfiguren der achtteiligen Amazon-Serie sind Ende zwanzig und daher noch zu jung für eine Midlifekrise; es handelt sich also eher um eine Drittelkrise, und in der steckt vor allem Nola (Sophie Passmann). Die angehende Psychologin steht vor den Scherben ihrer Karriereplanung: Ihre Masterarbeit ist aufgrund formaler Fehler abgelehnt und sie selbst exmatrikuliert worden. Weil sie keinen Plan B hat, arbeitet sie in einem Baumarkt und betreibt nebenher als „Küchenpsychologin“ einen Podcast, den sie „Damaged Goods“ (beschädigte Waren) nennt. Darin spricht sie über all die Themen, die ihre Clique umtreiben; allerdings ohne deren Wissen.

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Die Podcastidee ist schon allein deshalb clever, weil Nola auf diese Weise ganz offiziell als Erzählerin durch die Handlung führen kann; in vielen Filmen und Serien klingt der Off-Kommentar oft wie ein geschwätziges Hilfsmittel. Der Auftakt ist dennoch etwas ruckelig, zumal der aufgekratzte Stil gewöhnungsbedürftig ist und die Figuren anfangs allzu klischeehaft anmuten: Der attraktive Mads (Tim Oliver Schultz) lebt nach abgebrochenem Jurastudium von Gelegenheitsjobs und ist jeden Abend mit einer anderen Frau verabredet.

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Tia (Zeynep Bozbay) ist Künstlerin und selbstredend unkonventionell. Nolas Mitbewohnerin Hennie (Leonie Brill) träumt von einem klassischen Spießerleben mit Familie und eigenem Häuschen. Fünfter im Bunde ist Hugo (Antonije Stankovic), ein schwuler Flugbegleiter, der sich ausgerechnet in seinen schlimmsten Feind aus Schulzeiten verliebt. Das Quintett hat sich vor vielen Jahren bei einer Gruppentherapie kennengelernt und geht seither gemeinsam durch dick und dünn.

Ihren Reiz bezieht die Serie aus dem nächsten Schritt: Die fünf Ex-Teenager sind jetzt in einem Alter, in dem man gemeinhin endgültig erwachsen wird, und das macht ihnen Angst. Mads zum Beispiel findet durch Zufall raus, dass er Vater wird, und die frisch vom Freund verlassene Nola erlebt ein überraschendes „Awakening“ und verliebt sich in eine Psychotherapeutin.

Temporeiche Dialoge und verblüffende Situationskomik

Die im siebenköpfigen Schreibteam entstandenen Drehbücher (Chefautor: Jonas Bock) konfrontieren das Quintett zudem immer wieder mit Einfällen, die den 30 bis 40 Minuten langen Episoden viel Kurzweil bescheren: Tia drückt Mads ein Säckchen Zement Marke Marisol in die Hand, damit er einen Tag lang die Vaterschaft üben kann, und dokumentiert das „Projekt“ mit dem Smartphone. Natürlich spielt auch Sex eine wichtige Rolle. Die entsprechenden Dialoge sind recht explizit, die Bilder dagegen jugendfrei. Trotzdem ist es ziemlich erotisch, wenn Mads mithilfe einer halbierten Pampelmuse veranschaulicht, wie Nola ihre neue Freundin oral befriedigen soll.

„Damaged Goods“ hat viele Qualitäten: Das Ensemble ist mit seiner Mischung aus etablierten und noch zu entdeckenden Mitwirkenden ausgezeichnet zusammengestellt, die Dialoge sind temporeich und witzig, die Situationskomik ist oftmals verblüffend. Bildgestaltung (Nathalie Wiedemann), Schnitt und geteilter Bildschirm sorgen für weitere Dynamik, die Musik (David Reichelt) ist ebenfalls recht flott.

Regie führte Anna-Katharina Maier, die für Amazon bereits die witzige Serie „Der Beischläfer“ (2020) gedreht hat. Die namhafte Besetzung der Nebenfiguren unter anderem mit Jasmin Gerat als Nolas neue Liebe ist ebenfalls sehenswert. Aber selbst wenn es sonst nichts Gutes zu sagen gäbe: Allein die schauspielerische Entdeckung von Sophie Passmann, für ihre Moderation der „Joko & Klaas Live“-Ausgabe „Männerwelten“ 2021 mit dem Grimmepreis geehrt, ist jede Minute wert.

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„Damaged Goods“, Amazon Prime, mit Sophie Passmann, Tim Oliver Schultz

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