Spin-off „Dexter: New Blood“: Die letzte offene Rechnung

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben: Michael C. Hall ist in „Dexter: New Blood“ wieder der Serienmörder Dexter Morgan, der in Upstate New York ein neues Leben begonnen hat. Dann stößt er auf einen Mann, auf dessen Konto – ungesühnt – fünf Tote gehen.

Dexter Morgan hatte seine Schwester Debra umgebracht, eine Art Gnadentod, und sie alsdann im Meer versenkt wie die meisten seiner Opfer. Er war mit seinem Boot in die Mutter aller Stürme geritten und mausetot, das war für den Zuschauer und die Zuschauerin sicherer als das Amen in der Kirche. Dann sah man ihn auf den letzten Bildern der letzten Folge doch lebendig, weit weg vom bunten, blau behimmelten Miami, bärtig unter Holzfällern – irgendwo dort, wo hohe Bäume die tief hängenden Wolkenbäuche kratzen. Man fand das offene Ende – offen gesagt – wenig schlüssig.

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Darsteller Michael C. Hall hatte Dexter, den Serienmörder von Serienmördern, weit über das Ende der Drehbuchexzellenz dieser Serie hinaus ungemein formidabel gespielt. Sein dunkler Blick zog an, das jungenhafte, unsichere Lächeln, dazu die steten inneren Monologe eines Monsters, das mit seinen Missetaten auf verkorkste Weise Gutes tat und immerzu in Panik war, sein wahres Wesen könne im nächsten Moment enttarnt werden. Kongenial war Jennifer Carpenter als seine Ziehschwester Deb, die ihr Herz und dabei auch allerhand schmutzige Sprüche auf der Zunge trug. Dexter und Deb hielten einen bis zuletzt am Bildschirm – als in der achten Staffel über die beiden Charaktere hinaus kaum noch etwas übrig war von einer der besten Thrillerserien der TV-Geschichte.

Clyde Phillips, Showrunner der ersten vier glorreichen Staffeln, hatte ein anderes Ende vorgesehen, eins mit Dexter in der Todeszelle. Phillips ist nun zurück, sein Glück für den Sender Showtime (in Deutschland bei Sky) aufs Neue zu versuchen. Dexter und die Holzwirtschaft, das war wohl nur ein Intermezzo, wie wir im Spin-off „Dexter: New Blood“ erfahren. Wir treffen ihn acht Jahre später im fiktiven Städtchen Iron Lake irgendwo in Upstate New York wieder. Er ist Verkäufer in einem Waffen- und Angelwarengeschäft und die Leute haben ihn alle ins Herz geschlossen, die örtliche Polizeichefin Angela Bishop (Julia Jones) sogar etwas tiefer als die anderen.

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Der Wechsel vom happy Landei zum Killer erfolgt plötzlich

Dexter Morgan heißt inzwischen Jim Lindsay (eine kleine Verbeugung vor Jeff Lindsay, dem Autor der Buchvorlagen). Er hat den „dark passenger“ in sich versenkt, lebt in einer netten Hütte draußen vor den Toren von Iron Lake, hält dort Ziegen, Hühner, ein Schwein – ganz offenbar ein happy Landei. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein arroganter Typ namens Matt Caldwell (Steve M. Robertson) in den Laden kommt, um ein 9000-Dollar-Gewehr zu kaufen.

Unglücklicherweise erfährt Jim von einem Unfall mit fünf Toten, an dem der Waffennarr die Schuld trug, und für den er nie zur Verantwortung gezogen wurde. Der nächste Blick schon deutet uns an: Dexter ist vom Tiefschlaf- in den Hellwach-Modus gewechselt, so blitzschnell wie der Drache Smaug im Berg Erebor von der reinen Präsenz des Hobbits Bilbo. Der Vigilant, der die Ungerächten rächt und ungesühntes Unrecht tilgt, hat Blut gerochen.

Dann erlegt der irre Matt im Indianerreservat einen weißen Hirsch, just in dem Moment, als Jim sich dem Prinz des Waldes (zu leiser Klaviermusik) auf Armeslänge genähert hat. Mit Gejohle bricht der Schütze aus dem Dickicht hervor. Weiße Hirsche, das weiß man nun, stehen in einigen Kulturen für die Ankunft des Todes. Tja, und da steht der Tod ja auch schon im Schnee vor Matt, nur hält der ihn für einen Waschlappen. „Tonight‘s the night“, sagt Dexter zum ersten neuen Blut, das er vergießt. Mit denselben Worten begann die Serie 2006. Und immer waren wir irgendwie auf Dexters Seite, wenn er zwecks Spurenvermeidung alles fein säuberlich mit Folie auskleidete. Und sind es auch diesmal wieder.

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Die Vergangenheit meldet sich bei Dexter

Auch sonst stört die Vergangenheit Dexters neues, idyllisches Leben. Sein Sohn Harrison (Jack Alcott) stöbert ihn auf. Zuletzt hat Dexter ihn als Kleinkind gesehen und war schon damals besorgt, der Junge könne seinen Trieb geerbt haben. Jetzt beschließt er, Harrison, in dem tatsächlich ziemlich Ungutes nach oben drängt, endlich ein guter Vater zu sein, auch wenn Debra, die etwas schrille Stimme der Vernunft, ihm ins Gewissen schreit: „Was zur Hölle tust du da?“

Debra, die tot ist? Richtig, es ist ihr Geist, der immer wieder auftaucht zu Mahnung und Warnung – und einmal auch zwecks eines blutigen Zitats aus dem „Fargo“-Film der Coen-Brüder. Ohne Jennifer Carpenter wäre Dexter eben nicht Dexter. Sie nimmt als personifizierte Moral den Platz von Dexters Ziehvater Harry Morgan ein, dem Polizisten, der die Mordlust seines Filius einst in Richtung eines Vigilantentums lenkte: Mordio nur dem, der es verdient. Und – erste Regel: „Lass dich nicht erwischen.“

Katz und Maus forever – der „Trinity-Killer“ schlägt wieder zu

Tja, und zu guter Letzt ist da noch dieser Psychopath. John Lithgow ist aufs Neue der „Trinity-Killer“. Der war der wohl erlesenste Gegenspieler unseres Antihelden und ist die offene Rechnung, die noch beglichen werden muss.

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Das alles rundet sich zu einem ziemlich fesselnden Drama und Thriller (bestückt mit Popklassikern wie Del Shannons „Runaway“ und Leonard Cohens „Avalanche“), und wird die stimmigste „Dexter“-Staffel seit der vierten, in der der „Trinity-Killer“ auf den Plan trat. Die gewährte Extrarunde beschert „Dexter“ das verdiente Ende-gut-alles-gut und den Fans der Serie das schönstmögliche Weihnachtsgeschenk. Schade, dass der radikale Zerstörungstrieb, mit dem die Showrunner David Benioff und D. B. Weiss ihre Serie „Game of Thrones“ ebenfalls in der achten Staffel zugrunde richteten, einen ähnlichen Trick nicht zulässt.

„Dexter: New Blood“, zehn Episoden, von Clyde Phillips, mit Michael C. Hall, Jack Alcott, Julia Jones, Jennifer Carpenter (ab 22. November bei Sky)

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