Ein Menschheits­neuanfang – die utopische Serie „Station Eleven“ bei Starzplay

Betreten nach 80 Tagen Selbst­isolation ein menschenleeres Chicago: Jeevan (Himesh Patel) und Kirsten (Matilda Lawler). Szene aus „Station Eleven“.

Der König Lear auf der Bühne (Gael Garcia Bernal) sieht gar nicht gesund aus. Aber das liegt ja vielleicht an der Inszenierung. „Er spielt nur“, meint jedenfalls die Freundin des besorgten Jeevan Chaudary (Himesh Patel). Dann hüstelt der Shakespeare-König und bricht zusammen, stirbt an einem Herz­infarkt. Die kleine Statistin Kirsten (Matilda Lawler) tröstet Jeevan damit, dass ihr Freund und Mentor Arthur bei dem gestorben sei, was er am meisten liebte. Was die meisten Menschen der Welt der Serie „Station Eleven“ nicht von sich sagen können. Sie sterben, wo sie gerade sind. Sie sterben unglaublich schnell.

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Hilfsbereit, wie er ist, begleitet Jeevan Kirsten nach der abgebrochenen Vorstellung nach Hause. In der U-Bahn erreicht ihn ein Anruf. Es gehe um „the flu“ – die Georgische Grippe. In Chicago sei schon „fucking chaos“, es sei „zu spät, um zu fliehen“. Alle Leute seien „dem ausgesetzt“, er solle um jeden Preis „Kontakte vermeiden“.

Himesh Patel – ein katastrophen­erprobter Darsteller

Als bei Kirsten niemand zu Hause ist, lässt Jeevan sie auch jetzt nicht im Stich. Ein guter Mann, der sich kümmert, auch wenn ihn das möglicherweise selbst in Gefahr bringt – Patel hat seine Katastrophen­festigkeit schon verschiedentlich bewiesen – in Danny Boyles „Yesterday“ (2019) etwa, als die ganze Welt bis auf ihn die Songs der Beatles vergessen hatte und zuletzt in Adam McKays Satire „Don’t Look Up“ (2021), in der der große Komet Richtung Erde rollte.

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„Station Eleven“ – nach dem 2014 erschienenen Roman „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel – erzählt von einer Pandemie, gegen die Covid-19 ein leichter Schnupfen ist. 98 Prozent der erkrankten Menschen sterben nach einer Infektion. Die Frage, ob Showrunnner Patrick Somerville („The Bridge – America“, „The Leftovers“) thematisch vielleicht nicht ganz geschmacks­sicher war, stellt sich indes nicht. Die Serie wurde vor dem Bekannt­werden des Coronavirus geplant und zum Teil auch vor der Corona-Pandemie gedreht. Und sie ist zu faszinierend, um in den Gift­schränken der Correctness zu verschwinden, das lässt sich nach den fünf (von insgesamt zehn) zur Sichtung gewährten Folgen feststellen.

Die kollabierende Gegenwart stellt nur einen Erzähl­strang

Anders als Steven Soderberghs Film „Contagion“ (2011) ist „Station Eleven“ keine filmische Anatomie einer Seuche. Und anders als in der erzähl­technisch nicht ganz geglückten Serien­adaption von Stephen Kings Mammut­roman „The Stand“ (2020) ist die globale Infektion auch nicht der Ausgangs­punkt eines mythischen Kampfes von Gut gegen Böse. Natürlich ist es auch hier spektakulär, wenn – wie in nicht wenigen apokalyptischen Szenarien – ein Linien­flugzeug abstürzend an den Fenstern eines Hoch­hauses vorbeirast, weil irgend­etwas Schreckliches im Cockpit passiert ist. Aber derlei Aufreißer­szenen werden sparsam gesetzt, wie überhaupt die kollabierende Gegenwart nur einen Erzähl­strang ausmacht.

Die anderen führen vornehmlich in die Zukunft: 80 Tage später ziehen Jeevan und Kristen aus der Selbst­isolation in eine klirrende, tote Winter­welt hinaus. Ein Jahr später begegnet die inzwischen auf sich gestellte, ausgehungerte Kirsten der Theater­frau Sarah (Lori Petty) und stellt sich ihr als „Shakespearean actor“ vor. Und 20 Jahre später herrscht Hoffnung, werden wieder Kinder geboren. Die erwachsene Kirsten (Mackenzie Davis) zieht mit der fahrenden Bühnen­truppe „The Traveling Symphony“ durch die Lande, auf dass das dramatische Werk des großen Sir William nicht verloren gehe.

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Sie werden bedroht von einem Mann, der sich „der Prophet“ nennt, sie werden umworben von einem der Vergangenheit verpflichteten „Museum der Zivilisation“. Es gibt Prüfungen und Gefahren, doch es wird nicht „The Walking Dead“ ohne Zombies daraus, es wird kein Weltbild gemalt, in dem der Mensch dem Menschen misstraut, ihm ein Wolf ist, ihn verstößt oder gar tötet, nur um die eigene Freiheit zu sichern. Es geht um den Neubeginn ohne Vorbehalt, das Miteinander der Guten im Guten.

„Station Eleven“ – der Titel bezieht sich auf einen geheimnisvollen Comic, den Kirsten als Kind bekommen hat, der für sie ein Halt und Glücks­bringer wird und auf den die Serie immer wieder fast beiläufig Bezug nimmt – weicht dabei in ganzen Episoden von der Kernstory ab. Man folgt ihnen gerne, fragt sich aber gelegentlich, ob Somerville und seine Co-Autoren wohl alle Fäden zusammen­führen werden. Vermutet aber aufgrund des bisher Gesehenen, dass Sorgfalt zu ihren Tugenden gehört.

Es geht um die Chance einer Menschheit 2.0

Die dezimierte Menschheit 2.0 versucht’s noch mal. Mit Liedern und Spielen, Suchen und Finden, neuen Begegnungen und Liebe zur Kunst. Nicht alles muss bewahrt werden. „Scheiß auf die Vergangenheit“, bescheidet Sarah dem Emissär des bereits erwähnten Museums. Denn viel Zerstörerisches aus der Zeit vor der Seuche ist scheinbar endgültig verworfen worden. Der Kapitalismus ist perdu und auch der Rassismus, der noch kurz zuvor so viel Leid verursacht hat, scheint verschwunden zu sein – einfach so. Ein Hauch von Märchen weht durch diese schöne Serie, sodass man glatt ein „Es war einmal …“ davorstellen möchte – mag sich auch alles auch noch so sehr um die Zukunft drehen.

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„Station Eleven“, Serie, zehn Episoden, von Patrick Somerville, mit Mackenzie Davis, Matilda Lawler, Himesh Patel, Gael Garcia Bernal, Lori Petty (streambar bei Starzplay).

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