Skandal um Ex-Intendantin

Die ARD als Selbstbedienungsladen? Der Fall Schlesinger und die Folgen

Haupteingang des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Nach dem Skandal um Intendantin Patricia Schlesinger plant der RBB nun, sein Bonus-System für Führungskräfte abzuschaffen.

„Ich glaube, Schlesinger hat immer noch nicht ganz begriffen, was sie angerichtet hat“: Haupteingang des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Nach dem Skandal um Intendantin Patricia Schlesinger plant der RBB nun, sein Bonussystem für Führungskräfte abzuschaffen.

Das Grandhotel Schloss Bensberg bei Köln ist ein Fünf-Sterne-Luxusdomizil, dessen Gourmetrestaurant Vendôme über zwei Michelin-Sterne verfügt. Es ist ein Ort des Überflusses: Kronleuchter, schwere Ledersessel, feinste Speisen – hier wollte die ARD am 1. September eigentlich ihre wichtigsten Werbekunden bezirzen. Doch die exklusive „ARD-Medienlese“ („Um festliche Abendgarderobe wird gebeten“) fällt kurzfristig ins Wasser. „Die aktuelle Lage hat uns dazu bewogen, für dieses Jahr abzusagen“, sagte ein Sprecher dem Medienmagazin „DWDL.de“ trocken.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein De-luxe-Champagnerevent? Das passt nicht in diese Zeit, in der der Skandal um die jüngst fristlos geschasste RBB-Intendantin und ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger die Senderfamilie bis ins Mark erschüttert. Luxusmöbel, Privatessen auf Senderkosten, mögliche Vetternwirtschaft – noch immer kommen fast täglich neue Ungeheuerlichkeiten ans Licht. So leistete sich der RBB als einzige der neun ARD-Anstalten neben den exorbitant hohen Gehältern seiner Chefs auch noch ein üppiges Bonussystem für die Chefetage – mit Zusatzzahlungen von bis zu 40.000 Euro pro Jahr.

Nach den Enthüllungen des Magazins „Business Insider“ und der RBB-eigenen Investigativabteilung beeilte sich der geschäftsführende RBB-Intendant Hagen Brandstäter zu versichern, dass diese Praxis umgehend eingestellt werde.

Will das Bonussystem für RBB-Führungskräfte abschaffen: Hagen Brandstäter, geschäftsführender Intendant des RBB – hier am 16. August 2022 im Hauptausschuss des Brandenburger Landtags bei einer Sondersitzung zum Fall der abberufenen Intendantin Patricia Schlesinger.

Will das Bonussystem für RBB-Führungskräfte abschaffen: Hagen Brandstäter, geschäftsführender Intendant des RBB – hier am 16. August 2022 im Hauptausschuss des Brandenburger Landtags bei einer Sondersitzung zum Fall der abberufenen Intendantin Patricia Schlesinger.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch die Empörung im Hause ist groß. Während RBB-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbst um Verschleißteile wie Kopfhörer lange bitten mussten, sei die Intendantenetage „luxuriös ausgestattet“ worden, zürnte Steffen Grimberg, einst ARD-Sprecher und aktuell Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin, im NDR-Medienmagazin „Zapp“. „Das passt alles nicht zusammen.“ Mehr noch: „Ich glaube, Schlesinger hat immer noch nicht ganz begriffen, was sie angerichtet hat.“ Die Wut der RBB-Belegschaft entlud sich in einer Personalversammlung, in der laut NDR Sätze fielen wie „Warum werden da Millionen investiert, während anderswo im Haus das Wasser aus der Decke tropft?“ und „Von gehobenen Führungskräften erwarte ich, dass der Kompass kalibriert ist“.

Ich glaube, Schlesinger hat immer noch nicht ganz begriffen, was sie angerichtet hat.

