Science-Fiction-Drama „After Yang“

Menschen und Androiden in „After Yang“: Die Würde der Maschine ist unantastbar

Für Mika ist genau diese Konstellation die Familie: Papa Jake (Colin Farrell, von links). Mama Kyra (Jodie Turner-Smith), Tochter Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) und ihr „großer Bruder“, der Android Yang (Justin H. Min). Als Yang eines Tages „ausfällt“, wird die Familie mit existenziellen Fragen konfrontiert. Szene aus dem Science-Fiction-Drama „After Yang“.

Für Mika ist genau diese Konstellation die Familie: Papa Jake (Colin Farrell, von links). Mama Kyra (Jodie Turner-Smith), Tochter Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) und ihr „großer Bruder“, der Android Yang (Justin H. Min). Als Yang eines Tages „ausfällt“, wird die Familie mit existenziellen Fragen konfrontiert. Szene aus dem Science-Fiction-Drama „After Yang“.

Als kleines Kind trauerte man auch um Sachen, weil man in allem irgendeinen Hauch von bewusster Existenz vermutete. Man war wütend auf seine Eltern, weil da jetzt ein Farbfernseher im Wohnzimmer stand, weil der alte dienstbare Schwarz-Weiße die Familie einfach so verlassen musste und jetzt bestimmt an keinem guten Ort war. Man war traurig, als der BMW 1500 seinen letzten Tag in der Garage hatte, und wollte sich nicht in den neuen Mercedes setzen, der am nächsten Tag auf dem Hof stand.

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Man hatte eine erste Ahnung von der Mitleidlosigkeit der Welt bekommen. Wie hätte man erst um die Maschine Yang getrauert, die aussah wie ein Mensch und einem kleinen Mädchen die Sorgen nahm, die die viel zu beschäftigten Eltern nicht erkannten? Es wäre einem wohl ergangen wie Mika, für die Androiden – oder Techno sapiens, wie man sie in dem neuen Film des koreanisch-amerikanischen Regisseurs und Filmessayisten Kogonada nennt – nicht funktionsfähig, funktionsgestört oder kaputt sind, sondern lebendig, krank und im schlimmsten Fall tot.

Der Hausandroid Yang fällt plötzlich in eine Art Robokoma

Später in diesem leisen, bezaubernden Film sieht man, dass der Techno sapiens Yang, bevor er mit auf das Familienfoto huscht (ja, es gibt hier natürlich auch Spoiler, sogar nicht zu knapp!), kurz irritiert dreinschaut, so als wisse er einen Augenblick lang nicht, wo er sich gerade befindet. Und als alle Familien­mitglieder gemeinsam zu Discomusik tanzen – während des Vorspanns von „After Yang“ – kann Yang auch dem Ende der Musik nicht mit den Hüftschwüngen aufhören. Die Mensch­maschine mit den asiatischen Zügen und der einprogrammierten chinesischen Kultur, die Papa Jake (Colin Farrell) und Mama Kyra (Jodie Turner-Smith) gekauft haben, damit ihre chinesische Adoptivtochter Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) einen mit ihrer Herkunfts­kultur vertrauten großen Bruder hat, hat eine Fehlfunktion, fällt in eine Art Robokoma.

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„After Yang“ basiert auf auf Alexander Weinsteins Kurzgeschichte „Say Goodbye to Yang“. Er spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der das Drumherum noch kaum futuristischer aussieht als unsere Gegenwart. Es ist eine asiatisch angehauchte Welt, in der aber kein utopisches Design vom Kern der Geschichte ablenkt.

Die von Fürsorge, Liebe und Empathie innerhalb einer Familie handelt, welche hinter den Erfordernissen eines geschäftigen Alltags verschwinden und neu gefunden werden müssen (davon erzählte auch schon Kogonadas im Hier und Jetzt angesiedelter Vorgängerfilm, die Tragikomödie „Columbus“). „Daddy ist immer spät“, beklagt sich Mika über den Vater, der nie beim Abendessen zu Hause ist, weil abends, kurz vor Geschäfts­schluss, angeblich immer die meisten Kunden in seinen Teeladen strömen. Aber viel wichtiger ist sowieso, dass Yang da ist, der sie sanft Mimi nennt, sie in den Arm nimmt, ihr zuhört.

Über die Veredelung von Obsthölzern – eine große Szene

Und der ihr anhand der Veredelung von Obsthölzern erklärt, warum sie asiatisch aussieht, warum der Vater ein Weißer und die Mutter eine Schwarze ist und Mika dennoch zu ihnen gehört und alle zusammen eine Familie sind. Auch Mimi sei ein neues Ästchen, verbunden dem Baum von Mum und Dad – „etwas Wunderschönes“. In der chinesischen Kultur sei diese Gartenbautechnik schon 4000 Jahre alt. „Das ist also ein chinesischer Funfact“, freut sich Mika.

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Diese kleine Sequenz ist voll von der Behutsamkeit, mit der eigentlich Menschen miteinander umgehen sollten, so dass man sie im Filmwinkel seines Gehirns mit den wirklich großen Szenen abspeichert.

Immer ein offenes Ohr, immer Verständnis: Der Techno sapiens Yang (Justin H. Min) erzählt Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) ein Gleichnis über Patchworkfamilien.

Immer ein offenes Ohr, immer Verständnis: Der Techno sapiens Yang (Justin H. Min) erzählt Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) ein Gleichnis über Patchworkfamilien.

Und: Nein – ein großer Bruder wie Yang kann nicht defekt bleiben. Jemand mit so einer Programmierung, so einer Nähe zu der kleinen Schwester muss repariert werden … geheilt.

