Rückkehr als Serienheld

Märchen sind jetzt weiblich: Wo ein Willow ist, ist auch ein Weg

Gut gealterter Fantasyheld: Willow Ufgood (Warwick Davis, links) und sein loyaler Kampfgenosse Serius (Graham Hughes) in einer Szene aus der Serie „Willow“.

Gut gealterter Fantasyheld: Willow Ufgood (Warwick Davis, links) und sein loyaler Kampfgenosse Serius (Graham Hughes) in einer Szene aus der Serie „Willow“.

Denkt manchmal noch irgendwer an „Willow“? Warum auch? Ein Fantasystreifen aus Zeiten, in denen Fantasy noch kein allzu cooles Filmgenre war, weil Trolle in „Willow“ noch aussahen, als hätte man die zauseligen Menschheits­vorfahren aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Epos „2001 – Odyssee im Weltraum“ 20 Jahre später noch einmal vor die Kamera gescheucht. Und der mordlustige zweiköpfige Drache sah aus wie ein Tukan-Weißer-Hai-Hybrid. Ein permanent lachender Tukan-Weißer-Hai-Hybrid wohlgemerkt.

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Dass der Film verkorkst wirkte, lag aber weder zuvörderst an der Tricktechnik noch an Regisseur Ron Howard. Es lag an George Lucas, dem „Star Wars“-Schöpfer, von dem die „Story“ stammte. Und der in der Geschichte vom kleinen Nelvyn-Helden Willow Ufgood (Warwick Davis), der Familie und Feld verlässt, um ein kleines Menschenbaby mit Thronanspruch vor dem Zugriff einer mörderischen Königin und Zauberin zu bewahren, einfach mal so alles verrührte, was er an Geschichten kannte und gut fand: „Der Herr der Ringe“, Herodes’ Kindermord (Neues Testament), Pharaos Kindermord (Altes Testament), „Schneewittchen“, „Dornröschen“, „Gullivers Reisen“, „Pinocchio“, „Die Odyssee“ …

Der Film „Willow“ war einer jener fantasielosen Filme, in denen die Bösen „Find the child!“ brüllen und die Guten „Protect the child“ flüstern. Und in denen die Kavallerie immer rechtzeitig kommt. Er hat sich trotz erlesenen Knall­chargentums innerhalb der Ensemblereihen mit dem Emblem „Kultfilm“ über die Jahre gerettet.

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Und jetzt kommt „Willow“ als Serie zurück. Wie schlecht muss es bestellt sein um die Ideen­schmiede in der Traumfabrik Hollywood? Und was kommt wohl als Nächstes? Ein dreistaffeliges Prequel oder Sequel zu Ed Woods „Plan 9 from Outer Space“?

30 Jahre später regt sich – wie immer im Genre – das Böse wieder

Die Handlung setzt 30 Jahre nach den Ereignissen des Films ein. Neugierig ist man auf Warwick Davis, den kleinwüchsigen Schauspieler, der wieder in die Rolle des Willow schlüpft. Und auf Joanna Whalley, die neuerlich Sorsha spielt, die auf die gute Seite der Macht gewechselte Tochter der bösen Königin Bavmorda, die stellvertretend auf dem Thron sitzt – bis eines Tages die heran­wachsende wahre Thronerbin Elora aus ihrem Versteck geholt werden kann. Schon nach einer Folge dieser Serie, die Ron Howard und Kathleen Kennedy im Produzentencorps hat, ist festzustellen: Ganz anders! Deutlich besser.

Gefährten und Gefährtinnen, die mal keinen Ring in einen Vulkan werfen müssen: Willow Ufgood (Warwick Davis, von links), Prinz Graydon (Tony Revolori), Boorman (Amar Chadha-Patel), Schlossköchin Dove (Ellie Bamber), Prinzessin Kit (Ruby Cruz) und ihre beste Freundin Jade (Erin Kellyman) sind auf der Suche nach dem vom ultimativen Bösen entführten Prinzen.

Gefährten und Gefährtinnen, die mal keinen Ring in einen Vulkan werfen müssen: Willow Ufgood (Warwick Davis, von links), Prinz Graydon (Tony Revolori), Boorman (Amar Chadha-Patel), Schlossköchin Dove (Ellie Bamber), Prinzessin Kit (Ruby Cruz) und ihre beste Freundin Jade (Erin Kellyman) sind auf der Suche nach dem vom ultimativen Bösen entführten Prinzen.

Wobei Serienschöpfer Jonathan Kasdan eigentlich das Lucas-Prinzip fortsetzt und viel „Star Wars“ hineinpackt (er ist der Sohn von Regisseur Lawrence Kasdan, der einst das Drehbuch zum für immer besten „Star Wars“-Film „Das Imperium schlägt zurück“ schrieb, und hat selbst das Skript zu „Solo – A Star Wars Story“ verfasst). Aber auch wenn er erneut „Herr der Ringe“ einflicht, dazu einiges an „Aschenputtel“, ein Bild aus „Wilhelm Tell“ und vieles, vieles mehr, wirkt Kasdans Motivequirl dennoch eigenständig, unaufdringlich und – überaus ansehnlich.

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„Look matters“ – die Serie „Willow“ sieht gut aus

„Willow“ ist von der ersten Szene eines Schwert­kampfs der Prinzessin Kit (Ruby Cruz) und ihrer Herzens­freundin Jade (Erin Kellyman) der Beweis dafür, dass „look matters“. Hier sieht eine Burg aus wie eine Burg – nicht wie eine Pappkulisse, eine Landschaft überwältigt durch ihre Weite und ist nicht nur ein verschämter Drehort. Und ein Ritter sieht wie ein Ritter aus und nicht wie ein schlecht eingekleideter Darsteller.