Steffen Grimberg, früherer ARD-Sprecher und Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin

Wichtigste Aufklärer in diesem traurigen Spiel sind die RBB-Journalisten selbst. Man kann der ARD viel vorwerfen – aber keine journalistische Untätigkeit in eigener Sache. Im RBB-Magazin „Abendschau“ mit Eva-Maria Lemke, in der Investigativredaktion um René Althammer und im NDR-Magazin „Zapp“ bemüht sich die journalistische Arbeitsebene der ARD seit Tagen um ausführliche Aufklärung. Das Signal nach draußen: Wir sind nicht minder erschüttert als unser Publikum – und wollen wissen, was im eigenen Haus schieflief, warum Compliance-Beauftragte, Innenrevision und Aufsichtsgremien versagten. Nicht wenige RBB-Mitarbeiter fordern den Rücktritt der gesamten Geschäftsleitung – Brandstäter und Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus inklusive.

Der RBB ist das schwächste der Dritten Programme

Ausgerechnet die Chefs des RBB, des quotenmäßig erfolglosesten unter den Dritten Programmen der ARD, gönnten sich also offenbar üppige „Zielprämien“, obwohl sie die Ziele offenkundig nicht erreichten. „Dass zu den Kriterien für das Erreichen der Bonuszielvorgaben auch Sparmaßnahmen und Personalabbau gehörten, wie RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus zugeben musste, schlägt dem Fass den Boden aus“, kritisierte Grimberg. Mit anderen Worten: Je mehr RBB-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihren Job verloren, desto höher waren die Boni der Senderverantwortlichen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Zapp“ grub im hauseigenen NDR-Archiv ein rund 20 Jahre altes Filmdokument von Schlesinger aus, das aus heutiger Sicht bizarr wirkt. Als damalige „Panorama“-Moderatorin berichtete sie darin über Bereicherung durch Politiker. Ihre Anmoderation klang, als würde sie ihr eigenes späteres Fehlverhalten als RBB-Intendantin kommentieren: „Großzügige Regelungen führen ja bekanntlich weniger zu demütiger Dankbarkeit der Nutznießer, sondern vielfach zu Missbrauch“, sagte sie. Und weiter: „Üppige Spesen und Reisekostenregelungen, sehr gute Arbeitsbedingungen mit vielen Möglichkeiten, so ganz nebenbei noch Geld zu machen – all das reizt, immer mehr herauszuschlagen. Erst recht, wenn es niemand kontrolliert.“

Ex-RBB Intendantin Patricia Schlesinger

Kämpft um ihre Zukunft: Ex-RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt weiter gegen den zurückgetretenen RBB-Chefkontrolleur Wolf-Dieter Wolf, gegen Schlesinger selbst sowie gegen ihren Ehemann, den Ex-„Spiegel“-Journalisten Gerhard Spörl, wegen des Verdachts der Untreue und Vorteilsannahme. Eine externe Anwaltskanzlei arbeitet den Fall ebenfalls auf. Als Rechtsvertretung wählte Schlesinger die Kanzlei des durchaus umstrittenen Juristen Ralf Höcker, der auch für die AfD und die Werteunion der CDU/CSU tätig war, als scharfer Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auftrat und die Einschüchterung von Journalisten für ein probates Mittel der Auseinandersetzung hält. RBB-Medienjournalist Jörg Wagner bezeichnete die Wahl Höckers als „Höhepunkt des unwürdigen Abgangs der ehemaligen Intendantin“.

Gibt es ein „System Schlesinger“?

Die Frage lautet nun: Gibt es ein „System Schlesinger“? Und reicht dieses über den RBB hinaus? Der WDR will seine Compliance-Abteilung ausbauen. Intendant Tom Buhrow, Interimsvorsitzender der ARD, will den kleineren Sendern dabei helfen, ihre Kontrollen zu verbessern. Der NDR, wo Schlesinger lange Dokuchefin war, überprüft Vorwürfe, ob es auch im Zusammenhang mit dem von ihr verantworteten Dokudrama „Der gute Göring“ von 2016 Interessenkonflikte gab: Einer der Drehbuchautoren damals war Spörl.

Einen weiteren von der „Bild“-Zeitung erhobenen Vorwurf dagegen wies man in Hamburg zurück: Das Blatt kritisierte, dass der Lebensgefährte der derzeitigen Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg als Musikberater für einen NDR-Radiosender tätig sei. Das Verhältnis sei bekannt und die Beauftragung „gemäß den Compliance-Regelungen des NDR rechtmäßig und zulässig“. Dennoch werde man derlei Personalien in Zukunft „noch sensibler behandeln“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Medien

 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen