Liebe zwischen Mördern: Olivia Colman und David Thewlis in „Landscapers“

In guten wie in ganz schlechten Tagen: Christopher und Susan Edwards (David Thewlis, Olivia Colman) stellen sich ihrer Vergangenheit.

Gegen Ende noch eine letzte Weltflucht. Da fahren Christopher (David Thewlis) und Susan Edwards (Olivia Colman) mit einer Kutsche aus einem Westernstädtchen hinaus, fast wie Gary Cooper und Grace Kelly in beider Lieblingswestern „12 Uhr mittags“ – nur dass die Leichen von Susans Eltern auf der Ladefläche liegen. Chris‘ Stiefmutter hat die beiden beim Sheriff und seinen Deputys verpfiffen und es gibt statt der ersehnten Freiheit eine Riesenschießerei im Wald. Die Fantasien der Traumfabriken funktionieren allerdings nicht mehr, parallel zum großen Shoot-out endet ein Prozess im Gerichtssaal von Nottingham mit Haftstrafen von 25 Jahren für Chris und Susan. Sie haben neben schweren Eigentumsdelikten einen Doppelmord auf dem Gewissen.

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Die Geschichte von „Landscapers“ steht nicht unter Spoilerverbot. Die echten Edwards‘ – 2014 verurteilt – sitzen noch hinter Gittern. 1998 hatten sie Patricia und William Wicherley in Mansfield erschossen, in deren Garten vergraben und sich danach Geschichten über die Gründe für ihre Absenz zurechtgelegt. Dann waren die unscheinbare Buchhändlerin und der unscheinbare Buchhalter nach Frankreich gezogen, wo sie ein winziges savoir vivre lebten.

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Hunderte Male haben sie sich die Wahrheit zurechtgelegt

2013 waren sie endgültig abgebrannt und so vertraute sich David seiner Stiefmutter Tabitha an, die sich wiederum Scotland Yard anvertraute. Im Zug nach Hause reden die Eheleute einander gut zu, die anstehenden Morduntersuchungen als freie Menschen überstehen zu können, denn Hunderte Male haben sie sich ihre Wahrheit wiederholt, mit der sie die Polizei von ihrer Unschuld überzeugen wollen. Vom Vater, den die Mutter hasste und den sie erschoss, als Susan zu Besuch war. Und von der Mutter, die ihre Tochter nicht liebte, von Susans tödlichen Schüssen im Affekt. „Wir erzählen unsere Geschichte, einfach und ruhig. Wir erzählen ihnen nur die Wahrheit.“

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Neben dieser Realkriminette, die für sich mit dreieinhalb Stunden Laufzeit arg lang bemessen wäre, erzählen Ed Sinclair, Serienschöpfer, Autor und Colmans Ehemann, und Regisseur Will Sharpe die Geschichte der wohl nettesten Mörder der Seriengeschichte, die im jeweils anderen ganz offenbar die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Susan ist Chris ein Trost, als sein geliebter Bruder stirbt. Chris versucht Susan, die als Kind vom Vater sexuell missbraucht wurde, zu beschützen, weil er sie liebt und weil das Beschützen sein Naturell ist. Immer wieder spricht er von Susan als „zerbrechlich“.

Briefe von Depardieu, Poster von Gary Cooper

Beide hegen eine große gemeinsame Liebe zum Kino. Chris etwa pflegt eine anhaltende Brieffreundschaft mit dem französischen Weltstar Gerard Depardieu, der ihm warmherzige Lebensratschläge erteilt. Und Susan liebt Hollywood-Memorabilia und vor allem Gary Cooper. Dafür hat sie über die Jahre das Vermögen der Edwards‘ verprasst – ihr neuester Erwerb ist ein Plakat zum zweiten belgischen Kinostart von „12 Uhr mittags“ für 170 Euro.

Zu Chris sagt Susan, das Poster habe nur einen Bruchteil gekostet. Der erwidert, das Geld wäre für die Gasrechnung nötig gewesen. Die Frau in Grau und der Mann in Beigebraun streiten auch, gewiss, aber sie umarmen sich immer wieder.

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Die untypischen „Bösewichte“ machen „Landscapers“ sehenswert

Erst ob dieser völlig untypischen Charakterisierung der Bösewichte wird „Landscapers“ sehenswert, zumal Colman („The Crown“) und Thewlis (Remus Lupin in den „Harry Potter“-Filmen) – zwei der besten britischen Schauspieler überhaupt – komplett in ihren Rollen aufgehen. Kate O‘Flynn spielt die hartnäckige Polizistin Emma Lancing, Samuel Anderson den ihr überaus zugewandten Kollegen Samuel und Tony Collier ihren cholerischen Chef Tony, der über wenig mehr Wortschatz als „fuck“ und „fucking“ zu verfügen scheint.

Was den Vierteiler schließlich vollends zum Ereignis werden lässt, ist seine visuelle Umsetzung. „Nachdem er Susan geheiratet hatte, sind die beiden in ihrer eigenen Welt verschwunden“, erklärt Chris‘ Stiefmutter (Kathryn Hunter) dem Ermittler Samuel. Erinnerungen der Verdächtigen in den Polizeiverhören werden zu Filmszenen in kontrastreichem Nouvelle-vague-Schwarzweiß oder in glühenden Fünfzigerjahrefarben, lebende Tableaus, an deren Rand die verhörenden Polizisten stehen und zuschauen.

Plötzlich schneit es im Verhörzimmer

Manchmal geht es auch (wie jüngst zu Beginn der Neuverfilmung von „Szenen einer Ehe“) durch Kulissen und an Kameras vorbei auf eine andere „Bühne“, dann wieder reißt Chris die „vierte Wand“ ein und wendet sich direkt ans Publikum. Und gerade sah man das Paar noch im Schneegestöber auf einer Bank sitzen, sich zärtlich an den Händen haltend, da schnappt die Kamera zurück ins Verhörzimmer.

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Und siehe da: Es schneit auch hier. Zahllose solcher Sphärenverbindungen gibt es und die beiden Protagonisten sprechen dazu im gefühlsschweren Duktus der Melodramen eines Douglas Sirk. Das alles ist schon ein faszinierendes Gewebe.

Freilich: Das echte Gericht (und auch das im Film) nennt das Paar „kaltblütige Mörder“. Ob die Filmemacher, die nach eigenen Angaben weidlich recherchiert haben und die mit den wirklichen Edwards in Kontakt standen, diese ins Licht der Wahrheit gerückt haben, ob sie – wie sie in einem Gespräch mit dem Branchenblatt „Variety“ hofften – auch den Opfern und den Ermittlern gerecht geworden sind?

Schwer zu sagen, Prozessberichte von 2014 schildern das Ehepaar Edwards im Gerichtssaal weit weniger zugewandt. So ist diese „Landschaftsgärtnerei“ zwar ganz gewiss ein Werk der Liebe und für die Liebe. Was aber die Wahrheit über die Edwards betrifft, liegt die natürlich keinesfalls im Auge des Betrachters. Sie ist objektiv wie stets und möglicherweise noch immer irgendwo da draußen.

„Landscapers“, Miniserie, vier Episoden, von Ed Sinclair, Regie: Will Sharpe, mit Olivia Colman, David Thewlis, Kate O‘Flynn. Dipo Ola, Daniel Rigby (ab 10. Februar bei Sky).

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