Yang muss bleiben – aber die Prognosen sind schlecht

Das ist Papa Jake klar. Weil er Yang aber aus zweiter Hand gekauft hat (für ein Drittel des Preises), kann er den Bewusstlosen auch nicht ohne Weiteres beim führenden Robounternehmen Brothers & Sisters zur Neujustierug abgeben. Er wirft ihn sich also über die Schulter, um ihn anderswo auf Vordermann bringen zu lassen.

Die Prognosen sind ungünstig, es wird eine Reise zur Wahrheit des Todes. Zu diesem Eingeständnis kann sich Jake aber nicht durchringen und so geht er wie so oft den Weg der Lüge. „Ja, er wird schon wieder“, sagt er zu Mika. „Wir wissen das nicht genau“, wendet Mama Kyra ein. Die Sache muss schnell geschehen, denn es droht „decomposing“ – eine Art Androiden­verwesung.

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„Selbstbewusstsein“ in den Erinnerungs­lichtern des Androiden

„Spionagesoftware“ glaubt ein Chinesischem abgeneigter Mechatroniker (Ritchie Coster), dessen Verschwörungs­gehabe ihn zum perfekten Mitläufer bei „Querdenker“-Märschen machen würde, in Yangs Innerem gefunden zu haben. Eine Museumsfrau aber, die das Fundstück ins Sonnenlicht hält und dann unter die Lupe nimmt, nennt es „a memory thing“, die Gedächtnisbox des Androiden.

In den quallenartig schwebenden Erinnerungslichtern Yangs wird Jake dann von den Hinweisen auf das „Leben“ im Apparat Yang überwältigt. Er stößt auf eine Liebe Yangs und wird zugleich mit den eigenen Ressentiments konfrontiert. Auf der Suche nach der blonden Frau (Haley Lu Richardson), wird er von der Tochter seines Freundes George (Clifton Collins Jr.), die diese kennt, schroff abgefertigt. „Sie mögen Klone nicht, hat sie gesagt. Sie ist cool und nett und heißt Ada“, sagt Vicky (Ava DeMary). „Kann ich jetzt gehen?“

„Ist es möglich für Technos, romantisch zu sein?“ erkundigt sich Jake bei einer Museums­kuratorin (Sarita Choudhury), die ihm keine Antworten geben kann. Aber die Bildfolge in Yangs abgespeicherten Memoiren, in der dieser sich aufmerksam im Spiegel betrachtet, sagt ihm alles. Das „Selbstbewusstsein“ des Androiden über seine Existenz ist offenkundig. Das „Ich, Roboter!“ muss gar nicht gesprochen werden. Es wurde vom Techno sapiens sichtlich gefühlt.

Die endlose Odyssee der Mensch­maschine zur Empathie der Menschen

Einmal nicht ist eine asiatische Zukunftswelt ein nass­kalt­-schwarzes Megalopolis, wie es am eindrucksvollsten wohl in Ridley Scotts Philip-K.-Dick-Verfilmung „Blade Runner“ (1982) geschaffen wurde. Wohl aber erinnert Yang an den Replikanten Roy Batty (Rutger Hauer), der seinem Jäger Deckard angesichts seines „Todes“ melancholisch von seinem „Leben“ erzählte („Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C‑Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor …“).

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Und man denkt an David (Haley Joel Osment), das Mechakind aus Steven Spielbergs „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (2001), das auf seiner Odyssee zu menschlicher Liebe nur Kälte und Gemeinheit fand und dessen Pinocchio-Bitte an eine Statue der Blauen Fee, ihn zu einem „richtigen Jungen“ zu machen, herzzerreißend war.

„Was ist so großartig daran, ein Mensch zu sein?“

„Wollte er ein Mensch sein?“ fragt Jake die Klonin. „Wir gehen immer davon aus, dass alle Wesen unbedingt Menschen sein wollen“, antwortet eine darob aufgebrachte, mit menschlichen Ressentiments und Diskriminierung wohlvertraute Ada. „Was ist so großartig daran, ein Mensch zu sein?“

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Es findet eine Verwandlung statt im Lauf der 96 Minuten. Die Maschine Yang, der Philosoph Yang, der Helfer Yang, der gute Bruder Yang, der Liebende Yang wird in der Endphase dieses Films, der auch ein kluges Statement über Rassismus ist, in der Nach­betrachtung zu einem Freund, als was auch immer man ihn wesensmäßig klassifizieren mag. Zu einem sterbenden Freund, den man nicht entsorgt wie einen alten Fernseher, einen alten BMW, den man auch nicht in einem Maschinen­museum hinter Glas ausstellt, sondern von dem man mit Anstand Abschied nimmt, den man gemeinsam betrauert und an den man gerne zurückdenkt. Die Roboterwürde ist unantastbar.

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„After Yang“ – ein in mehrerlei Hinsicht guter Film

Der Tod der Maschine lässt die Familie näher zusammenrücken. „I wanna be just like a melody“, singt Mika die Liedzeile aus Yangs Erinnerungs­box fertig, von der zuvor nur das „I wanna be …“ zu hören war. Und so ist Yang wie eine schöne Melodie: Unvergesslich. Was auch für den Film zutrifft, der gut in zweierlei Hinsicht ist: bezüglich seiner Qualität und seiner „Mütigkeit“, seinem Naturell.

„After Yang“, Film, 96 Minuten, Regie: Kogonada, mit Colin Farrell, Justin H. Min, Malea Emma Tjandrawidjaja, Jodie Turner-Smith, Clifton Collins, Jr. (ab 31. Oktober bei Wow/Sky)

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