Netflix-Serie „Cowboy Bebop“: Zwei Weltraumhunde auf dem Weg zur Hölle

„Wenn du ein Ei kochst, gratulierst du doch auch nicht dem Kochtopf“: Jet Black (Mustafa Shakir, links) und Spike Spiegel (John Cho) sind interplanetarische Kopfgeldjäger, die sich gern mal in die Wolle bekommen. Eine Szene aus der Netflix-Serie „Cowboy Bebop“.

Schüsse. Schreie. Dann erst wird der Bildschirm hell. Kurze Orientierung – aha – wir sind im Watanabe-Kasino. Das Design ist Siebzigerjahre mit Farbschwerpunkt Orange-Ocker und in diesem Augengift läuft gerade eine brutale Geiselnahme ab. Der Chefterrorist ist Asiate, Ideologe, laut, möglicherweise auch ziemlich irre: „Diese besch … Großkonzerne kontrollieren alles!“, schreit er, hält dabei seine Waffe an den Kopf einer Frau. Es gab bereits Tote in diesem Haus des Glücks, alle sind still, keiner will diesen Score mit der eigenen Leiche erhöhen. Da geht die Aufzugtür auf, und der eben noch brüllende Antikapitalist mit der Kanone staunt nicht schlecht.

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Heraus tritt ein Mann mit Kopfhörern, im taubenblauen Anzug und mit einer Betonfrisur, wie sie in den Siebzigerjahren nur im Gard-Haarstudio gesprayt wurde. Er lässt eine Münze springen. „Ich wollte mal mein Glück versuchen“, grinst er, und kickt die Münze im nächsten Moment an den Kopf des Schreihalses. Ein hünenhafter Schwarzer taucht auf, und gemeinsam macht das Duo Terroristenkleinholz, sind der auf Martial Arts getrimmte Spike Spiegel und der muskelbepackte Jet Black die wohl wirkungsvollsten Nahkämpfer, die man in jüngster Zeit auf dem heimischen Screen gesehen hat.

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Eine Buddy-Serie im Gangstermilieu – so könnte man zunächst glauben. Bis Frank vom Klo kommt, ein XXXL-Typ aus der Geiselgang, der einen Disruptor gehalftert hat, ein Schießgerät, das komplett anders aussieht als die konventionellen Knarren der anderen – dicker, länger, mit bunten Lämpchen gespickt. „Du kannst das hier nicht abfeuern“, warnt Spike. Was Frank doch kann, worauf sich plötzlich alles im Raum verhält, als hätte jemand einen Staubsauger angestellt. Einen sehr großen, sehr kräftigen Staubsauger.

„Cowboys“ nennt man die Kopfgeldjäger im Jahr 2071

Und da stellt sich heraus – wir sind auf einer (jetzt vom Disruptor beschädigten) Raumstation, alles will durchs Loch im Rumpf schnurstracks ins All. Spike Spiegel (John Cho, der Sulu der neueren „Star Trek“-Kinofilme) und Jet Black (der fantastische Mustafa Shakir) versuchen sich am Roulettetisch und am Arm des Einarmigen Banditen festzuhalten, und überleben gerade so. Als „bescheidene Kopfgeldjäger“ stellt Spike sich danach einer überlebenden Geisel vor. „Cowboys“ nennt man solche verwegenen Leute auch im Solarsystem des Jahres – ja, wir sind tatsächlich in den Siebzigern – 2071.

Mit dem Raumschiff Bebop, einem umgebauten interplanetarischen Fischtrawler, fangen Jet und Spike Schurken und kassieren im besten Fall die Belohnung. „Cowboy Bebop“ heißt die Serie, in der der Erde weit Schlimmeres zugestoßen ist als eine Erwärmung um zwei Grad.

Kopfgeldjäger sind in der Science-Fiction beliebt

Die Science-Fiction hat sich den Typus des Kopfgeldjägers vom Western geliehen, und manchmal sind die galaktischen Jäger sogar Edelmänner – etwa im Fall von Din Djarin. Mit den Abenteuern des auch „Mandalorian“ genannten Helmträgers schickte der Star-Wars-Kosmos vor zwei Jahren beim Streamingdienst Disney+ sein wohl coolstes Abenteuer seit „Das Imperium schlägt zurück“ (1980) in den medialen Orbit.

