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Krieg in der Ukraine

Ist es okay, in Zeiten wie diesen „Let‘s Dance“ zu gucken?

Amira Pocher und Massimo Sinato in der RTL-Tanzshow „Let's Dance".

Berlin. Wer fliegt bei „Let‘s Dance“ raus? Kann die neue Kommissarin in „Mord mit Aussicht“ mit ihrer Vorgängerin mithalten? Und wo geht Cheyenne Ochsenknecht Handtaschen shoppen? Das sind Fragen, für die sich sehr viele Menschen interessieren. Sie schalten beim Fernsehen oder im Netz einfach gerne mal ab. Auch oder gerade in Krisenzeiten sind Unterhaltungsformate gefragt. Stichwort: Eskapismus. Die kleinen Fluchten vor der Realität. Man kann sich dabei fragen, ob es nicht gerade Wichtigeres auf der Welt gibt. Darf ich so etwas gucken, wenn sich in der Ukraine, nur zwei Flugstunden entfernt, Menschen vor den Bomben in die Keller flüchten?

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Wie wichtig Unterhaltung ist, weiß der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger. Das fängt schon damit an, dass man sich nicht einfach „berieseln“ lässt. „Ganz so einfach ist es in der Regel nicht“, sagt Hallenberger. „Wer sich unterhält, tut was. Das muss nichts Kompliziertes, nichts Anspruchsvolles sein. Aber es ist in jedem Fall eine Aktivität.“ In schwierigen Zeiten komme die Unterhaltung leichter daher. „Das heißt, wenn die Zeiten schwierig sind, sind gerade leichte Stoffe eher gewünscht.“

Unterhaltung kann ein Ausgleich sein, sagt der Fernsehkenner Hallenberger, langjähriger Juror beim Grimme-Preis. Er vergleicht das mit dem Tod eines nahen Angehörigen. „Wie sieht Trauer aus? Man kann nicht 24 Stunden am Tag trauern, dann verliert man sich völlig und verliert auch die eigene Mitte.“

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Unterhaltung hilft beim Aushalten

Derzeit löst der Ukraine-Krieg viele Ängste aus, etwa, ob ein Atomkrieg kommt. Das ist belastend. Aus Hallenbergers Sicht wird gerade nicht ohne Grund oft geraten, nicht den ganzen Tag Nachrichten zu gucken und nicht immer die Push-Nachrichten auf dem Handy zu aktivieren. „Sonst überwältigt das einfach zu sehr.“

Unterhaltung hilft beim Aushalten. Sie bringt laut Hallenberger vor allem „Genuss und Selbstgenuss“. Damit meint er Lachen, Empathie, positive Erlebnisse. „Ich gucke ein Quiz und merke: Ich kann was.“ Bei fiktionalen Stoffen wie in Filmen geht es darum, zu fühlen. „Ich lebe noch, ich fühle etwas.“ Er erinnert an eine Frage aus der Nazi-Zeit: „Darf man über Hitler Witze machen?“ Da gebe es nur eine Antwort: „Man muss.“ Seinen Studierenden pflegt er die Bedeutung von Komödien mit einem abgewandelten Hit der Band Ton Steine Scherben zu erklären: „Lacht kaputt, was euch kaputt macht.“

Realitätsflucht: Das weckt bei Älteren Erinnerungen an Heimatfilme wie „Grün ist die Heide“ oder „Schwarzwaldmädel“. Der Filmwissenschaftler Jürgen Heizmann beschreibt in einem Essay, wie der Heimatfilm der Adenauerzeit nahtlos an die Tradition der Vorkriegszeit anknüpfte - „nur ging es jetzt um den reibungslosen Aufbau der Bundesrepublik“. Das Genre habe in dieser Zeit seine größte Popularität erreicht. Rund 300 Filme seien in den 50er-Jahren produziert worden, ein Millionenpublikum habe sich von ihnen zu Tränen rühren lassen.

Kleine Fernsehsünden

„Es gab in diesen Filmen keine zerstörten Städte, keine Kriegsschuld, keinen Zivilisationsbruch“, beobachtet Heizmann. „Heimat wurde als paradiesischer Ort präsentiert, wo Politik und soziale Probleme unbekannt waren und wo sich das Wirtschaftswunder ganz ohne Fabrikschlote vollzog, da kam neben Pferdedroschken, Kirchen und Trachtenumzügen allenfalls einmal eine Benzinzapfsäule ins Bild, so sanft wurde den Zuschauern der Übergang in die freie Marktwirtschaft präsentiert.“

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Etwas Vergleichbares wie den Kitsch der Nachkriegszeit gibt es in diesem Ausmaß heute nicht. Dafür eine Fülle an Soaps, Reality-Dokus Quizsendungen, Krimis und Liebesfilmen. Formate wie „Diese Ochsenknechts“ oder „Bauer sucht Frau“ gelten als „Guilty Pleasure TV“, kleine Fernsehsünden, die man sich je nach Umfeld auch mal erlauben kann oder besser für sich behält.

Auch der Psychologe Jürgen Margraf (Ruhr-Universität Bochum) sieht die Rolle von Unterhaltung gelassen. „Man kann das machen und trotzdem der Realität ins Auge blicken.“ Er warnt davor, Eskapismus zu verurteilen. Man dürfe sich Ruhezeiten und Auszeiten gönnen. „Wir brauchen auch in Krisenzeiten positive Dinge für uns selbst.“ Schlimm ist es demnach nur, wenn man die Wirklichkeit ganz leugnet oder verzerrt sieht. Aus Markgrafs Sicht hilft es gegen Stress und Ängste, weniger in den sozialen Medien unterwegs zu sein. Auch er kennt das Phänomen „Doomscrolling“: Das beschreibt, wenn sich die Menschen im Netz von einer Katastrophe zur nächsten hangeln, also einen exzessiven Konsum von schlechten Nachrichten.

Distanz zu belastenden Ereignissen sei wichtig

Natürlich sei es okay, in diesen Zeiten „Let's Dance“ zu gucken, sagt die Psychologin Mareile Poettering. „Erstmal ist es gesund und wichtig, zu belastenden Ereignissen (wenn möglich) eine gewisse Distanz zu gewinnen. Vor allem dann, wenn man selbst nicht unmittelbar helfen kann. So eine Ablenkung vom Alltag kann ein Zeichen für Selbstmitgefühl sein, also eben für eine Fürsorge für sich, weil es gerade so schwierig ist.“ Das könne das Beste sein, was jemand gerade für sich tun könne. „Erst wenn wir für uns selbst sorgen, können wir auch für andere mitfühlend da sein. Wenn diese Ablenkung jedoch ständig stattfindet und so die Verbindung mit der Außenwelt verloren geht, dann ist diese Ablenkung natürlich schädlich und auch irgendwann krankhaft.“

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Ob die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg bald selbst Thema für Filme werden? Der Grimme-Preis-Experte Hallenberger schätzt, dass es dafür noch etwas Zeit braucht. Was den Krieg angeht, sagt er: „Die Komödie wird vermutlich höchstens ein, zwei Jahre auf sich warten lassen. Aber eine ernsthafte Beschäftigung damit, das sitzt zu tief und zu frisch.“

RND/dpa

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