Prinz Airk (Dempsey Bryk) fällt da vielleicht etwas raus, der Bonvivant, der mit Säuseleien die Jungköchin Brunhilda, die alle Dove nennen (Ellie Bamber), verführt, sieht eher aus, als sei er vom Set eines Films über eine Rockband der späten Sechzigerjahre herüber­gewechselt. Aber die hippieske Garderobe fällt nicht lange ins Gewicht, wird Airk doch schon bei Kits Polterabend von einem Trupp der dunklen Seite der Macht entführt.

Die Quest der Gefährt*innen: Rettet den Prinzen

Die Quest der Serie – hier betreten Sie endgültig das Reich der Spoiler – ist es dann (vordergründig), den Entführten aus den Krallen des Bösen zu befreien. Wobei es selbstverständlich in Gänze besiegt werden muss, denn es beansprucht nicht weniger als die Herrschaft über die Fantasy­königreiche von Willows Welt. Kit, Jade, der undurchsichtige Boorman (Amar Chadha-Patel), der einst Weggefährte von Kits verschwundenem Vater Madmartigan war (im Film wurde er gespielt von Jim-Morrison-Darsteller Val Kilmer), der sanfte, zum Bräutigam von Kit auserkorene Prinz Graydon (Tony Revolori) und ein alter Oberritter, den umgehend das traurige Schicksal von Neben­darstellern ereilt, gerade als er die Gefährten zur Vorsicht mahnen will, ziehen gegen die Finsternis zu Felde.

Und Dove, die ohne jede Kampferfahrung zur Rettung ihres geliebten royalen Schürzenjägers beitragen will, lässt sich nicht abschütteln und wird unversehens zum Luke Skywalker dieser Saga. Der gut gereifte Nelvyn-Trickser Willow, inzwischen der angesehene Zauberer und Dorfweise, geht mit auf die Reise, wird Doves Mentor und Lehrer, sozusagen ihr Yoda.

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Das Personal der Serie ist doppel­bödiger als im Film

Das Regiequartett Stephen Woolfenden, Philippa Lowthorpe, Jamie Childs und Debs Paterson, ihr Kamerateam, ihre Spezialisten für Maske, Kostüme und Ausstattung und nicht zuletzt die Riege der Autoren erzeugen eine stimmungsvolle mittelalterliche Atmosphäre, für die Meisterkomponist James Newton Howard, dessen Karriere 1984 mit David Lynchs „Der Wüstenplanet“ begann, einen kongenialen Soundtrack schafft.

Wo ein Willow ist, ist auch ein Weg. Viele Szenen mit dem Titelhelden dienen dem „comic relief“ des Publikums. Doch die Figur des unscheinbaren Helden, verwandt mit Tolkiens Bilbo Beutlin, bekommt stärkere Konturen. Wie überhaupt das Personal deutlich doppelbödiger ist, als man in Kenntnis des Films vermutet hätte.

Scheinbar edle Charaktere lassen bald schon in zwielichtige Abgründe blicken, sodass man bald hinter jeder Figur mehr erwartet als das Offensichtliche, als das Böse etwa, das den loyalen Commander Ballantine (Ralph Ineson war der machtbewusste Eisenmann Dagmer Spaltkinn in „Game of Thrones“) befällt wie die Pestilenz. Selbstzweifel und Überheblichkeit, Neid und Eifersucht, Vatersuche, Selbstsuche – diese Märchenfiguren sind nicht ganz einfach, halt menschlich.

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Wobei im Verlauf der Serie (sieben von acht Episoden wurden zur Ansicht gewährt) immer noch einiges an handlungsmäßigem Holperdistolper vorkommt, in höchster Heldennot immer noch Kavallerie­flick­schusterei betrieben wird, und die Neigung, den Ernst der Lage mit Blödelei zu durchbrechen für einen etwas uneinheitlichen Mix aus ernster Fantasy und comichaftem Abenteuer à la „Indiana Jones“ (noch eine George-Lucas-Kreation) sorgt. Aber wie hollywoodesk es auch immer zugehen mag – Zuschauen macht Spaß.

Genderwechsel – weibliche Helden­figuren dominieren das Genre

Wobei erneut das Weibliche dominiert. Willow ist trotz der männlichen Titelfigur eine weitere Übernahme des Genres Fantasy durch Heldinnen. Starke Frauen­charaktere prägten ja schon „Game of Thrones“ (und prägen das Prequel „House of The Dragon“), und jüngst wurde in „Der Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“ Tolkiens Welt der Männer­bündnisse weidlich feminisiert – die Elbin Galadriel empfahl sich durchaus als Herrin der Serie.

Auch in George Lucas’ „Willow“ führen nun Frauen Messer, Schwert und Zauberstab virtuoser als Kerle, und stellen die mittelalterliche „man’s, man’s, man’s world“ infrage und auf den Kopf. Und sogar der märchenhafte Kuss der wahren Liebe ist diesmal der zwischen zwei Frauen. Und wenn sie nicht gestorben sind …

„Willow“, Serie, erste Staffel, acht Folgen, von Jonathan Kasdan, mit Warwick Davis, Ellie Bamber, Ruby Cruz, Erin Kellyman, Amar Chadha-Patel, Joanna Whalley (ab 30. November bei Disney+)

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