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Netflix legt jetzt mit „Cowboy Bebop“ nach – einer Realverfilmung eines Anime-Hits (1998–2000), der weltweit Kultstatus hat bei den Fans des japanischen Zeichentricks. Drei einander zugetane Kämpferinnen und Kämpfer – es gesellt sich noch die unberechenbare, nach 50 Jahren Kryoschlaf gedächtnisgestörte Faye Valentine (Daniella Pineda) hinzu – fliegen mit der Bebop schlimmen Kriminellen hinterher und werden – wie sollte es bei diesem Berufsbild anders sein – von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Spike etwa war mal im Dragon Syndikat als Fearless bekannt, und sein alter Boss Vicious (Alex Hassell) hat nach dessen Ausstieg – Spike gaukelte seinen Tod vor – Spikes Liebste Julia (Elena Satine) für sich gewonnen.

Der Zeitenmix der Spike-Spiegel-Welt ist hinreißend

All das hat (wie das bildexplosive Original) allerhöchsten Schauwert, weil die Buddys Spike und Jet sich mit allerhand ergötzlichen Sprüchen zergeln wie weiland Bud Spencer und Terence Hill in den alten Italowesternkomödien. Weil die Setdesigner eine überwältigend detailreiche Vintage-Zukunft erschaffen haben, in der Gestriges und Morgiges Seit an Seit stehen: Man ruft noch auf dem Handy an, flitzt aber durch seifenblasenartige Ringgebilde blitzschnell zwischen den Planeten umher. Auf der interieurmäßig ziemlich angeranzten Bebop gibt es Plattenspieler und Gasherd, die Tür zum stillen Örtchen sieht aus, als hätte Dixi das beste Angebot gemacht, auf Kaffeebechern stehen immer noch dumme Sprüche wie „I drink Coffee“ und ewig klemmen an den Fenstern die blöden Rollos, wenn man sich die unendlichen Weiten des Weltraums mal nicht anschauen möchte. Das sieht jetzt aber nicht trashig aus wie 1966 auf der deutschen Orion 1966 (wo Raumschiffmechatroniker im Jahr 3000 noch bügeleisenartige Raumkreuzer-Lenkvorrichtungen in die Armaturenbretter einbauten), sondern genügt vollauf heutigen visuellen Ansprüchen.

Dazu kommt akustisches Ambrosia von der Komponistin Yoko Kanno. Das bongoplappernde „Tank!“ zum Vorspann wurde direkt von der Animeserie übernommen, und überhaupt ist die ganze Filmmusik eine atemraubende Expedition fürs Ohr: Charlie Parker und Thelonious Monk, Größen des Bebop genannten Stils, der in den Vierzigerjahren den Jazz befreite, lassen hier ebenso grüßen wie Henry Mancini, der Mann, der die Musik um mythische Instrumentals wie „Peter Gunn“, das „Pink Panther Theme“ und den „Baby Elephant Walk“ bereicherte.

Das Dragon Syndikat will seine Gottesdroge zurück

Und so begleiten wir die schrägen Astronauten Spike (mit kybernetischem Auge) und Jet (mit kybernetischem Arm) durch ihre schrille Welt, in der Polizeireviere immer noch aussehen wie damals, als Lieutenant Theo Kojak seine Einsätze in Manhattan fuhr, erleben, wie die beiden notorisch unterfinanzierten Bounty Hunter wieder und wieder um ihr Kopfgeld geprellt werden, und wie das Dragon Syndikat alle Hebel bewegt, ihm gestohlene Fläschchen mit „Red Eye“ zurückzubekommen, einer Droge, die sich anfühlt, „als hätte ich mir Gott reingezogen“ (O-Ton eines Konsumenten). Der Korgi Ein teilt sich ganz schnell Platz eins der Serienhunde-Hitparade 2021 mit der Bulldogge Winnie aus „Only Murders in The Building“.

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„Cowboy Bebop“ ist die Serie, die man braucht wie Spike Spiegel sein tägliches Nudelgericht. Klar ist das Original origineller gewesen, zumal die Realverfilmung daran entlanghastet. Aber Legionen junger Bingewatcher haben noch nie davon gehört und können später noch auf den Augenbraus des japanischen Animationskollektivs Hajime Yatate (alias Sunrise) zurückgreifen. Für viele könnte der Yestercharme und der Futurefun der Realverfilmung der wilde Stoff sein, auf den sie nach mehrfachem Durchlauf von „Squid Game“ gewartet haben.

Allein der Bombenleger mit der Teddybärmaske ist alle Zuschauzeit wert, wenn er seinen Verfolgern Spike und Jet droht: „Ich jag euch in die Luft, wenn ihr nicht weggeht von dem Trunx-Apfel.“ Wollten Sie nicht immer schonmal wissen, was ein Trunx-Apfel ist? Wenn sonst alles zu spät ist und nichts mehr geht, kann einem der Trunx-Apfel das Leben retten.

„Cowboy Bebop“, erste Staffel, zehn Episoden, von André Nemec, mit John Cho, Mustafa Shakir, Daniella Pineda (ab 19. November, bei Netflix).

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